Im Reich der Tiere: Die Heidi Horten Collection zeigt sich animalisch
Anna Jermolaewa porträtiert die Katzen der Eremitage wie Mitarbeiterinnen zur Mäusejagd mit „Ausweisfotos“.
Wir Menschen teilen 99% unserer DNA mit Affen, verstehen einander aber nicht. Anne Speiers „Funky Monkey, What Are You Afraid Of?" (2017) macht genau das zum Thema.
Animalia: Zwischen tierischem Ernst und tierischer Unterhaltung
Der Titel Animalia – vom lateinischen anima („Atem", „Seele") – geht auf den Naturforscher Carl von Linné zurück, der Mensch und Tier in einer biologischen Ordnung vereinte. Die Kuratorinnen Véronique Abpurg und Annkathrin Weber hinterfragen damit bewusst die klassische Hierarchie, die den Menschen über das Tier stellt. „Wie positioniert sich der Mensch im Verhältnis zum Tier und wie definiert er darin sein Selbstbild?", formuliert Direktorin Verena Kaspar-Eisert die Leitfrage der Ausstellung in der Heidi Horten Collection.
Tiere spielten im Leben von Heidi Horten eine bedeutende Rolle. Sie hatte Hunde, Katzen und Papageien und hat sich über viele Jahre für den Tierschutz engagiert. Diese persönliche Verbundenheit spiegelt sich auch in ihrer Kunstsammlung wider.
Zwischen Tierschutz und Ausbeutung: Warum wir Hunde knuddeln und Schweine essen
Was unterscheidet uns vom Tier, was verbindet uns? Sind es Vernunft, Sprache, Intelligenz oder Empathie, die den Menschen definieren? Warum empfinden wir Mitgefühl für Hunde, während wir Schweine industriell verwerten? Wo endet Tierliebe, wo beginnt Ausbeutung?
Die Ausstellung wirft dabei auch Fragen nach Verantwortung auf: Betrachten wir Tiere als autonome Wesen oder wie schutzbedürftige Kinder? Welche Folgen hat die menschliche Kontrolle über das Tier, von (industrieller) Haltung bis hin zu Überzüchtung und Qualzucht? Und welche Rolle spielen wir Menschen im Gefüge der Natur?
Es sind Fragen, die eine zutiefst ambivalente Beziehung offenlegen. Und: „Die Kunst führt uns genau diese Widersprüche vor Augen“, so Kaspar-Eisert.
Das großformatige Ölgemälde „Tiroler Grauvieh“ (2023) von Melanie Thöni zeigt eine sehr enge und persönliche Beziehung zwischen Menschen und einer Kuh, die hier sowohl als Partner als auch als Ressource wahrgenommen wird.
Tierische Intelligenz: Nutztier entpuppt sich als Intelligenzbestie
Anfang des Jahres sorgte eine tierische Sensation für Aufsehen: Veronika, eine 13-jährige Kuh aus Kärnten, verblüffte die Forschung mit einem Verhalten, das man bisher nur von Schimpansen kannte. Die Intelligenzbestie setzt gezielt Werkzeuge wie Stöcke und Besen ein, um sich an schwer erreichbaren Stellen zu kratzen. Besonders beeindruckend: Das Montafoner Braunvieh begreift den Besen als Mehrzweck-Werkzeug, für den Rücken nutzt sie die harten Borsten, für empfindliche Partien wie das Euter das glatte Stielende. Diese Entdeckung zeigt ein flexibles Problemlösungsverhalten und entlarvt eine tief sitzende menschliche Voreingenommenheit: Wir neigen dazu, Nutztieren pauschal eine geringere Intelligenz zuzuschreiben als etwa Haustieren.
