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„Animalia“ in Wien: Was Tiere über uns Menschen verraten

Ein weiser Affe, ein grüner Esel und ein monumentales Schwein: Die Ausstellung „Animalia. Von Tieren und Menschen“ in der Heidi Horten Collection zeigt, warum jeder Blick auf ein Tier auch ein Blick auf uns selbst ist. Nur noch bis 30. August 2026.
Violettes Schwein vor farbigem „Snack“-Gemälde in einem Ausstellungsraum.

„Animalia“ in der Heidi Horten Collection

Er wartet schon dort, wo der Rundgang noch gar nicht begonnen hat: François-Xavier Lalannes monumentaler Bronzeaffe „Singe Avisé“ blickt den Besucherinnen und Besuchern mit wacher Gelassenheit entgegen. Torso, Kopf und Hände formen eine Präsenz, die zugleich vertraut und rätselhaft wirkt. Wer beobachtet hier eigentlich wen? Ist der Affe Objekt unseres Blicks – oder sind wir längst Gegenstand seiner stillen Prüfung? Es ist eine Frage, die wie ein Grundton durch die gesamte Ausstellung „Animalia. Von Tieren und Menschen“ in der Heidi Horten Collection klingt. Noch bis 30. August 2026 verwandelt die Schau das Museum im Wiener Hanuschhof in einen vielstimmigen Denkraum über Nähe und Fremdheit, Zuneigung und Herrschaft, Instinkt und Vernunft.

„Animalia“ ist reich an solchen Momenten, in denen das vermeintlich Bekannte plötzlich kippt. Ein Esel leuchtet bei Marc Chagall unwirklich grün. Weiße Pferde bewegen sich durch Roy Lichtensteins farbintensive „Forest Scene“, als wäre die Natur selbst in die grafische Sprache der Pop-Art übersetzt worden. Bei Birgit Jürgenssen verschmilzt ein weibliches Selbstbild mit Fell; in Lili Reynaud-Dewars „Lady to Fox“ scheinen menschliche Beine in Hufen zu enden. Und Lena Henkes mächtige „UR Mutter“, ein violettes Schwein, steht so selbstbewusst im Raum, dass sich die üblichen Größenverhältnisse zwischen Mensch und Tier für einen Augenblick umkehren.

Die Werke locken mit Farbe, Humor und verblüffenden Formen. Doch die von Véronique Abpurg und Annkathrin Weber kuratierte Ausstellung bleibt nicht beim Staunen stehen. Sie führt vor Augen, wie widersprüchlich unser Verhältnis zu Tieren ist. Wir erklären den Hund zum Familienmitglied und das Schwein zum Produkt. Wir bewundern die Kraft des Tigers, während wir seinen Lebensraum verdrängen. Wir geben Tieren Namen, Gefühle und menschliche Stimmen – oder sprechen ihnen Empfindung und Individualität ab, sobald sie zur Ressource werden. Gerade weil die Ausstellung diese Widersprüche weder glättet noch mit erhobenem Zeigefinger abhandelt, entwickelt sie eine besondere Sogwirkung.

Ein Pferd in eine mMuseum

Gemälde an einer Wand

Tiere und Menschen in der Kunst

Der Titel ist dabei weit mehr als ein klangvoller Überbegriff. Der vom Naturforscher Carl von Linné geprägte Terminus „Animalia“ leitet sich von anima, dem lateinischen Wort für Atem oder Seele, ab – und umfasst den Menschen ebenso wie das Tier. Biologisch betrachtet stehen wir also nicht außerhalb des Systems, sondern mitten darin. Kulturell erzählen wir uns allerdings seit Jahrhunderten eine andere Geschichte: jene vom Menschen als Krone der Schöpfung und vermeintlichem Höhepunkt der Evolution, als vernunftbegabtem Wesen über einer Welt, die er ordnen, benennen und nutzen darf.

Genau zwischen diesen beiden Vorstellungen öffnet „Animalia“ seinen spannendsten Raum. Denn Tierbilder handeln nie nur von Tieren. In ihnen spiegeln sich menschliche Wünsche, Ängste und Machtverhältnisse. Der treue Hund steht für Loyalität, der Fuchs für Schläue, die Schlange für Versuchung, das Pferd für Freiheit oder Status. Solche Zuschreibungen sagen häufig mehr über jene aus, die sie erfinden, als über die Lebewesen selbst. Der Mensch ist deshalb in jedem Tierbild anwesend – auch wenn keine menschliche Figur zu sehen ist.

