Als Ritual, Körperlichkeit und Aktion zur Kunstform wurden
Klaus Albrecht Schröder, Direktor des Wiener Aktionismus Museums
„Hermann Nitsch. 1960 bis 1965“ zeigt, wie der Maler früh eine radikale künstlerische Sprache von bemerkenswerter Konsequenz formt und damit bereits in jungen Jahren die Grundlagen legt für sein gesamtes Œuvre. Klaus Albrecht Schröder über seine ganz persönlichen Top-3-Exponate der Ausstellung.
Das Blutorgelbild (zu sehen im Titelbild), ein legendäres Werk und All-Over-Painting, das – 9 x 2 Meter groß – sicher allein in der Kunstgeschichte Österreichs steht: die Geburtsurkunde des Wiener Aktionismus, 1962 entstanden. Es gab damals an Monumentalität nichts Vergleichbares in Österreich. Erstmals verwendet Nitsch hier Blut und nicht nur die Farbe Rot als Symbol der Liebe, der Leidenschaft, des Lebens. Das macht es noch einmal bedeutender.
Reliktmontage
Eine Collage auf Jute mit teils ganz neuen Gegenständen der Hygiene, u. a. Pflaster, Papiertaschentuch, Menstruationsbinde. Nitsch verweist damit auf das Innere des Menschen. Er bildet ihn nicht ab in Anatomie, Physiognomie und Gestalt, sondern montiert seine Sekrete, sein Blut, seine Wunden übereinander. Der Mensch ist eine Wunde, suggerieren diese Objekte, in denen bereits das gesamte spätere Orgien Mysterien Theater in konzentrierter Form erscheint: Opfer, Blut, Liturgie, Körper, Ekstase und Erlösung.
Rosenbild
Ein Schlüsselwerk von 1963 in der Übergangsphase vom Tafelbild zum Orgien Mysterien Theater, für das gilt: Das Kunstwerk ist nicht Objekt, sondern Spur eines rituellen Vorgangs. Es besteht aus Blut, Ölkreide, Stoff, Papier und Pflaster auf Jute, verbunden mit sakraler Symbolik und zeigt die Kirche in der Krise. Nitsch transformiert die liturgische Bildtradition – die fünf Wunden Christi – in eine materielle Bildordnung.
„Ich wollte die Freiheit der Kunst verteidigen“
Bundespräsident a. D. Heinz Fischer und KURIER-Herausgeberin Martina Salomon im Talk
Heinz Fischer und KURIER-Herausgeberin Martina Salomon.
Mit einer Fuhre Kuh-Mist reagierten unbekannte Täter Graz auf Hermann Nitsch. Aus der Kleinen Zeitung erfuhr davon der junge Politiker Heinz Fischer und war empört: „So geht das nicht. Obwohl ich Nitsch nicht kannte, habe ich ihn angerufen und gefragt: Wie kann ich helfen? Es ging mir darum, die Freiheit der Kunst zu verteidigen.“ Die Antwort des Künstlers: „Wenn Sie veranlassen könnten, dass im Parlament irgendwo ein Nitsch-Bild angebracht wird, möglichst an einer Stelle, wo Bruno Kreisky oft vorbei geht ....“
Buntes im Parlament
Gesagt getan. Ein Nitsch-Bild hing viele Jahre im Haus am Ring und „Kreisky gefiel, dass da so ein bunter Fleck war. Als ich Wissenschaftsminister wurde“, so Fischer, „sagte ich Nitsch, dass mein Büro künftig am Minoritenplatz ist.“ Darauf der Maler: „Das macht nichts, das hat mir sehr geholfen – ich schenke Ihnen das Bild.“ Später „hat mich mein Sohn enteignet und das Kunstwerk in seiner Wohnung aufgehängt“, erzählt der Alt-Bundespräsident in der Talk-Reihe „Meine 1960er-Jahre“ im Gespräch mit KURIER-Herausgeberin Marina Salomon.
