Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Als der Praterstern noch ein Platz war

Der größte Kreisverkehr von Wien war einmal ein mondäner Platz. Ein neuer Bildband zeigt die verschiedenen Gesichter des Pratersterns.
46-224864053

Man braucht kein Raumschiff, um zum Praterstern zu gelangen, man kann die Schnellbahn nehmen. Der große Platz im 2. Bezirk, der von der S-Bahn-Stammstrecke durchschnitten wird, ist ein wichtiges Scharnier zwischen Innenstadt, Prater und Reichsbrücke.

Jede Wienerin, jeder Wiener, kennt den Praterstern. Sei es, weil der Platz auf dem Weg in den Wurstelprater, zum Schweizerhaus oder zur Hauptallee liegt, oder sei es nur, weil die Billa-Filiale im Bahnhof auch sonntags geöffnet hat. Der Praterstern ist aber auch ein Ort, an dem sich niemand länger aufhält als nötig.

Wie ein jetzt erschienener Bildband – Untertitel: „Ein Fixstern mit sieben Strahlen“ – zeigt, gab es Zeiten, als der Praterstern noch ein Platz war und nicht nur ein Verkehrsknotenpunkt. „Er ist mehr als Kreuzung oder Bahnhof, nämlich ein metaphorisches Kaleidoskop, in dem sich die Wiener Bevölkerung widerspiegelt“, schreiben die Autoren Matthias Marschik und Edgar Schütz im Vorwort. Die beiden haben schon etliche Bücher dieser Art herausgegeben, darunter solche über die Berge oder die Baustellen von Wien.

46-224864929

Um 1910 war der Praterstern noch ein Platz: Das runde Gebäude links hinten ist nicht die Rotunde, sondern der Zirkus Busch. 

Öffnung des Praters

Die Geschichte des Pratersterns hängt mit der 1766 erfolgten Öffnung des Praters für das Volk durch Joseph II. zusammen; 1780 ließ der Kaiser auch noch den Fugbach zuschütten, einen Seitenarm der Donau, der den Prater vom besiedelten Gebiet getrennt hatte. (Die Fugbachgasse zwischen Heinestraße und Nordbahnstraße erinnert daran.)

Danach entwickelte sich eine halbkreisförmige Verkehrsfläche (Durchmesser: 340 Meter), von der sieben große Straßen sternförmig wegführen. Bald hatte der Volksmund dafür den Namen „Praterstern“ gefunden, seit 1879 heißt er auch offiziell so. Verkehr spielte dort immer schon eine wichtige Rolle. Einen Bahnhof gab es am Praterstern schon seit 1859 (damals Verbindungsbahn, heute S-Bahn), wichtiger aber waren lange Zeit der direkt an den Platz angrenzende Nordbahnhof und der auch nicht weit entfernte Nordwestbahnhof.

Entsprechend belebt geht es auf frühen Bildern vom Praterstern zu: Zu sehen sind Pferdefuhrwerke, Straßenbahnen und viele Passanten – das pralle urbane Leben. Imposant auch die Bauten rund um den Praterstern: Neben dem Riesenrad gab es das Gebäude des Zirkus Busch, das alte Planetarium (beide auch als Kino genutzt) und das fast 25 Meter hohe Denkmal für den k. k. Vizeadmiral Wilhelm von Tegetthoff, das den Mittelpunkt des Platzes markierte.

Im Zweiten Weltkrieg wurden etliche Gebäude am Praterstern zerstört, darunter auch der Nordbahnhof (dessen Ruine erst 1965 abgerissen wurde). Noch gravierendere Auswirkungen auf den Praterstern hatte die Autobegeisterung der 50er- und 60er-Jahre: Aus einem sternförmigen Platz wurde ein gigantischer, bis zu fünfspuriger Kreisverkehr; das Tegetthoff-Denkmal wurde an die Seite verdrängt.

46-224910350

Im Jahr 1965 hatten schon die Autos den Platz übernommen. Links hinten ist noch die Ruine des Nordbahnhofs zu sehen.

Viele Zebrastreifen

Für Fußgänger ist der Praterstern seither kaum noch passierbar, daran hat sich bis heute wenig geändert. Wer den Platz umrunden will, muss viele Zebrastreifen überqueren und kommt nur an wenigen Sehenswürdigkeiten vorbei. Wo einst der prächtige Nordbahnhof stand, ist heute ein Spiegelglaspalast, in dem die ÖBB Infrastruktur AG ihre Zentrale hat; auch das Haus der Wiener Wirtschaftskammer, auf der anderen Seite der Bahntrasse, ist kein architektonisches Highlight.

An der Ecke zur Heinestraße steht das in den 50er-Jahren errichtete Hochhaus am Praterstern, in dem die VHS Leopoldstadt untergebracht ist. An der Ecke Praterstraße befindet sich seit fast 100 Jahren das gutbürgerliche Gasthaus Hansy, die kulinarische Institution am Praterstern. In diesem Bereich, zwischen Heine- und Praterstraße, kann man sich heute noch am ehesten vorstellen, was für ein lebendiger Platz das einmal war.

Lange Zeit galt der Praterstern als Kriminalitäts-Hotspot. Der Neubau des Bahnhofs (2008) sowie die Einführung von Alkohol- (2018) und Waffenverbot (2019) am Platz haben die Situation verbessert.

46-224864930

Karte der Leopoldstadt aus dem Jahr 1835. Der Praterstern, der offiziell noch gar nicht so hieß, ist schon deutlich zu erkennen.

Ruhe bitte, wir saufen!

Das Alkoholverbot gilt nur für den Platz, nicht für die am Praterstern ansässigen Lokale. „Ruhe bitte, wir saufen!“ steht auf einem Schild beim Eingang zum „Bier & Zeit“.

Dass sich die Zeiten geändert haben, sieht man auch daran, dass das schicke Café Engländer mitten am Praterstern – in der ehemaligen Polizei-Wachstube! – eine Dependance eröffnet hat. Dort haben die Buchautoren sich mit zwei Zeitzeugen getroffen, die seit mehr als 70 bzw. fast 90 Jahren hier wohnen und finden, dass der Platz sich gemausert hat. „Ich sage ja nicht, dass am Praterstern gar nix passiert“, sagt einer der Herren. „Aber ein Bahnhof ist ein Bahnhof, keine Kirche.“

Matthias Marschik, Edgar Schütz: „Der Praterstern. Ein Fixstern mit sieben Strahlen“. Edition Winkler-Hermaden. 111 Seiten. 19,90 Euro.

Kommentare