Wirtshaus "Alxinger" in Wien: Der radikale Neubeginn eines Hobbykochs

Gestern noch in der Wirtschaft, heute in der Gastwirtschaft. Im „Alxinger“ in Favoriten wagte der leidenschaftliche Hobbykoch Christian Bartik einen radikalen Neubeginn.
Christian Bartik in seinem Gasthaus.

Irgendwann im Jahr 2017 übersiedelte Christian Bartik aus einer anderen Gegend des Wiener Bezirks Favoriten in das Grätzl um den Erlachplatz, bekam den Schlüssel für die neue Wohnung ausgehändigt und ging mit seinem Sohn erst einmal ins nächstgelegene Gasthaus. Das „Alxinger Stüberl“ war ihm gleich sympathisch, er kam wieder und immer öfter, freundete sich mit dem Wirt an und half ihm gelegentlich sogar in der Küche.

Neun Jahre später sitzt Christian Bartik immer noch im „Alxinger“. Nur ist er jetzt nicht mehr Stammgast, sondern selbst der Wirt und Koch. „Hätt’ ich mir damals auch nicht gedacht“, sagt er. „Aber Anfang 2025 hat der Josef Winkler beschlossen, in Pension zu gehen.“ „Schade“, dachte Bartik, und der alte Wirt meinte nur: „Kannst du dir vorstellen, den Alxinger zu übernehmen?“

Das war eigentlich eine ziemlich waghalsige Frage. Bartik hatte schließlich einen guten Job als Abteilungsleiter der Wiener Wirtschaftsagentur, und er war immerhin schon 58. Aber der Wunsch nach Veränderung mag schon in ihm geschlummert haben, und auch die Lust und der Ehrgeiz, einmal anders zu kochen als bisher – nämlich nicht nur für sich selbst und seinen Freundeskreis. Er rückt sein Kapperl mit der Aufschrift „Eddy Merckx“ zurecht, glättet die lederne Schürze und sagt: „Ich hab’ ja gewusst, dass der Standort funktioniert.“

Am 28. April 2025 sperrte er, nach behutsamer Entrümpelung und Renovierung, auf und notierte in seinem Blog: „Wenn das Schicksal fragt, ob man seine Träume erfüllen will, dann sollte man ja sagen, weil zweimal fragt’s nicht, das Schicksal.“

Die Jahreszeit fand er optimal: „Staffelübergabe von Bärlauch zu Spargel“, Rhabarber und richtige Erdbeeren („nicht geschmacklose Nachbildungen!“), frische Erbsen und Hochsaison für Lamm, Kitz und Maibock. Alles das gab es schon in den ersten Wochen, und es war eine Ansage tief in Favoriten, wo im Wesentlichen Schnitzel, Pizza und Döner zuhause sind. „Ich denke schon, dass meine Küche hier ein bisserl dazu beitragen kann, den Horizont zu erweitern.“

Deshalb stehen – natürlich neben dem altbewährten Kanon eines Vorstadtwirtshauses – immer wieder auch Ausflüge ins Mediterrane auf der Karte. Mit seiner mechanischen Imperia-Nudelmaschine stellt er selbst Ravioli her, zuletzt welche mit Kaninchenfleischfülle. „Das ist eine g’scheite Arbeit“, sagt Bartik, „aber ich freu’ mich, dass es honoriert wird.“

Würziges Paprikahendl mit handgeschabten Nockerln.

Würziges Paprikahendl mit handgeschabten Nockerln.

Er hat auch schon Frittata gemacht, die opulente italienische Omelett-Variante, die mit allem harmoniert, was in der Küche vorrätig ist, vom Käse über Speck und Schinken bis zu Pilzen und Gemüse aller Art. Oder Souvlaki mit Favabohnen-Püree und Juvetsi, ein griechisches Fleischragout mit der reisförmigen Pasta namens Kritharaki. Oder  Lasagne-Abwandlungen mit Kürbis und Blunzen. Und Gnocchi, er liebt Gnocchi, ob kürbisgelb oder rübenrot.

Keine Sekunde bereut

Jetzt ist Christian Bartik bald ein Jahr Koch im eigenen Gasthaus, und so wie er kurz die Augenbraue hebt angesichts der Frage, ob er es schon einmal bereut habe, ist die Antwort ohnehin klar. „Keine Sekunde“, sagt er, „aber anstrengender, als ich es mir vorgestellt habe, ist es schon.“ Vorgänger Josef Winkler war für den Quereinsteiger ein Glücksfall. „Er hat mich perfekt eingeschult und ich hab’ ihm voll vertraut, weil ich ja von früher weiß, dass es hier gut schmeckt.“ Nachsatz: „Sonst wäre ich nie Stammgast geworden, und mein Leben wäre heute ein anderes.“ Jedenfalls musste niemand ihm zeigen, wie man einen Kochlöffel hält und den Herd aufdreht. „Ich war, glaube ich, kein ganz schlechter Hobbykoch, und ich bin mit selbst gemachtem Essen aufgewachsen.“

Vintage-Fahrradkapperln.

Die Markenzeichen des Kochs: Vintage-Fahrradkapperln.

Der „pathologische Favoritner“, wie er selbst sagt, stammt aus klassischem sozialdemokratischem Mittelstand; „mein Vater war der erste in der Familie mit Matura, ich bin sozusagen ein Kind Kreiskys.“ Die Mutter beherrschte die gediegene Hausmannskost: einbrennte Hund’, Erbsensuppe mit Debreziner, Innereien – Jugenderinnerungen, die heute auf der Speisekarte des „Alxinger“ stehen. Dazu kam, dass einer seiner besten Freunde, aus ähnlichem Milieu stammend, Bartiks Lust am Kochen weckte. „Seine Eltern sind beide arbeiten gegangen, er hat sich selbst versorgen müssen und auch mir viel beigebracht. Ist doch schön, wenn man zu dem, was einem früher schon Spaß gemacht hat, auf einmal Arbeit sagen kann.“

Das Mittagsgeschäft ist vorbei. Er muss jetzt dann los. Einkaufen auf dem nahe gelegenen Viktor-Adler-Markt, den er seit seiner Kindheit kennt und liebt, und wo er fast alles bekommt, was er für seine Küche braucht. Mit dem Rad natürlich, weil Radfahren neben Kochen sein größtes Steckenpferd ist. Und damit wäre auch geklärt, warum auf seinem Kapperl „Eddy Merckx“ steht.

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