© Kurier/Jeff Mangione

Chronik Wien
11/19/2021

Stiftungsstreit: Ein Denkmal für die Rothschilds

Eine Expertenkommission hat auf 300 Seiten die Geschichte der Stiftung aufgearbeitet.

von Martin Gebhart

Seit dem Jahr 2018 liegt die Stadt Wien mit dem in New York lebenden Rothschild-Enkel Geoffrey R. Hoguet im Clinch. Streitpunkt ist die Rothschild’sche Stiftung für Nervenkranke, zu der noch die Heilanstalt am Rosenhügel zählt. Hoguet will, dass die Stiftung aus dem Magistrat herausgelöst wird. Bisher waren dazu meist nur die Rechtsanwälte beider Seiten am Wort.

Nun kann der zuständige Stadtrat Peter Hacker (SPÖ) auch auf ein historisches Expertengutachten verweisen, das eine Gruppe von Wissenschaftern erarbeitet hat. Für Hacker könnte dieses 300-Seiten-Werk auch der Schlüssel dazu sein, dass die gerichtlichen Auseinandersetzungen beendet werden.

Vorsitzende der Expertenkommission, der unter anderen die Historiker Oliver Rathkolb oder Roman Sandgruber angehörten, war Universitätsprofessorin Ilse Reiter-Zatloukal. Sie präsentierte am Donnerstag im Rathaus eine Kurzversion der Ergebnisse. „Die Recherche zur wechselhaften Geschichte dieser 1907 aufgrund der äußerst großzügigen letztwilligen Verfügung von Nathaniel von Rothschild errichteten Stiftung gestaltete sich für uns aufgrund der teilweise recht schwierigen Quellenlage als überaus aufwändig“, sagte Reiter-Zatloukal.

Gründung

Im Jahr 1907 gründete Albert Freiherr von Rothschild (1844 bis 1911) die „Nathaniel Freiherr von Rothschild’sche Stiftung für Nervenkranke“. Er erfüllte damit den Wunsch seines Bruders Nathaniel (1836 bis 1905), der dafür 20 Millionen Kronen zur Verfügung gestellt hatte. Das Geld sollte für die Errichtung von Nervenheilanstalten verwendet werden, die  unter psychischen Problemen leiden. Die jährlichen Zinserträge der Summe sollten für den Betrieb herangezogen werden.

Heilanstalten

Für die Kliniken wurde das Maria-Theresien-Schlössl im 19. Bezirk und das Rosenhügel-Areal im 13. Bezirk erworben. Das Schlössl ist  mittlerweile veräußert und einem neuen Zweck zugeführt worden. Die Pavillonanlage am Rosenhügel ist noch medizinisch in Betrieb.

Auflösung

Infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich wurde die Stiftung 1939 durch den Erlass des sogenannten Stillhaltekommissars aufgelöst, wobei das vorhandene Vermögen teilweise als „Verwaltungsgebühr“ zugunsten des Dritten Reiches verwendet worden ist.  Der Rest war nach dem Krieg nicht mehr auffindbar.

Wiedererrichtung

Am 24. Juli 1956 wurde die Stiftung wiederhergestellt. Seither wird sie vom Magistrat verwaltet. Im Jahr 2017 wurde die Stiftungssatzung grundlegend geändert, wobei nun die Stadt zur Letztbegünstigten aller Vermögenswerte der Stiftung gemacht worden ist.

Aufgearbeitet wurde die Gründung der Stiftung im Jahr 1907, für die Nathaniel von Rothschild ein Vermögen von 20 Millionen Kronen zur Verfügung gestellt hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren noch Wien und Niederösterreich im Kuratorium vertreten. Nach der Trennung der beiden Bundesländer 1922 zog sich NÖ daraus zurück. 1938 übernahmen die Nazis die Stiftung. Dennoch wird das historisch „nicht als Arisierung gesehen“, sagte Reiter-Zatloukal, weil die Nervenheilanstalten für die neuen Regenten nicht als „jüdische Einrichtungen“ galten. 1956 wurde die Stiftung von der Stadt wieder errichtet und wird nun vom Magistrat geführt. Was dem Erben ebenfalls ein Dorn im Auge ist.

Gedenktafel für Gründer

Die Expertenkommission allerdings hat an dem Umgang der Stadt mit der Stiftung im historischen Kontext nichts auszusetzen. Der einzige wirkliche Kritikpunkt: Die Stadt müsse das Wirken des Stiftungsgründers und der Familie Rothschild für die Öffentlichkeit sichtbar machen. Wörtlich heißt es in der Empfehlung: „In einer dieser Stiftung entsprechenden Weise sollte der Großzügigkeit Nathaniel von Rothschilds gedacht und sein außergewöhnliches humanitäres Wirken angemessen gewürdigt werden.“ Damit wird ein Kritikpunkt des Erben ausgeräumt.

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) versicherte bei der Präsentation des Berichts, dass dieses Manko beseitigt werde. In Richtung Expertenkommission sagte sie: „Ich bin sehr froh, dass sie uns geholfen haben, zum richtigen politischen Handeln zu finden.“ Die Stiftung bezeichnete sie als „wichtiges Stück der Wiener Stadtgeschichte“. „Ich bin wie ein staunendes Kind gewesen.“ So beschrieb Stadtrat Peter Hacker seine erste Begegnung mit den Ergebnissen. Die Tafeln für den Stiftungsgründer seien bereits beauftragt. Es werde ein guter Platz gesucht, um das Wirken der Familie Rothschild hervorzuheben.

Für Hacker ist der Bericht auch richtungweisend im gerichtlichen Tauziehen mit Geoffrey R. Hoguet: „Es war klar, was immer das Ergebnis dieses Berichtes sein wird, es wird richtungsweisend für den weiteren Umgang mit dem Erbe der Rothschilds sein.“ Wobei dem Stadtrat lieber wäre, wenn man außergerichtlich eine gemeinsame Basis finden könnte. Er hatte dazu diese Woche mit Geoffrey R. Hoguet telefoniert und wird ihm auch den Bericht der Kommission zukommen lassen. Hacker: „Mein Gefühl sagt mir, dass wir zusammenfinden werden.“ Er ist überzeugt, dass auch die mit dem Rothschild-Erbe beschäftigten Gerichte diesen 300-Seiten-Bericht lesen werden.

Nicht behandelt wurde von der Kommission die Statutenänderung der Stiftung, die 2017 vom Magistrat genehmigt worden ist. Dagegen hat Geoffrey R. Hoguet ebenfalls rechtlich angekämpft. Vorerst aber ohne Erfolg.

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