Wiener Kirche mit progressivem Akzent: Zwischen Café und Gottesdienst
Das Pilotprojekt „Kirchenschiff“ soll eine Art Hintertürchen in die Kirche darstellen. Gemeinsam mit der Caritas öffnet die Erzdiözese Wien die großen Flügeltüren der Pfarrkirche Auferstehung Christi in der Siebenbrunnenfeldgasse in Margareten – und zwar für alle Menschen. Das Gotteshaus wird nämlich zum Sozial- und Begegnungszentrum. Das Besondere daran: Die Kirche ist nicht profaniert. Soll heißen, dass sie weiterhin ein sakraler Raum bleibt, in dem Gottesdienste gefeiert werden.
Die Ausstattung aus dem Waldkloster in Favoriten wurde nach Margareten gebracht.
Das Gebäude wird also ab sofort geteilt, ein Ort des Miteinanders sozusagen. Während an manchen Tagen die Gläubigen die Kirchenbänke besetzen werden, werden an anderen Tagen Menschen mit anderen Bedürfnissen die Räumlichkeiten füllen. Es wird eine Ausgabestelle für Lebensmittel und Kleidung geben (mittwochs und donnerstags von 10 bis 13 Uhr), im Winter wird eine Wärmestube eingerichtet, im Sommer ein Raum zum Abkühlen. Ein kleines Café wird geschaffen, Lernhilfe und Seelsorge angeboten. Das alles auf über 1.000 Quadratmetern Fläche.
Lösung gefunden
Der Bedarf an Hilfe – auch weltlicher Art – sei jedenfalls groß, sagt Caritas-Direktor Claus Schwertner. „Wenn Caritas-Angebote gut angenommen werden, zeigt das eine Not auf.“ Das neue „Kirchenschiff“ mit all seinen Angeboten soll hier Abhilfe leisten.
Vorteile soll das neue Projekt aber auch für die Kirche bringen. Seit Jahren wird die Zahl der Christen in Wien immer weniger, auch Kirchgänger gibt es nicht mehr so viele wie früher. „Seit Jahren hat die Erzdiözese überlegt, was mit dieser Pfarrkirche passieren soll“, sagt Erzbischof Josef Grünwidl. Mit dem „Kirchenschiff“ sei die passende Lösung gefunden worden.
Die Marktstände wurden mit Mahagoniholz überzogen.
Zudem verwies er auf den Vorbildcharakter der Einrichtung etwa für andere Pfarren. „Ich hoffe sehr, dass die Grundidee Schule macht“, hofft Grünwidl.
Kleinere Umbauarbeiten
So oder so: Um genügend Platz für alle künftigen Besucher der Pfarrkirche zu schaffen, waren kleinere Arbeiten nötig. Und das, obwohl der Altarraum seit 2023 denkmalgeschützt und die gesamte Kirche in einen Komplex von Wohnhäusern eingebettet ist.
Um dieser Aufgabe dennoch gerecht zu werden hat ein vierköpfiges Architektenteam seit vergangenem Oktober an dem neuen „Kirchenschiff“ gearbeitet und getüftelt. Ein Großteil der neuen Ausstattung war schon vorhanden: Erst kürzlich wurde die Lebensmittelausgabe der Caritas im ehemaligen Waldkloster in Favoriten geschlossen. Die „Casa Leben“ plant, dort ein Pflegewohnheim zu eröffnen. Das Mobiliar der Caritas wurde deshalb von Favoriten nach Margareten übersiedelt. Das große bunte Plakat ziert nun einen Nebenraum, Sitzelemente wurden im Café eingebaut und die Marktstände bekamen ihren Platz im Altarraum. Allerdings mit einer kleinen Anpassung: Weil das Innere der Pfarrkirche zum Teil aus Mahagoniholz besteht, sollten auch die neuen Marktstände optisch passen. Geplant war, die Marktstände neu zu lackieren. Das war dann aber nicht nötig: „Unsere Tischlerin hat noch altes Mahagoniholz in der hintersten Ecke ihrer Werkstatt gefunden“, sagt Architektin Johanna Aufner. Mit geschlossener Klappe passen sich die Marktstände nun also perfekt ins Bild ein.
Einer der Marktstände wurde rosa gestrichen.
Werden sie dagegen geöffnet, kommt die dahinter verborgene Farbe zum Vorschein. Die Innenwände der Marktstände haben die Architekten nämlich bunt gestrichen, in Farben, die sich auch in der Kirche wiederfinden. „Nur einen Marktstand haben wir rosa gestrichen, das ist unser progressiver Akzent“, scherzt Aufner.
Auch über das neue Café gelangt man in die Kirche.
Aber auch um die Menschen überhaupt erst in die Kirche zu bekommen, hat sich das Team etwas überlegt. Das eingangs erwähnte „Hintertürchen“ – oder eher einen Nebeneingang – gibt es tatsächlich. „Viele Menschen trauen sich nicht, durch die Haupttür einer Kirche zu gehen“, sagt Aufner. Um dem entgegenzuwirken, wurde ein neuer Eingang geschaffen: Künftig sollen Besucher auch über das Café in die Kirche gelangen – welche Art der Unterstützung sie auch suchen, materiell oder spirituell.
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