Wenn Schweine Videospiele spielen und Tauben Kunst betrachten
Dabei häufen sich die Beweise für tierische Intelligenz: Delfine geben sich Namen, Elefanten erkennen sich im Spiegel, Raben lösen mehrstufige Rätsel, Papageien lernen hunderte Wörter, Oktopusse öffnen Schraubgläser und brechen aus Aquarien aus, Buckelwale komponieren komplexe Lieder, Ratten zeigen Empathie und lachen, Schweine spielen Videospiele mit Joysticks, Bienen tanzen, um Informationen weiterzugeben, Ameisen bilden komplexe Gesellschaften und betreiben Viehzucht mit Blattläusen. Und Tauben? Sie unterscheiden sogar Gemälde verschiedener Künstler:innen.
Je mehr die Forschung über tierische Intelligenz herausfindet, desto brüchiger wirkt die vermeintliche Gewissheit menschlicher Überlegenheit.
Zwischen Kuscheltier und Stummer Diener
Die Ausstellung knüpft an diesen Gedanken an und eröffnet einen Denkraum, in dem die vermeintlich klare Trennung zwischen Mensch und Tier ins Wanken gerät. Sie konfrontiert uns mit Tieren in all ihren widersprüchlichen Erscheinungsformen. So wie der Mensch sie über Jahrhunderte hinweg geformt, genutzt, verehrt oder verachtet hat: als gefährlich oder gehorsam, exotisch oder heimisch, zutraulich oder scheu, furchteinflößend oder niedlich, faszinierend oder verstörend, bestialisch oder verletzlich, lästig oder nützlich, wild oder domestiziert, tot oder lebendig.
Eine entscheidende Frage lautet daher: Was interpretieren wir eigentlich in das Tier hinein?
Von federlosen Zweibeinern und philosophischen Hunden
Schon die antiken Kyniker wussten: Vom Tier lässt sich oft mehr über den Menschen lernen als umgekehrt. Nicht zufällig leitet sich ihr Name vom griechischen Wort kyon für Hund ab. Philosophen wie Diogenes erhoben den Hund wegen seiner Unmittelbarkeit, Genügsamkeit und Freiheit von gesellschaftlichen Konventionen zum Vorbild. Der Hund wurde zum philosophischen Ideal einer Existenz, die näher am Instinkt und weiter entfernt von menschlicher Eitelkeit liegt.
In „Bruegel" (2014) von Alois Mosbacher fungiert der Hund als Spiegel des Menschen mit menschlichen Zügen und klassischem Hundeblick. Er ist Partner, Projektionsfläche und zugleich Opfer menschlicher Macht.
Ein berühmtes Beispiel dafür ist eine Anekdote über den Philosophen Diogenes: Platon hatte den Menschen als „federloses, zweibeiniges Tier" definiert. Diogenes rupfte daraufhin einem Hahn die Federn aus und rief: „Das ist Platons Mensch!" Mit dieser Aktion zeigte er: Die Grenze zwischen Mensch und Tier lässt sich nicht durch einfache Merkmale ziehen.
Das Tier erscheint in der kynischen Tradition also nicht als minderwertig, sondern als Gegenüber, das dem Menschen hilft, seine Selbstbezogenheit zu überwinden. Indem die Kyniker versuchten, wie ein Hund zu leben, suchten sie nach einer Wahrheit über den Menschen, die nur im Blick auf die eigene animalische Natur sichtbar wird.
Diese philosophische Haltung unterstreicht den Grundgedanken der Ausstellung: Die Grenze zwischen Mensch und Tier bleibt verhandelbar. Menschlichkeit ist nicht in der Abgrenzung vom Tier zu erkennen, sondern vielmehr in der Anerkennung unserer Verwandtschaft mit ihm.
Hühner auf dem Laufsteg: Der Künstler Edgar Honetschläger entwarf „Chickenssuits" für Hühner und ließ sie 2005 bei der EXPO in Japan zu Mozart über den Catwalk stolzieren.
