Beim Prater ums Eck: Marillen im Cordon und Lángos de luxe

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Im einst verruchten Stuwerviertel hat ein Tiroler Gastronom aus einem verkommenen Beisl ein Vorzeige-Wirtshaus geschaffen – das „Stuwer“. Und warum? Weil er dort selbst hingehen wollte …

von Achim Schneyder

Als Kai Mende, der deutsche Küchenchef des Wiener Wirtshauses „Stuwer“, dem Tiroler Betreiber dieser Gaststätte, Roland Soyka, vor nicht allzu langer Zeit offenbarte, wie er das Cordon bleu künftig zu füllen gedenke, war der Boss im ersten Moment ein bisserl skeptisch. „Schinkenspeck, geräucherter Brie und Zwiebel – das hab’ ich ja noch verstanden. Aber zusätzlich noch eine getrocknete Marille drin?“ Da argumentierte der deutsche Küchenchef, dass die Wiener ja auch gerne Preiselbeeren zum Wiener (im „Stuwer“ übrigens vom österreichischen Kalb!) essen würden, und dieser Einwand erschien dem Tiroler Hausherrn plausibel. „Na gut, probier’s, hab’ ich zu ihm gesagt, und spätestens nach den ersten Reaktionen der Gäste war klar, dass die Idee tatsächlich keine schlechte war.“

Das „Stuwer“ in der gleichnamigen Straße im gleichnamigen, ehemals verruchten Viertel zwischen Praterstern und Donau gibt’s seit Mitte April 2018. Davor hieß es „Lindwurmstüberl“ und war ein so richtig verkommenes Beisl in einem der klassischen Gründerzeithäuser im ehemaligen Augebiet. „Selbst der G’spritzte war kaum trinkbar, aber ich bin trotzdem dann und wann reingegangen“, erzählt Roland, ein 1984er-Jahrgang, der 2010 der Liebe wegen aus Österreichs Westen nach Wien gezogen war. „Meine damalige Freundin und heutige Frau Gerhild wohnte ganz in der Nähe, und immer, wenn ich vom Arbeiten kam, lag es auf meinem Weg.“

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Einst Schlosserei, dann Partykeller, heute g’mütliches G’wölb.

Roland, Absolvent der Hotelfachschule in Innsbruck und seither stets in der Gastronomie tätig, ging freilich nicht ganz ohne Hintergedanken ins „Lindwurm“. In ihm war die Idee gereift, sich dereinst selbstständig zu machen, „und irgendwie schien mir dieser grindige Laden prädestiniert. Die uralte Schank hat mir unglaublich gefallen, und der hohe Gastraum hatte auch enormen Charme. Da war Substanz da.“

Zeitungen als Zeitzeugen

Eines Tages hat er die Wirtin schließlich gefragt, ob sie ihr Beisl nicht vielleicht hergeben mag. „Gern, am besten schon gestern!“, entgegnete diese. „Was zahlst mir denn?“ Worauf die beiden schnurstracks in Verhandlungen traten, um recht rasch Einigung zu erzielen.

Und so war am 27. Februar 2018 endgültig Sperrstund’ im abgewirtschafteten „Lindwurm“, damit rund sechs Wochen später das „Stuwer“ eröffnet werden konnte. „In der kurzen Zeit dazwischen haben wir alles rausg’rissen, was drinnen war. Bis auf die Schank aus grauer Vorzeit. Die haben wir saniert, weil die war und ist ein Herzstück. Und beim Sanieren haben wir dann all die alten Zeitungen entdeckt, mit denen diese Schank einst gedämmt wurde. Inklusive Eiskeller, der zweimal in der Woche mit den von der Pferdekutsche gelieferten Eisblöcken befüllt wurde. Zwei Zapfhähne hat’s damals gegeben, einen fürs Bier, einen für den Weißwein, und der ursprüngliche Wirt war quasi der König im Grätzl, weil wer hatte schon kaltes Bier und kalten Wein? Sehr wenige nur.“

Eine dieser Zeitungen hängt heute übrigens gerahmt nahe der Schank; es handelt sich dabei um eine Ausgabe der „Reichspost“ vom 12. April 1925. „Fast auf den Tag genau so alt dürfte dieser Betrieb also sein“, sagt Roland, der sein Lokal ob des von Anfang an regen Zulaufs weiter Schritt für Schritt herausputzen konnte. Die benachbarte, ehemalige Trafik, zu der schon in den 1980ern durchgebrochen wurde, mascherlte er zu einem Stüberl mit 20 weiteren Sitzplätzen auf. Und im Keller, wo bis in die 1990er eine Schlosserei und später der Partykeller des „Lindwurm“ beheimatet war, befindet sich heute das g’mütliche G’wölb mit 40 Plätzen und eigener Bar. Und der von Roland in seiner heutigen Form durchgesetzte Schanigarten auf der platzähnlichen Kreuzung direkt vor dem Eingang, der kann’s auch.

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Ein Dessert der ersten Stunde: der famose Kaiserschmarrn.

Wie’s auch die Küche kann, wobei die Karte erfreulich überschaubar ist. Und auf der finden sich – gleichsam dem ums Eck liegenden Wurstelprater zu Ehren – auch Lángos. Bloß dass es sich hier nicht um vor Fett triefendes Kirtagsjunkfood handelt, sondern um kreativ belegte Leckerbissen. „Fast wär’ das Stuwer ja eine Pizzeria geworden“, gesteht Roland, „weil die offene Küche sehr klein ist und ein Pizzaofen perfekt Platz gehabt hätte. Damals war die neapolitanische Pizza auch noch nicht ganz so in Mode, und die hätte mir vorgeschwebt. Dann hab’ ich mich aber gefragt, in was für ein Lokal ich persönlich an einem Eck wie diesem in einer Gegend wie dieser am liebsten gehen würde. Und die Antwort, die ich mir gegeben hab’, war: ein Beisl.“

Es war die einzig richtige. Nicht zuletzt ob des überragenden Kaiserschmarrns.

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