Expertin: So werden die Menschen in Wien in Zukunft wohnen

Die Trendforscherin Oona Horx-Strathern spricht über das Potenzial gemeinschaftlicher Wohnprojekte und warum das „eine“ Zuhause für das ganze Leben zunehmend zur Ausnahme wird.
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Die Frage, wie wir in Zukunft wohnen werden, hat weniger mit Quadratmetern zu tun als mit gesellschaftlichen Umbrüchen – allen voran mit dem demografischen Wandel. Eine Prognose der Stadt Wien ergab etwa, dass die Bevölkerung hier in den kommenden drei Jahrzehnten um rund 332.000 Personen anwachsen wird. Das würde bedeuten, dass im Jahr 2055 etwa 2,36 Millionen Menschen in der Bundeshauptstadt leben.

Dieser Anstieg werde sich auch auf die Art des Wohnens auswirken, sagt Trendforscherin Oona Horx-Strathern. „Wir leben heutzutage viel länger. Durch dieses längere Leben hat man viel mehr verschiedene Lebensphasen als früher.“ Früher hatten Menschen typischerweise drei Lebensphasen: Kindheit, Familiengründung mit Haus und Job und die Pension. 

„Das heißt, man braucht in Zukunft verschiedene Wohnformen und Wohnmodelle für diese Lebensphasen. Das eine Zuhause für das ganze Leben gebe es heute nicht mehr. „Früher wurde man in eine Gemeinschaft hineingeboren“, so die Expertin. „Heute müssen wir sie aktiv gestalten.“

Allein in der Villa

Die Expertin ist der Ansicht, dass deshalb die Idee von Co-Living, Micro-Apartments sowie Multigenerationshäusern immer populärer wird. „Im 17. Bezirk in Wien gibt es zum Beispiel diese riesigen alten Villen, in denen oft eine alte Frau alleine lebt. Da könnte man sich Alternativen überlegen“, so die Trendforscherin. Studenten könnten etwa einziehen, um die Bewohnerin im Haushalt zu unterstützen – im Gegenzug dürften sie gratis dort wohnen.

Oona Horx Strathern, Trendforscherin

Trendforscherin Oona Horx-Strathern im Gespräch über die Wohn-Trends der Zukunft. 

WGs für Ältere

„So würde man einerseits dem Bedürfnis nach leistbarem Wohnen nachkommen, und andererseits dem Wunsch nach Gesellschaft“, so Horx-Strathern. Viele ältere Menschen würden nach wie vor nicht gerne in einem Altersheim leben – bräuchten aber trotzdem Unterstützung. In anderen Ländern gebe es viele ältere Frauen, die zusammen in Wohngemeinschaften leben. 

Das könnte laut Horx-Strathern auch in Österreich relevant werden. „Bei der aktuellen demografischen Entwicklung werden wir in 20 oder 30 Jahren viele ältere Menschen in unserer Gesellschaft haben. Und durch die längere Lebenserwartung besonders viele ältere Frauen.“

Als Best-Practise-Beispiel für Multigenerationen-Häuser nennt Horx-Strathern das „Siebenstockdorf“ in der Leopoldstadt (siehe rechts). 100 Menschen verschiedener Generationen leben in einem Haus zusammen – jeder in einer eigenen Wohnung, man teilt sich aber ein Auto, Großeinkäufe, die Dachterrasse oder leiht sich Ski für die Kinder beim Nachbarn aus. 

Gegentrend zur Urbanisierung 

Das Modell erinnert an die Struktur und die Gemeinschaft am Land. Ein Gegentrend also zur Urbanisierung und dichten Besiedlung in Wien? „Wenn man sich das historisch anschaut, dann gab es immer Phasen, in denen die Stadt für die Menschen interessant war. Aber ein Trend löst auch immer einen Gegentrend aus“, so Horx-Strathern. Momentan sei die Nachfrage nach Wohnungen und Häusern im Umland von Wien höher. „Das ist nach wie vor eine Folge von Corona. Leute haben gesagt, sie brauchen mehr Platz, sie brauchen einen Ort, wo sie rausgehen können.“

Grätzl-Oasen

Man sehe aber gerade in Wien, wie der Wunsch nach Grünflächen bei der Stadtplanung berücksichtigt werde. „Projekte wie ‚Grätzl-Oasen‘ zeigen, wie Straßen und Plätze zu erweiterten Wohnräumen werden können – besonders für Menschen ohne Balkon oder Garten“, so die Expertin.

Apropos Garten: Das Bauen werde sich durch den Klimawandel auch immer stärker wandeln: Mehr Grünflächen, kühlende Materialien und neue Konzepte wie die „Schwammstadt“ in der Seestadt, bei der Regenwasser gespeichert wird, können Städte hitzebeständiger machen. „Bezieht man solche Maßnahmen mit ein, schafft man bessere Lebensqualität im urbanen Wohnraum.“

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