Zwischen Mitgefühl und Maschine: Kant und Descartes
Ganz anders argumentierte der Philosoph Immanuel Kant im 18. Jahrhundert. Als er William Hogarths Kupferstichserie Stages of Cruelty (Bühnen der Grausamkeit) sah, die die Misshandlung von Tieren auf Londons Straßen anklagte, erkannte er darin einen moralischen Indikator: Am Umgang mit Tieren lasse sich bereits das „menschliche Herz" erkennen. Auch in der Beobachtung von Tieren, etwa darin, wie fürsorglich sie mit ihren Jungen umgehen, sah Kant eine gute Lehre für Kinder, um Empathie und Mitgefühl gegenüber Lebewesen zu entwickeln.
Dennoch blieb Kant bei einer klaren Abgrenzung: Der Mensch habe zwar die Pflicht, Tiere nicht grausam zu behandeln, doch Tiere selbst besäßen kein Recht, dies einzufordern. Moral blieb damit ein exklusives Merkmal des Menschen und diente letztlich seiner eigenen Selbstvervollkommnung.
Noch radikaler formulierte René Descartes im 17. Jahrhundert die Trennung zwischen Mensch und Tier. Der Begründer des Rationalismus („Ich denke, also bin ich“) verstand das Tier als seelenlose Maschine, konkret als animal machine, als mechanischen Körper, der lediglich instinktiv auf äußere Reize reagiert. Diese Sichtweise diente jahrhundertelang als Rechtfertigung für die rücksichtslose Ausbeutung von Tieren als bloße Ressource.
In der Videoarbeit „Lady to Fox" (2018) von Lili Reynaud-Dewar begleitet die Künstlerin eine Schafherde auf die Weide und tanzt nackt, als Fuchs bemalt, zwischen ihnen. Eine harmonische Koexistenz ohne Unterwerfung.
Blade Runner: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
Während Descartes das Tier als Maschine verstand, stellte der Schriftsteller Philip K. Dick 1968 diese Vorstellung in „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" auf den Kopf: Nicht das Tier erscheint mechanisch, sondern die Maschine plötzlich erschreckend lebendig. Damit verschiebt sich der Diskurs von der alten Grenzziehung zwischen Mensch und Tier hin zu der grundsätzlicheren Frage: Was zeichnet ein fühlendes Wesen aus?
In Dicks visionärer Welt, die später als Blade Runner verfilmt wurde, sind echte Tiere nahezu ausgestorben und zu kostbaren Statussymbolen geworden. Die Fähigkeit zur Empathie gegenüber ihnen gilt als letztes Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Maschine.
Um Androiden zu identifizieren, kommt der sogenannte Voigt-Kampff-Test zum Einsatz. Er misst emotionale Reaktionen auf Szenarien von Tierleid. Die berühmte Frage dabei lautet: Eine Schildkröte liegt hilflos auf dem Rücken in der heißen Wüste und strampelt verzweifelt. Warum helfen Sie ihr nicht?
Das Verstörende daran: Die Testperson hat das Tier selbst auf den Rücken gedreht. Der Test misst also nicht nur Mitgefühl, sondern auch die Reaktion auf selbst verursachte Grausamkeit. Nicht Intelligenz gilt hier als Beweis für Menschlichkeit, sondern die Fähigkeit zu Empathie und moralischem Empfinden.
Maria Lassnig porträtiert sich in „Selbstporträt mit Affen (Geliebte Vorväter)" (2001) symbiotisch mit dem Tier und drückt eine Nähe aus, die sie in menschlichen Beziehungen vermisste.
Das Tier als besserer Mensch und (Spiel-)Gefährte
Während in Blade Runner Moral und Empathie gegenüber Tieren zum Kriterium von Menschlichkeit wird, zeigt sich diese emotionale Bindung in der Realität vor allem im Verhältnis zu unseren Haustieren. Die Sehnsucht nach dem Tier als dem „besseren Menschen" zieht sich durch Literatur, Film und Kunstgeschichte. Tiere erscheinen darin loyaler, ehrlicher und verlässlicher als Menschen.
