Weinhaus Sittl: Schwesterlein fein in Neulerchenfeld
Anna und Leila Kremser führen das „Sittl“ nun in vierter Generation: „Es ist unsere Lebensaufgabe.“
von Achim Schneyder
„Da, lies mal, da ist von uns die Rede“, sagt Leila Kremser und schlägt ein Buch auf. Und tatsächlich, auf Seite 78 des 2004 erschienenen Kriminalromans „Nervöse Fische“ von Heinrich Steinfest steht Folgendes: „Die beiden jungen und erstaunlich hübschen Frauen, die gerade bedienten, standen nur auf den ersten Blick im Widerspruch zum einfachen Ambiente. Denn auch sie verhielten sich völlig unprätentiös, waren weder sonderlich freundlich noch sonderlich unfreundlich, schienen allen Ernstes nichts anderes im Sinn zu haben, als eine Bestellung aufzunehmen, das Essen und Trinken zu servieren und den Handel finanztechnisch abzuschließen.“
„Ich war damals 17, Leila 23“, sagt Anna Kremser, „und wir haben unserem Papa Werner geholfen, der damals der Wirt war“. Namentlich genannt werden die beiden zwar nicht, aber dass sie es sind, ist insofern klar, als in den Absätzen davor vom namentlich sehr wohl genannten „Weinhaus Sittl“ die Rede ist. Und da wiederum heißt es: „Das „Weinhaus Sittl“ (…) bewegte sich zwischen Schäbigkeit und Originalität. (…) Nichts schien hier konstruiert, alles geboren. (…) Selbst die Speisen schmeckten einzig und allein nach sich selbst, ein Rindsgulasch nach Rind und nicht etwa nach zerdrückten Mandarinen oder wonach ein Gulasch auch immer schmecken konnte, wenn man nur umständlich genug an ihm herumbastelte.“
„Das Gulasch hat damals wie heute unsere Mama Dika gekocht, die seit 30 Jahren in der Küche steht. Und sie kocht es noch heute wie damals“, sagt Leila. Auch sonst ist hier alles beim Alten, denn seit der vorerst letzten Renovierung in den 1960ern unter Katharina Kremser, geborene Sittl, als der stattliche Kanonenofen aus Gusseisen im Gastraum Einzug hielt, hat sich nichts mehr getan. Rein gar nichts nämlich, und das ist gut so. Auch der 100 Jahre alte Götterbaum im Innenhof beschattet nach wie vor den lauschigen Gastgarten und den Holzpavillon. Beide übrigens mit recht unebenem Boden, weil der Götterbaum unermüdlich wurzelt.
Tafelspitz klassisch mit Rösti, Apfelkren & Schnittlauchsoße.
Der letzte Zeitzeuge
Erstmals urkundlich erwähnt wurde das denkmalgeschützte Biedermeierhaus am Lerchenfelder Gürtel 51 im Jahre 1740. Schon damals ein Wirtshaus, und dann, Mitte des 19. Jahrhunderts, als von 150 Gebäuden in Neulerchenfeld 103 eine Gastgewerbekonzession besaßen, das erste Haus am Platz. Heute ist das „Sittl“, das seit 1914 so heißt, nachdem Leilas und Annas Urgroßeltern die Gaststätte samt den dazugehörigen Wohnungen gekauft hatten, das letzte Haus am Platz, der letzte verbliebene Zeitzeuge dieser einst so riesigen Wirtshauslandschaft. „Das gilt es zu bewahren und dafür tun wir alles“, sagen die Schwestern, die beide nach Abschluss der HTL im Betrieb eingestiegen sind, ehe sie ihn übernommen haben. „Unser Vater, der über 80 ist und wie wir alle hier im Haus wohnt, kommt allerdings immer noch gerne vorbei und bietet seine Hilfe an, speziell der Mama in der Küche.“
- Wo?
Lerchenfelder Gürtel 51, 1160 Wien, Tel.: 01/4050205, www.sittel.at. - Wann?
Mo. bis Fr. 17–23 Uhr - Was und wie viel?
Als Vorspeisen gibt es nur Suppen: mit Frittaten 5,50 €, Leberknödel 6 €, Bouillon m. Ei 5,50 €; Kleinigkeiten: Brot mit Gansl- oder Grammelschmalz oder Brot mit Liptauer (4,80 €); Hauptspeisen von 12,50 € (Camembert gebacken) bis 26 € Kalbswiener); dazwischen Karfiol gebacken (13,80 €), Knödel mit Ei (14 €), Fleischlaberl mit Petersilerdäpfel u. Salat (16,50 €), Paprikahuhn mit Nockerl (18 €) oder Forelle Müllerin mit Petersilerdäpfel (21 €). - Warum?
Weil die Zeit hier stehengeblieben ist und das Achtel noch im Fasslbecher aus- geschenkt wird, dem kleinen, bauchigen Glas ohne Stiel. Grundsolide Küche und sehr nette Gastgeberinnen.
Im „Sittl“, dessen Beiname „Zum Goldenen Pelikan“ sich auf das Hauswappen bezieht, das einst oberhalb des Eingangs mit dem hölzernen Windfang prangte, konnte und kann man freilich nicht nur ungekünstelt gutbürgerlich speisen – in der Vitrine nebst der Schank liegt eine Original-Speisekarte vom 1. April 1944 zur Ansicht –, im „Sittl“ spielte auch Kultur eine große Rolle. Theater- und Kabarettabende, Lesungen und Konzerte gingen im Pelikan-Stüberl über die Bühne, und auch heute geben sich Wienerliedsänger und Zitherspieler abwechselnd an Dienstagabenden ein Stelldichein. Allerdings im Gastraum, da das Stüberl vorübergehend Pause macht. „Das heißt aber nicht, dass es für immer stillgelegt ist“, sagt Leila. „Bloß haben wir, wie leider so viele, Personalprobleme.“
Das ist mit ein Grund, warum das „Sittl“ nur noch ab dem späten Nachmittag geöffnet hat. „Irgendwann hat sich das Mittagsg’schäft aber nicht mehr rentiert, die Abende sind dafür sehr gut ausgelastet, wobei der Anteil an Stammgästen bei über 90 Prozent liegt“, sagt Anna.
Einer dieser Stammgäste war der „Augustin-Gerri“, der „Augustin“-Verkäufer Gerhard Geiger. „Der ist im Jänner verstorben und hatte schon zu Lebzeiten seinen nach ihm benannten Stammtisch“, erzählen die Schwestern. „Er kam jeden Tag und blieb oft viele Stunden einfach nur sitzen. Er gehörte, wie fast alle Stammgäste, zur Familie.“ Der Autor, Musiker und „Sittl“-Kenner Richard Weihs beschreibt das Wirtshaus übrigens so: „Hier finden Menschen Unterschlupf, die in anderen Lokalen schneller wieder draußen sind als drinnen. Und vor allem: Sie werden nicht herablassend behandelt.“
Was für ein schönes Kompliment.
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