Wiener Stadtentwicklungsgebiete: Wo und wie die Stadt wächst

Wie und wohin die Stadt Wien wächst, muss geplant werden. Zum Großteil liegen diese Stadtentwicklungsgebiete in den Außenbezirken. Ein Blick auf die neuen Stadtteile.
Grünflächen das Gasometervorfelds im Wiener Bezirk Simmering

Die Stadt wächst. Und zwar ordentlich. Seit den 1990er-Jahren sind in Wien knapp 500.000 Einwohner dazugekommen. Das entspricht in etwa der Bevölkerung von Graz und Linz zusammen. 2023 wurde – erstmals seit 1910 – sogar die Zwei-Millionen-Marke geknackt. Und die Stadt wird weiter wachsen, wird prognostiziert.

Für all diese Menschen braucht es Wohnraum. Ganze 13.000 bis 14.000 Wohnungen pro Jahr seien nötig, heißt es von Experten. Wo in der Stadt all diese Wohnungen entstehen, muss ganz genau geplant sein. Sehr oft werden sie neu errichtet, in eigens dafür definierten, neu erschlossenen Stadtentwicklungsgebieten (siehe Grafik).

Stadtentwicklungsgebiete in Wien

Ein Großteil dieser Gebiete liegt derzeit am Stadtrand. Im 21., 22. und 23. Bezirk. Die Stadt wächst also vor allem in die Fläche – mit all den Problemen, die das mit sich bringt, sagt Martin Heintel, Professor am Institut für Geografie und Regionalforschung an der Uni Wien.

Paradebeispiel Seestadt

Dazu zählt zum Beispiel der Bodenverbrauch und die damit verbundene Versiegelung. Aber auch die in den Außenbezirken nicht oder unzureichend vorhandene Infrastruktur stelle eine Herausforderung dar. Schulen und Gesundheitseinrichtungen sowie eine ordentliche Anbindung an den öffentlichen Verkehr seien zwar teuer, aber essenziell für Stadtentwicklungsgebiete. Oft aber seien diese neuen Gegenden auf individuellen Verkehr ausgerichtet, sagt Heintel. Das sei nicht mehr zeitgemäß.

Ein Paradebeispiel dagegen sei die Seestadt. Dorthin war die U-Bahn-Verbindung ausgebaut, bevor das Stadtentwicklungsgebiet bezogen wurde. „Das war eine sehr kluge Entscheidung“, sagt Heintel.

In den meisten Fällen aber laufe es genau umgekehrt. Ein aktuelles Beispiel dafür findet man in Simmering. Am südöstlichen Stadtrand soll das Stadtteil-Entwicklungsprojekt Kaiserebersdorf entstehen, mit 5.000 Wohnungen innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre. Eine diesem angedachten Wachstum gerechte Öffi-Anbindung fehlt bisher jedoch. Derzeit wird zwar – wie im Stadtentwicklungsplan 2035 („Wien-Plan“) festgelegt – eine Verlängerung der U3 geprüft. Aber: Allein die Prüfung wird voraussichtlich bis 2035 dauern. Bis es (wenn überhaupt) zu einem Ausbau kommt, vergeht also noch einiges an Zeit.

Luftaufnahme von Kaiserebersdorf in Wien mit zahlreichen Gewächshäusern im Vordergrund.

Eine Luftaufnahme von Kaiserebersdorf vom Jahr 2009. 

Dass die Stadt nur in die Fläche wächst, erachtet Heintel von der Uni Wien als nicht zielführend. Auch in die Höhe müsse die Stadt wachsen. Bisher sei Wien da recht „mutlos“, ist von mehreren Seiten, etwa auch aus der Wirtschaftskammer, zu hören. Grund dafür sei vor allem die Wahrung des Stadtbildes und das damit verbundene Weltkulturerbe.

Stadtansicht des Wiener Nordwestbahnhofs mit vielen modernen Wohngebäuden, begrünten Dächern und großzügigen Grünflächen zwischen den Häusern.

Der Nordwestbahnhof wird bis 2035 zum Grätzl. 

Nichtsdestotrotz sei die Aufstockung und Verdichtung der Innenbezirke notwendig, sagt Heintel. Und wird zum Teil – wo möglich – auch praktiziert. Beim Arsenal, das Village im Dritten oder das Nordwestbahnviertel sind Beispiele für innerstädtische Stadtentwicklungsgebiete. Diese Gründe gehen zwar langsam dem Ende zu, haben allerdings den Vorteil, dass sie bestens an die Stadt angebunden sind, dass der Großteil der Infrastruktur bereits besteht.

Lebendige Quartiere in Wien

Diese Verbindung zur restlichen Stadt trage dazu bei, dass die Quartiere belebt und deren Nutzung ausgewogen sei, sagt Heintel.

Prinzipiell gelte es nämlich, bei Stadtentwicklungsbieten – besonders bei denen am Rande der Stadt – darauf zu achten, dass sie nicht zu reinen „Schlafstädten“ werden. Zentral dafür seien die Arbeitsplätze. Diese müssen in den Stadtentwicklungsgebieten am Rande der Stadt aber erst einmal geschaffen werden.

Und dafür braucht es Fingerspitzengefühl: „Bürostandorte in Stadtentwicklungsgebieten in den Außenbezirken sind bekanntermaßen billig, aber nicht beliebt“, sagt Heintel. Und bei Industriestandorten müsse darauf geachtet werden, dass sie mit den Wohnquartieren vereinbar sind.

Wiener Seestadt in der Donaustadt: Luftaufnahme einer Stadtlandschaft mit See, Parks und modernen Wohngebäuden.

Dass die Stadt wächst, ist laut Heintel an sich aber „weder etwas Schlechtes noch etwas Gutes.“ Nur eines steht fest: Wien wird laut Prognosen weiter wachsen. Etwas langsamer als bisher, aber doch. 332.000 Menschen sollen bis 2055 in der Stadt dazukommen. Und auch sie werden Wohnraum benötigen.

Neue Stadtentwicklungsgebiete definiert

In dem im Vorjahr präsentierten neuen Stadtentwicklungsplan 2035, der den Rahmen für die künftige räumliche Struktur Wiens vorgibt, gab die Stadt zunächst keine neuen größeren Stadtentwicklungsprojekte bekannt. Mittlerweile aber wurden – im vergangenen Jänner im Rahmen der ersten Klausur der Stadtregierung nach der Wien-Wahl – zwei neue Stadtentwicklungsgebiete präsentiert. Eines in Simmering (Gasometer-Vorfeld) sowie eines in der Donaustadt (Wagramer Straße). Dort sollen 650 zusätzliche geförderte Wohnungen geschaffen werden. Die Entwicklung dieser neuen Gebiete soll heuer starten.

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