Besonders eindrucksvoll formuliert Marlen Haushofer diese Idee in ihrem Roman „Die Wand", wo in der Isolation der Bergwelt die Grenze zwischen Mensch und Tier zunehmend ihre Bedeutung verliert. Der Hund Luchs wird für die Erzählerin zu einem Gefährten auf Augenhöhe – verlässlicher, fürsorglicher und lebensnäher als die menschliche Zivilisation, die im Roman nur mehr als zerstörerische Erinnerung existiert. „In jenem Sommer vergaß ich ganz, dass Luchs ein Hund war und ich ein Mensch", schreibt Haushofer.
Auch in der rührenden Filmkomödie „Herrn Josefs letzte Liebe" mit Hans Moser wird der Hund des vereinsamten Pensionisten zum letzten emotionalen Halt in einer Gesellschaft, die ihren Protagonisten längst vergessen hat. Das Tier erscheint als Seelenverwandter, als stiller Gefährte gegen Einsamkeit, Entfremdung und soziale Kälte.
In „Mickey Mouse" (1981, Serie Myths) greift Andy Warhol die bekannteste vermenschlichte Figur der Popkultur auf. Der Siebdruck mit Diamantstaub macht die Maus zur schillernden Ikone, ein Tier mit menschlichem Gesicht.
Partner, Kinderersatz oder Marionette? Die Ambivalenz der Tierliebe
Die emotionale Bedeutung von Haustieren zeigt sich auch im Alltag: Fast jeder zweite Haushalt in Österreich lebt heute mit einem tierischen Mitbewohner, für den monatlich beträchtliche Summen ausgegeben werden. Doch hinter Futter, Tierarztkosten und Spielzeug steckt weit mehr als bloße Tierhaltung. Hunde und Katzen gelten vielen längst als Familienmitglieder, emotionale Anker und verlässliche Partner.
Dabei wird leicht vergessen, dass Tiere eigene Bedürfnisse, Instinkte und Interessen besitzen. Die Vermenschlichung des Haustiers – vom exotischen Tier über die Designerkatze bis hin zum eingekleideten Schoßhund – wird schnell zur Aneignung. Geliebt, verhätschelt und verniedlicht, wird das Tier so sehr an menschliche Vorstellungen angepasst, dass seine eigene Natur verschwindet. Die bedingungslose Liebe, die wir im Tier suchen, erzählt deshalb vor allem von einer menschlichen Sehnsucht: verstanden zu werden, ohne sich erklären zu müssen.
Gerade darin liegt jedoch auch die Ambivalenz der menschlichen Tierliebe. Während der Mensch nach Verständnis, nach Treue und nach bedingungsloser Liebe sucht, wird das Tier in ein menschliches Lebensmodell gezwungen, das ihm seine ursprüngliche Natur entzieht. Der Philosoph Jacques Derrida mahnte deshalb an, das Tier als ein Gegenüber zu erkennen, das uns mit einem eigenen, autonomen Blick begegnet.
Cat Content trifft Hochkultur: In der Videoarbeit „Drei Klavierstücke op. 11" von Cory Arcangel huschen unzählige Katzenpfoten virtuos über die Klaviatur und interpretieren damit Arnold Schönbergs bahnbrechende Atonalität von 1909 neu.
Nackte Wahrheiten: Spielen wir mit der Katze oder spielt die Katze mit uns?
Der Zweifel an der menschlichen Überlegenheit hat eine lange Tradition. Bereits Michel de Montaigne fragte sich im 16. Jahrhundert: „Wenn ich mit meiner Katze spiele, wer weiß, ob sie sich nicht mehr mit mir die Zeit vertreibt als ich mir mit ihr?" Damit hinterfragt er die Selbstverständlichkeit, dass der Mensch das Subjekt und das Tier das Objekt der Beziehung ist. Vielleicht ist es umgekehrt und die Katze betrachtet den Menschen als ihr Spielzeug.