Rund 90 Werke des 20. und 21. Jahrhunderts bilden den Kern der Wiener Ausstellung. Sie stammen aus der Sammlung der Museumsgründerin Heidi Horten, in der Tierdarstellungen einen besonderen Stellenwert einnehmen, und werden durch zahlreiche Leihgaben ergänzt. Große Namen der klassischen Moderne und Pop-Art treffen auf prägnante österreichische und internationale Gegenwartspositionen: Marc Chagall, Pablo Picasso, Franz Marc, Gustav Klimt, Fernand Léger, Roy Lichtenstein und Andy Warhol stehen neben Maria Lassnig, Birgit Jürgenssen, Lena Henke, Mark Dion, Anna Jermolaewa, Hörner/Antlfinger oder Raphaela Vogel. Malerei begegnet Skulptur, Installation und Video. Statt einer zoologischen Ordnung entsteht so ein lebendiges Geflecht von Blicken, Geschichten und überraschenden Nachbarschaften.

Reh

Ausstellungsraum mit Tierkunstwerken, darunter ein goldenes Hirschobjekt und ein Geweih an der Wand.

Tier als Partner und Ressource

Der Ausstellungsparcours gliedert sich in sechs Kapitel. Den Anfang macht das „Tier als Partner“. Hier erscheinen Hund, Katze und Pferd als Gefährten, Haustiere und Mitarbeitende – aber auch als Wesen, deren Aufgaben und Wert vom Menschen definiert werden. Besonders eindrücklich ist Anna Jermolaewas multimediale Arbeit „Noch kein Titel (Eremitage Katzen)“. Vierzig Katzenporträts zeigen Mitglieder jener tierischen Belegschaft, die in der Eremitage in St. Petersburg Gemälde, Skulpturen und Depots vor Nagern schützt. Jede Katze tritt mit einem eigenen Gesicht und Charakter auf. Die Serie ist charmant und würdevoll, wirft aber zugleich eine unbequeme Frage auf: Warum gilt das eine Tier als geschätzte Mitarbeiterin, das andere hingegen als Schädling?

Solche gedanklichen Kippbewegungen sind eine Stärke der Schau. Aus der warmen Vorstellung vom „besten Freund des Menschen“ führt sie weiter zum „Tier als Ressource“. Lena Henkes „UR Mutter“ steht hier Kristof Santys Gemälde „Snackwurst“ gegenüber. Auf der einen Seite erhebt sich das Schwein als monumentale, beinahe archaische Figur; auf der anderen wird tierischer Körper zur kleinen, handlichen Ware. Der Kontrast ist ebenso pointiert wie verständlich. Was zuvor als lebendiges Gegenüber erschien, kann durch Sprache, Verarbeitung und Präsentation binnen Augenblicken zum Konsumobjekt werden.

Auch Dominika Bednarskys Keramiken lassen vermeintlich dekorative Formen ins Groteske kippen. Tierkörper erinnern an Speisen, Trophäen oder flach gedrückte Überreste am Straßenrand. Die Arbeiten verweisen auf industrielle Tierhaltung und alltägliche Gewöhnung, ohne einfache Antworten vorzugeben. Mark Dion und Corinne L. Rusch erweitern die Perspektive um Geschichte, Wissenschaft und koloniale Praktiken. Zoo, Museum und Sammlung erscheinen dabei nicht als neutrale Orte: Auch sie entscheiden, welches Leben ausgestellt, katalogisiert und verfügbar gemacht wird.

Die Ausstellung berührt damit einen Gedanken des Kunstkritikers John Berger, dessen Essay „Why Look at Animals?“ einen wichtigen Bezugspunkt bildet. Mit Industrialisierung und Urbanisierung verschwanden Tiere zunehmend aus dem direkten Alltag der Menschen – und kehrten zugleich massenhaft als Bilder, Produkte und Projektionen zurück. Nie waren Tiermotive so präsent, nie war das lebendige Tier für viele Menschen so fern. „Animalia“ macht diese paradoxe Distanz sinnlich erfahrbar. Man begegnet einem ganzen Kosmos von Tieren und merkt dabei, wie stark der eigene Blick bereits von Kategorien geprägt ist.

Vitrinen mit Reptil-Skulpturen und Insektenbildern in einer weißen Ausstellungshalle.

Das Tier als Spiegel des Selbst

Im Kapitel „Das Tier als Spiegel des Selbst“ wird die Grenze zwischen den Arten durchlässig. Gerade feministische Künstlerinnen nutzen die Verwandlung ins Tierische, um festgeschriebene Rollenbilder abzustreifen. Birgit Jürgenssens „Ohne Titel (Selbst mit Fellchen)“ von 1974 zeigt ein Gesicht, das teilweise unter einem Fuchsfell verschwindet. Das Bild ist verführerisch, komisch und widerständig zugleich. Fell ist hier nicht bloß Schmuck, sondern Maske, zweite Haut und Mittel der Selbstermächtigung. Die Künstlerin entscheidet selbst, wie viel Mensch, Frau oder Tier in diesem Porträt sichtbar werden darf.