Ein 68er war er nie und im Zeitgeist von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll und dem „Ich wollte die Freiheit der Kunst verteidigen“ Sponti-Spruch „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ insofern eher brav, als ihn „die Politik so fasziniert und so in Anspruch genommen hat“. Der Sozialdemokrat erinnert sich im Talk an seine Aufdecker-Rolle bei der Affäre rund um den nationalsozialistischen Historiker Taras Borodajkewycz 1962 und an die „Uni-Ferkelei“ 1968, die als Schlüsselmoment des Wiener Aktionismus gilt: „Darum habe ich einen großen Bogen gemacht. Das hat mich abgestoßen.“ Der 87-Jährige war „als Student „oft bei Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, das Apartheid- System und für mehr Mitbestimmung man den Universitäten“.
Humanistischer Auftrag
Fischer beklagt: Dass aktuell das Überschreiten der Grenze zwischen Frieden und Krieg leichter fällt als vor 20 Jahren. Er glaubt: Dass die politische Jugend vor 30, 40 Jahren friedensbewegter war als heute. Dass in den 60er- bis 80ernmehr Politiker den Kampf gegen Krieg und für Abrüstung ganz prioritär behandelten. Den Krieg zu vermeiden und den Frieden zu sichern, sei „ein beinharter humanistischer Auftrag“. Und zitiert Willy Brandt: „Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts.“
Hier können Sie sich den Talk mit Bundespräsident a. D. Heinz Fischer und KURIER-Herausgeberin Martina Salomon anschauen:
„So haben wir die 1960er-Jahre erlebt“
Die Gäste von Klaus Albrecht Schröder am 17. Juni im Palais Coburg Residenz
Aus Anlass zur Hermann- Nitsch-Ausstellung im Wiener Aktionismus Museum lädt sich Direktor Klaus Albrecht Schröder Gäste ein. Im Palais Coburg Residenz erinnern sich Zeitzeugen, wie sie die 60er-Jahre erlebt haben: Franz Vranitzky, Politiker und Manager, hat die „Nationwerdung“ Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt und als SPÖ-Bundeskanzler von 1986 bis 1997 aktiv mitgestaltet. In seine Amtszeit fallen zentrale Wegmarken der österreichischen Zeitgeschichte wie die „Waldheim- Affäre“, der Fall des Eisernen Vorhangs, Österreichs EUBeitritt und die Vranitzky- Doktrin.
Er beendete die Zusammenarbeit mit der FPÖ, als Jörg Haider 1986 Vorsitzender wurde und bildete nach der vorgezogenen Nationalratswahl, die der FPÖ starke Gewinne brachte, eine Koalition mit der ÖVP, die bis 1999 hielt. Vranitzky war der erste österreichische Bundeskanzler, der sich zur Mitschuld der Österreicher an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannte.
Bei Oscar Bronner standen u. a. die Aufbruchsstimmung der späten 60er und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Österreichs im Fokus, außerdem die Sehnsucht nach einem unabhängigen Journalismus und ein starkes anti-autoritäres Klima. In den späten 60er-Jahren reifte bei ihm die Überzeugung, dass er selbst eine Zeitschrift gründen müsse. Daraus entstanden später Profil und Trend. 1988 gründete er mit dem Springer Verlag die Tageszeitung Der Standard.
Zu sehen im Palais Coburg Residenz, 1., Coburgbastei 4
Wann: 17. Juni 2026
Beginn: 18.30 Uhr, Eintritt frei
Anmeldung erforderlich unter: wieneraktionismus.at/programm.
Katalog zur Ausstellung
Die erste umfassende Publikation, hrsg. von Julia Moebus-Puck, gehört zum bedeutenden Frühwerk von H. Nitsch; 29 €;
Zu erwerben: wieneraktionismus.at/wam-shop
Gesprächsreihe „Meine 1960er-Jahre“ mit Franz Vranitzky, Oscar Bronner am 17. Juni 2026
In Kooperation mit und im Palais Coburg Residenz, 1., Coburgbastei 4
Eintritt frei, Beginn: 18.30 Uhr
Hier geht's zur Gratisanmeldung
Wann & Wo
Bis 5. Juli.; Wiener Aktionismus Museum, 1., Weihburggasse 26
geöffnet täglich (außer Montag) 11-18 Uhr
Führungen
Am 24. Juni (17 Uhr)
5. Juli (15 Uhr)
Preis: 5 Euro (zuzüglich Eintritt),
Sprache: Deutsch; Dauer: 50 Minuten
Anmeldung unter: wieneraktionismus.at/fuehrungen/