Dieser Gedanke findet seine Fortsetzung bei Jacques Derrida. In seinem Buch „Das Tier, das ich also bin" beschreibt der Philosoph eine Szene, die ihn zutiefst erschüttert: Er steht nackt im Badezimmer vor seiner Katze und bemerkt plötzlich, dass sie ihren Blick auf ihn gerichtet hat. In diesem Moment wird ihm bewusst, dass nicht er die Katze beobachtet, sondern die Katze ihn. Diese Begegnung beschämt Derrida, weil sie ihm seine eigene Nacktheit und Verletzlichkeit vor einem anderen Lebewesen bewusst macht.
Um dieser Erkenntnis sprachlich gerecht zu werden, erfand Derrida das Kunstwort Animot als eine Zusammensetzung aus dem französischen animal (Tier) und mot (Wort). Damit wollte er gegen die Gewohnheit protestieren, von „dem Tier" im Singular zu sprechen, als gäbe es ein einheitliches Wesen namens „Tier". In Wahrheit gibt es unzählige verschiedene Lebewesen wie Katzen, Ameisen und Elefanten, jedes mit eigener Lebensform, eigenen Bedürfnissen und eigener Perspektive.
Der Mensch als Teil der Natur: Die Künstlerin und Naturfotografin Sanna Kannisto widmet ihre Arbeiten besonders gerne fliegenden Tieren.
Vernunft verpflichtet: Der Mensch als besseres Tier?
Wie positioniert sich der Mensch im Verhältnis zum Tier und wie definiert er darin sein Selbstbild? Zwischen „zum Fressen gern“ und „zum Fressen bestimmt“ zeigt die Ausstellung, wie widersprüchlich unser Verhältnis zu Tieren ist. Der Begriff Animalia verweist dabei auf eine besondere Nähe: Mensch und Tier gehören derselben Ordnung an. Oder, wie die Philosophin Mary Midgley im Ausstellungskatalog zitiert wird: „Wir sind nicht nur ähnlich wie Tiere; wir sind Tiere.“
Gerade diese Erkenntnis nagt an der Vorstellung einer menschlichen Überlegenheit gegenüber dem Tier, zumal Vernunft, Intelligenz, Sprache oder Empathie, als jene Merkmale hervorgehoben werden, die uns vom Tier abheben sollen. Der Philosoph Jeremy Bentham stellte bereits Ende des 18. Jahrhunderts genau diese Hierarchie infrage. Für ihn lag der entscheidende moralische Maßstab nicht in der Fähigkeit zu denken oder zu sprechen, sondern darin, Schmerz und Leid empfinden zu können.
Der Mensch ist in diesem Kontext nicht das „bessere" Tier, sondern dasjenige, das kraft seiner Vernunft die Fähigkeit besitzt, über sein Verhältnis zu allen anderen Lebewesen nachzudenken. Daraus erwächst, wie die Philosophin Christine Korsgaard in ihrem Buch „Tiere wie wir“ argumentiert, eine besondere Verantwortung: Unsere Vernunft verpflichtet uns, Tiere als fühlende Wesen mit eigenen Interessen anzuerkennen und ihnen als Mitgeschöpfe mit Respekt zu begegnen.
Der monumentale Bronzeaffe „Singe avisé (très grand)" (2005/08, 200 cm) von François-Xavier Lalanne empfängt die Besucher:innen in der Heidi Horten Collection mit weiser Gelassenheit.
Fazit: Animalische Kunst in animierender Atmosphäre
Vom 27. März bis 30. August 2026 versammelt Animalia. Von Tieren und Menschen in der Heidi Horten Collection rund 90 Werke des 20. und 21. Jahrhunderts und zeigt, wie der Mensch sein Selbstbild sowohl über die Abgrenzung vom Tier als auch über die Identifikation mit ihm formt.