Maria Lassnigs „Schmetterling“ wiederum bringt eine leisere Form der Annäherung ins Spiel: Der Blick auf das fragile Tier wird zum Bild von Sehnsucht und innerer Wahrnehmung. 

Das Animalische wird in diesen Arbeiten nicht als Rückfall in etwas Primitives verstanden. Es eröffnet vielmehr Möglichkeiten: andere Körper, andere Identitäten, andere Formen des Zusammenlebens. Die Ausstellung zeigt damit, warum Tiermetaphern politisch sein können. Wer wird als „Bestie“ bezeichnet? Wem wird Vernunft zugestanden? Wer darf sprechen, handeln und über den eigenen Körper bestimmen? Hinter scheinbar spielerischen Metamorphosen werden plötzlich sehr gegenwärtige Fragen sichtbar.

Zwei Tiergemälde hängen an weißen Wänden in einer Ausstellungsraum-Ecke.

Das Tier als wissenschaftliche Kategorie und Bestie

Das Kapitel „Das Tier als wissenschaftliche Kategorie“ richtet den Blick auf den menschlichen Drang, die Welt in Klassen, Arten und Hierarchien einzuteilen. Ordnen hilft, Komplexität zu verstehen. Doch jede Ordnung schafft auch Grenzen und blinde Flecken. Arbeiten von Mark Dion, Constantin Luser und der Künstlergruppe Gelatin greifen die Ästhetik von Labor, Archiv und naturkundlicher Sammlung auf – und treiben sie mit Witz ins Absurde. In Glasgefäßen konservierte Stofftiere wirken bei Gelatin wie unbekannte Spezies aus einer Wissenschaft, deren Regeln niemand mehr ganz durchschaut.

Die Schau lädt dazu ein, auch die eigene Wahrnehmung als Sortiermaschine zu beobachten. Niedlich oder gefährlich? Haustier oder Nutztier? Rein oder schmutzig? Intelligent oder instinktgeleitet? Solche Gegensatzpaare wirken selbstverständlich, bis ein Kunstwerk sie durcheinanderbringt. Plötzlich wird klar: Viele Kategorien beschreiben nicht allein Tiere, sondern organisieren menschliche Interessen. Sie entscheiden darüber, welche Nähe erlaubt, welche Distanz gewünscht und welche Behandlung gerechtfertigt erscheint.

Besonders dunkel wird diese Logik beim „Tier als Bestie“. Seit Mythen und religiösen Erzählungen dient das Tier als Bild des Bösen: die Schlange als Verführerin, das Raubtier als unkontrollierbare Gewalt, das Ungeheuer als Gegenbild zur Zivilisation. Alfred Kubins düstere Blätter führen in psychische Abgründe. Zeitgenössische Werke drehen die Perspektive jedoch um. Selva de Carvalhos textile Schlange „A Boa Esperança“ beißt in eine phallische Form und verlegt die Bedrohung zurück in politische und patriarchale Strukturen. So stellt sich die Frage, ob die Bestie tatsächlich im Tier steckt – oder ob Menschen ihre eigene Gewalt dorthin auslagern.

Rotes „BEWARE OF DOG“-Schild in einer Ausstellung, davor eine Person mit Smartphone.

Das eigenständige Tier: Der Papagei als Mitautor

Nach Partner, Ressource, Spiegel, wissenschaftlicher Kategorie und Bestie mündet der Rundgang in ein Gedankenexperiment: das „eigenständige Tier“. Was geschieht, wenn Tiere nicht länger nur Symbole in menschlichen Erzählungen sind? Wenn sie nicht dargestellt, benutzt oder vermenschlicht werden, sondern als Subjekte mit eigener Wahrnehmung und Handlungsmacht auftreten?

Die Videoarbeit „Unknown Parrot with Princess“ von Hörner/Antlfinger zeigt, wie wenig es braucht, um einen Blick zu verschieben. Historische Bilder von Frauen und Papageien werden mit veränderten Titeln präsentiert. Das klingt zunächst wie ein sprachliches Spiel, doch die Umkehrung entfaltet Wirkung: Auf einmal interessiert die Geschichte des Vogels. Woher kam er? Wie gelangte er an den Hof? Was sah er, was erlebte er? Eine Nebenfigur rückt ins Zentrum, und mit ihr all jene tierischen Biografien, die in der Kunstgeschichte namenlos geblieben sind.

