Chronik | Wien
21.11.2018

Schichtarbeit, Zeitdruck, Mobbing: Der Alltag von Industriearbeiterinnen

Arbeiterkammer und Stadt Wien haben 337 Industriearbeiterinnen befragt. Eine Folgeumfrage zu Käthe Leichters Umfrage 1930.

Käthe Leichter, Pionierin der Frauenbewegung und Gründerin des Frauenreferats in der Arbeiterkammer Wien, führte in den 1930er-Jahren erstmals eine umfassende Studie über die Situation der Wiener Industriearbeiterinnen durch. Sie hieß "So leben wir".

1320 der 55.000 Frauen in der Industriebranche wurden damals zu Lebens- und Arbeitsbedingungen befragt.

Die Ergebnisse waren aufrüttelnd: "Das Sklaventum hat sich aufgehört. Aber die Fabrikarbeiterin ist die größte Sklavin. Ich bin noch eine von den Mehrverdienern, aber die Frauen, die schwere Mehrarbeit verrichten, und zwar die schweren Wagen schieben, haben doch nur 70 Groschen Stundenlohn", sagte etwa eine 52-jährige Holzarbeiterin damals.

"Ich habe das Leben schon bald satt", meinte eine 40-jährige Schuharbeiterin.

 

In den vergangenen knapp 90 Jahren hat sich viel verändert, es gab sozialpolitische Errungenschaften.Trotzdem sind Industriearbeiterinnen immer noch eine wenig beachtete Beschäftigtengruppe. Wie geht es ihnen heute?

"So leben wir heute"

Mit dem Titel "So leben wir heute" wird am 21. November die Folgestudie von Arbeiterkammer Wien, MA 57 (Frauenservice) und MA 23 (Statistik) mit AK-Präsidentin Renate Anderl und Frauenstadträtin Kathrin Gaal (SPÖ) präsentiert. Durchgeführt wurde sie vom Marktforschungsinstitut IFES und L&R Sozialforschung. Es wurden 337 der rund 5500 Wiener Industriearbeiterinnen befragt. Mehr als die Hälfte von ihnen arbeitet in der Nahrungsmittel- und Textilbranche. Viele sind auch in der chemischen Industrie, der Metall- sowie in der Papierindustrie tätig. Generell hat der Anteil der Arbeiterinnen im Industriebereich deutlich abgenommen.

Die Ergebnisse: Rund 84 Prozent der Befragten arbeiten Vollzeit. Das ist ein deutlich höherer Wert, als der Durchschnitt. Wienweit beträgt die Teilzeitquote unter erwerbstätigen Frauen 41 Prozent. Mehr als ein Drittel (34 Prozent) arbeiten in Schichtdiensten - besonders häufig in der Metall- und Kfz-Branche, als auch in der Pharmaindustrie. 15 Prozent müssen häufig Nachtarbeiten absolvieren.

Wunsch nach flexibleren Öffnungszeiten

Der Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung ist entsprechend groß. Vor allem vor dem Hintergrund, dass 60 Prozent der Befragten Mütter sind und auch knapp acht von zehn Frauen angaben, überwiegend für Hausarbeit und Kinderbetreuung zuständig zu sein. Knapp ein Drittel wünscht sich deshalb auch längere oder flexiblere Öffnungszeiten von Kindergärten oder den Ausbau von Ganztagesschulen.

Eine der Arbeiterinnen schildert: "Frühschicht war ganz ok, aber Nachmittag ist für mich furchtbar gewesen, weil du stehst trotzdem in der Früh auf und musst dann deinen Haushalt bis Mittag machen, dann hetzt du in die Arbeit und bist hier Stunden, also furchtbar. Da habe ich auch gesundheitliche Probleme bekommen, weil eben der Schlafmangel da war."

Interessant: Auf die Frage, ob sich die Frauen mehr Unterstützung durch den Partner wünschten, wollten 61 Prozent nicht antworten. Die Studienverantwortlichen schlussfolgerten daraus, dass hier die geschlechtsspezifische Aufteilung der Hausarbeit bei ihnen nicht hinterfragt wird.

Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl meint aber: „Die Studie zeigt deutlich, dass Arbeitszeitregelungen entscheidende Voraussetzungen für ein gutes Arbeitsleben sind. Heute müssen wir leider über die negativen Auswirkungen der beschlossenen Arbeitszeit-Ausweitung diskutieren. Das 12-Stunden-Tag-Gesetz ist besonders für Frauen ein Problem, weil sie noch immer die Hauptverantwortung für die Familie übernehmen.“

Kontrolle durch Maschinen

Wenig überraschend ist Stress bei den Industriearbeiterinnen von heute genauso ein großes Thema wie damals. Früher war der Grund für die "Inanspruchnahme der Nerven" der starke Wechsel zwischen Überarbeit und Arbeitslosigkeit. Heute bleiben Industriearbeiterinnen zwar viel länger bei einem Betrieb, Druck macht ihnen nun die Kontrollmöglichkeit durch Vorgaben oder Maschinen. Freie Zeiteinteilung sei kaum möglich.

