Kampfzone Radweg: Warum Radeln in Wien schon immer gefährlich war

Geliebt und gehasst: Radfahren in Wien sorgt seit Jahrzehnten für Streit. Warum die Konflikte kein neues Phänomen sind.
Radfahrerinnen im Wiener Prater um 1900.

20 Betrunkene gegen zwei Radfahrer: Die Situation am Radweg von Floridsdorf Richtung Bockfließ eskaliert. Die B’soffenen wollen die Radler nicht durchlassen und bringen sie zu Fall. Der Streit mündet in eine Schlägerei, die Schlägerei in eine Messerstecherei. Ein Unbeteiligter aus Süßenbrunn stirbt

Und das alles zwei Monate nach der Eröffnung des Radwegs, die der Historiker Anton Tantner erforscht und unter anderem in der Straßenzeitung Augustin beschrieben hat.

Wir schreiben das Jahr 1899. Der Schock in der Radfahrgemeinde sitzt tief. Das moderne Fahrrad ist noch nicht lange erfunden, doch Konflikte gibt es längst. „Neuerungen stoßen auf Widerstand“, sagt der Historiker Bernhard Hachleitner.

Grafik Erfindung des Rades

Bürgerliche, Künstler, die Wiener Schickeria sind im 19. Jahrhundert vom neuen Fortbewegungsmittel begeistert. Denn es verleiht ein neues Gefühl von Freiheit.

Platz da!

Mit dem Rad taucht die Frage auf, die bis heute Streit auslöst: Welchen Teil der Straße dürfen Radfahrer benutzen – und andere Verkehrsteilnehmer daher nicht mehr oder nicht mehr so leicht?

Ich scheine wirklich für das Rad geboren zu sein und werde bestimmt noch einmal zum Geheimrad ernannt werden.“
 

von Gustav Mahler (1860-1911)

Der Komponist über seine Radfahrleidenschaft.

Bereits 1894 sind in Paris erste Rufe nach Radwegen zu hören, ist im Magazin des Wien Museum zu lesen. Die Diskussionen schwappen auch nach Wien über. „So längs öffentlicher Strassen eigene Radfahrwege für das Zweirad vorhanden sind, haben die Radfahrer nur diese Fahrbahn zu benützen“, sagt Paragraf 3 einer Verordnung aus dem Jahr 1897.

Um 1900 boomt das Rad. Entlang der Wiener Ringstraße gibt es einen Zwei-Richtungs-Radweg. Das zeigt: Wien liegt zunächst im internationalen Vergleich vorne.  

Doch dann folgt ein Knick

Die Entwicklung weg vom Rad hat viele Gründe. Es gibt zwar den Arbeiter-Radfahrerbund (heute ARBÖ), doch das Rote Wien setzt auf den Ausbau der Straßenbahnen. Und: „Die Stadtstruktur spielt eine Rolle. Wien ist kompakt“, sagt Hachleitner. Darum gehen viele zu Fuß. Nicht zuletzt bremst der Siegeszug des Autos den Radverkehr ein. Die Motorisierung ist damals ein Zeichen des Fortschritts.

Fortschritte bringt aber auch das Rad, vor allem für Frauen. Ihnen wird das Radeln zunächst nicht leicht gemacht. Es sei für den weiblichen Körper gesundheitsschädlich – und unanständig.

Ein Skandal

Die Mode – Röcke, die die Knöcheln bedecken – bremst die Frauen aus. Die Lösung? Pionierinnen steigen auf Hosen(-röcke) um. Ein Skandal, ein Affront gegen das vorherrschende Frauenbild. 

New dress for female bicyclists, front view

Frau mit Hosenrock: Befreiung auf dem Rad. 

Die Zeitschrift Wiener Mode greift die Debatte auf und bietet ihren Leserinnen Schnitte für Fahrradkleidung an, berichtet die Nationalbibliothek aktuell in einer Onlineausstellung. Die Publizistin Fanny Burckhard beziehe in ihrem Artikel „Das Radfahren und die Mode“ (15. April 1897) eine klare Position: „Das Bicycle ist auch für die Damen eine Culturerrungenschaft von bleibendem Werth, mit der sich alle Welt abzufinden hat.“

Doch die „Velocipedistinnen“ werden von Männern gestört. Auch von Offizieren. Die Zeitschrift Draisena. Erstes und Ältestes Sportblatt der radfahrenden Damen hält 1899 Zwischenfälle in Innsbruck fest. 

Soldaten versetzen an der Brennerstraße die „Damen oft in nicht geringen Schrecken“. Sie lassen die Pferde steigen. „Das bedauerlichste an einer solchen Heldenthat ist aber, dass sich diese Herren mit einem höhnischen Lachen aus dem Staube machen.“

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