Noch einen Schritt weiter geht das 2014 von Ute Hörner, Mathias Antlfinger und den Graupapageien Clara und Karl gegründete Interspezies-Kollektiv CMUK. In den Arbeiten werden Bücher mit Schnabel und großer Ausdauer bearbeitet: Seiten werden zernagt, Oberflächen verändert und gedruckte Weltbilder buchstäblich in ihre Bestandteile zerlegt. Ist das Kunst? Wer ist Autor oder Autorin? Und muss schöpferische Absicht immer menschlich gedacht werden? Die Arbeiten liefern keine endgültige Definition. Sie machen aber spürbar, wie anregend es sein kann, Autorschaft, Intelligenz und Kreativität neu zu verhandeln.

Diese Verschiebung hin zum Tier als Mitakteur ist vielleicht die kühnste Idee der Ausstellung. Sie verlangt nicht, Unterschiede zwischen Arten zu leugnen oder Tieren menschliche Eigenschaften anzudichten. Im Gegenteil: Respekt könnte gerade darin liegen, das Anderssein auszuhalten – und dennoch Verbundenheit und Verantwortung anzuerkennen. „Animalia“ wird so vom biologischen Begriff zum Modell eines gemeinsamen Lebensraums. Nicht der Mensch in der Mitte und alles andere rundherum, sondern viele Lebewesen in Beziehungen, die einander beeinflussen.

Besucherin vor großem Tigerbild und kleiner Tierplastik im Ausstellungsraum.

Tierdarstellungen in der Kunst- und Wunderkammer

Der Parcours endet nicht bei den modernen und zeitgenössischen Arbeiten. Auch der Tea Room des Museums wird Teil der Erzählung. In Anlehnung an historische Kunst- und Wunderkammern versammelt er rund 80 kunsthandwerkliche Tierdarstellungen aus dem 17. bis 20. Jahrhundert. Kleine, kostbare und bisweilen kuriose Objekte zeigen, wie tief Tiere in die Geschichte des Sammelns eingeschrieben sind. Sie wurden verehrt, verniedlicht, stilisiert und in kostbare Materialien übersetzt. Im Dialog mit den Werken der Ausstellung wird sichtbar, wie dauerhaft die Faszination ist – und wie sehr sich unser Blick verändert hat.

Gerade diese Mischung macht „Animalia“ zu einem besonderen Ausstellungserlebnis in Wien. Wer große Namen sucht, begegnet Chagall, Picasso, Klimt, Warhol oder Lichtenstein. Wer sich für österreichische Kunst interessiert, entdeckt starke Arbeiten von Maria Lassnig, Birgit Jürgenssen, Gustav Klimt, Helene Funke und Alois Mosbacher. Wer zeitgenössische Kunst als zu abstrakt empfindet, findet über vertraute Tiere einen unmittelbaren Zugang. Und wer mit Kindern kommt, kann bei Farben, Formen und Arten beginnen – und von dort zu Fragen gelangen, über die sich noch lange weiterreden lässt.

Die Ausstellung ist unterhaltsam, ohne ihr Thema zu verniedlichen, und kritisch, ohne den sinnlichen Reiz der Kunst zu vergessen. Immer wieder entstehen präzise Dialoge zwischen Werken verschiedener Zeiten: Pop-Art trifft archaische Skulptur, poetische Fantasie auf Konsumkritik, ein Fuchsfell auf Fragen nach Identität, ein Papageienschnabel auf die Autorität des gedruckten Wissens. Man kann den Rundgang als Panorama berühmter Tiermotive genießen. Man kann aber ebenso den eigenen Gewohnheiten beim Sehen zusehen.

Am Ende führt der Weg gedanklich zurück zu Lalannes großem Affen. Sein Titel „Singe Avisé“ lässt sich als „weiser Affe“ verstehen. Vielleicht liegt seine Weisheit darin, dass er keine Antwort gibt. Er erwidert nur unseren Blick – ruhig, beharrlich und auf Augenhöhe. Nach „Animalia“ ist das nicht mehr derselbe Blick wie zu Beginn. Denn wer Tiere betrachtet, entdeckt unweigerlich auch den Menschen: seine Zärtlichkeit und Fantasie, seine Lust am Ordnen, seine Widersprüche und seine Verantwortung.

Viel Zeit bleibt für diese Begegnung nicht mehr. Die Ausstellung „Animalia. Von Tieren und Menschen“ ist nur noch bis 30. August 2026 in der Heidi Horten Collection in Wien zu sehen. Ein guter Anlass, im Herzen der Stadt die Perspektive zu wechseln – und einer Ausstellung zu begegnen, die noch lange nach dem Museumsbesuch weiterarbeitet.