Eine Befragte sagt: "Mich muss jemand ablösen, das muss ja weiterlaufen. Selbst wenn ich auf die Toilette gehe, kommt wer her, der statt mir arbeitet."

1930 gab es große Probleme durch gesundheitsbelastende Fabrikarbeit - Stichwort: Staub, Hitze, Kälte. Die Umstände haben sich zwar verbessert, viele der Befragten betonten auch Bemühungen seitens der Unternehmen.

Körperliche Belastungen und, in der Folge, Rückenschmerzen und Venenprobleme, seien aber immer noch an der Tagesordnung.

Sexuelle Belästigung für jede Fünfte ein Thema

13 Prozent der Befragten gaben zudem an, sexuelle Belästigung als belastendes Thema zu sehen. Sieben Prozent bezeichneten sexuelle Belästigung sogar als "sehr belastend".

Eine Arbeiterin erzählt : "Das hat ein jüngerer Mann übernommen, und da waren wirklich ganz krasse Aussagen. Von wegen: Du kannst mit mir auf einen Kaffee gehen, dann hast du es besser... Wenn man sich dann wehrt, kommt es dann so raus, dass man eigentlich abserviert wird. Ich war dann eigentlich eh nicht mehr glücklich, aber natürlich tut es einem nach acht Jahren weh, wenn du gehen musst, weil du dich wehrst. Ich weiß von vielen Kolleginnen, die sich bei mir beschwert haben, dass Vorarbeiter sie „unabsichtlich“ mit der Hand auf der Brust berühren, und keiner hat was gesagt."

Vor allem Frauen, die in männerdominierten Bereichen tätig seien - Metall- und Technikbranche - müssten viel gegen Vorurteile ankämpfen. Ihnen würden die Kompetenzen abgesprochen oder ihre Kentnisse nicht gewürdigt.

Eine dieser Arbeiterinnen schildert: "Wir haben einen männlichen Arbeitskollegen gehabt, und sonst waren wir halt nur Frauen, und sein Wort hat immer mehr gezählt als unseres. (…) Da haben wir schon das Gefühl gehabt, dass er als Mann … Erstens hat er mehr verdient, zweitens ist ihm mehr geglaubt worden, und die schlechteren Arbeiten haben wir dann, wir Frauen erledigt."

In puncto frauendominierte Bereiche (Bsp. Nahrungsmittelindustrie, Spielwaren- und Schmuckerzeugung, Pharmaindustrie) vs. männerdominierte Bereiche (Elektro- und Metallindustrie) fällt zudem auf: Frauenarbeit wird in puncto Arbeitsbedingungen, Hygiene, Modernisierung weniger Beachtung geschenkt.

Das war übrigens auch schon ein Erkenntnis von Käthe Leichters Studie gewesen.

Lesen immer unwichtiger

Deutliche verbessert im Vergleich zu 1930 hat sich die Wohnsituation. Hier herrscht insgesamt Zufriedenheit, auch wenn die steigenden Mietpreise generell mehr zur Herausforderung würden.

Bei der Freizeitgestaltung dominiert heutzutage vor allem das Fernsehen und das Internet. Lesen hat einen geringeren Stellenwert im Vergleich zu früher. Viele Frauen würden sich aber vor allem darauf freuen, den Abend in Ruhe zu Hause verbringen zu können.

Für die Arbeiterkammer ergeben sich einige  Forderungen: „Neben guten Arbeitszeitregelungen brauchen wir die volle gesetzliche Anrechnung der Elternkarenzzeiten und mehr betriebliche Weiterbildung. Es kann nicht hingenommen werden, dass Frauen, insbesondere und - oder angelernte, bei betrieblicher Weiterbildung meist ausgeschlossen bleiben", meint Anderl. Und: „Die Arbeitnehmerinnen und Arbeiternehmer,  insbesondere die Industriearbeiterinnen halten Österreich am Laufen. Ich fordere Respekt und Wertschätzung für ihre Leistung. Industriearbeiterinnen sind eine wenig beachtete Beschäftigtengruppe. Die meisten Menschen denken zuerst an den männlichen Facharbeiter, auch in der aktuellen Digitalisierungs-Debatte.“