In einem thematischen Parcours aus sechs Kapiteln begegnen den Besucher:innen Tiere in unterschiedlichsten Rollen: als treue Gefährten, ausgebeutete Ressource, Projektionsflächen feministischer Strategien, Objekte wissenschaftlicher Ordnung, ungezähmte Bestien oder autonome Subjekte. Künstlerische Positionen von Pablo Picasso, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, François-Xavier Lalanne, Maria Lassnig, Franz Marc, Meret Oppenheim oder Mark Dion machen deutlich, dass jede Darstellung des Tieres immer auch eine Erzählung über den Menschen ist – über seine Sehnsucht nach Nähe ebenso wie über seinen Drang nach Kontrolle.
Dabei bewahrt die Ausstellung trotz inhaltlicher Tiefe stets Sinn für Humor, Verspieltheit und visuelle Opulenz. Gerade dadurch gelingt ihr ein ebenso intelligenter wie sinnlicher Zugang zu einem der ältesten Spiegelbilder der Menschheit. Angesichts unserer gemeinsamen „biologischen Kategorie“ drängt sich schließlich die Frage auf: Ist der Mensch das bessere Tier oder ist das Tier der bessere Mensch?
So wird Animalia nicht nur zu einer Schau über Tiere in der Kunst, sondern auch zu einer Reflexion über den Menschen innerhalb derselben biologischen Ordnung. Wer die Ausstellung besucht, wird Tiere und auch sich selbst im Gefüge der Natur womöglich mit anderen Augen betrachten. Vielleicht bleibt sogar die Idee zurück, dass wir letzten Endes alle nur „federlose Zweibeiner" sind, die auf der Suche nach Sinn, Zugehörigkeit und immer wieder gutem Cat Content sind.
Animalia. Von Tieren und Menschen
Ort: Heidi Horten Collection, Hanuschgasse 3, 1010 Wien
Dauer: bis 30. August 2026
Öffnungszeiten: täglich (außer Dienstag) von 11 bis 19 Uhr; donnerstags bis 21 Uhr
Tickets: direkt vor Ort oder online buchbar
Web: hortencollection.com
Die Ausstellung Animalia wird von einem umfangreichen Vermittlungsprogramm begleitet, das unterschiedliche Perspektiven auf das Mensch-Tier-Verhältnis eröffnet:
- Öffentliche Führungen finden jeden Samstag und Sonntag um 15:00 Uhr statt.
- Besondere Highlights sind die Spotlight-Führungen zu spezifischen Themen wie „Frei wie ein Vogel?", „Bestie Mensch?" oder „Geliebt und malträtiert?"
- Am 11. Juni laden die Kuratorinnen Annkathrin Weber und Véronique Abpurg zur Curator's Tour durch die Ausstellung, bei der sie persönlich Einblicke in die Konzeption und Werkauswahl geben.
Monumentale Schwere trifft spielerische Leichtigkeit: Der vier Meter hohe Bronzeelefant „Elefandret" (2007) von Miquel Barceló balanciert auf seinem Rüssel.
Direkt vor dem Museum parkt der legendäre Betonporsche aus der Serie Elf Elf von Gottfried Bechtold, ein Monument aus Beton, das mit rund 16,4 Tonnen ungefähr drei ausgewachsenen Elefanten entspricht. Der Betonporsche steht provokant am Direktorinnen-Parkplatz direkt beim Eingang. Anders als im Museum ist Berührung hier ausdrücklich erlaubt. Man darf sich anlehnen, ihn anfassen und einmal so tun, als würde man einen Porsche „be-sitzen".
Am 1. Juni 2026 lädt die Heidi Horten Collection zu einem besonderen Gesprächsabend: Der Künstler Gottfried Bechtold diskutiert mit Direktorin Verena Kaspar-Eisert und Kulturredakteur Thomas Trenkler (Kurier) über sein Werk und die Ausstellung „Gottfried Bechtold. Betonporsche".
Direktorin Verena Kaspar-Eisert und Künstler Gottfried Bechtold vor dem Betonporsche in der Hanuschgasse.