"Ein Leben für immer verändern": Wie wird man Pflegeeltern?

Rund um das Thema Pflegeelternschaft gibt es noch immer viele Vorurteile. Was man wissen sollte, wenn man einem Pflegekind ein Zuhause geben möchte.
Vater mit Kindern

Bei ihnen sollen Kinder aus schwierigen familiären Situationen den ersten Schritt in eine stabilere Zukunft machen: Pflegeeltern bzw. Krisenpflegeeltern werden in Österreich und speziell in Wien dringend gesucht – Tendenz steigend. 

"Die Zahl der aktiven Pflegeeltern in Wien ist im Laufe der Zeit gestiegen. Die Stadt wächst, und damit steigt auch proportional die Anzahl der Kinder, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, weil der Schutz nicht gewährleistet ist. Dadurch steigt der Bedarf an Pflegefamilien," erklärt Ingrid Pöschmann von der Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11).

Was sollte man aber wissen, wenn man über eine Pflegeelternschaft nachdenkt? Bleiben die Kinder nur für einen bestimmten Zeitraum, im Gegensatz zur Adoption? Und was ist der Unterschied zur Krisenelternschaft?

Es müssen keine Paare sein

Die meisten Kinder, die in Pflegefamilien aufgenommen werden, sind zwischen 0 und 3 Jahren alt. Grundsätzlich gelte: Je älter die Kinder sind, desto schwieriger sei es, passende Pflegepersonen zu finden. Eine "klassische" Familienkonstellation ist nicht Voraussetzung, um sich zu bewerben. "Auch Einzelpersonen können Pflegeperson werden, es ist nicht zwingend erforderlich, als Paar Pflegeeltern zu sein. Verschiedene Familienmodelle sind willkommen, ebenso natürlich gleichgeschlechtliche Paare," erklärt Pöschmann. Viel wichtiger seien Komponenten wie stabile Lebensverhältnisse, ein regelmäßiges Einkommen, ausreichend Zeit für das Pflegekind, Belastbarkeit oder die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. 

Auch muss zuvor eine verpflichtende Ausbildung abgeschlossen werden, die etwa neun Monate dauert. Diese beinhaltet Vorbereitungskurse in Modulen sowie Informationsabende, die vom Jugendamt oder Trägern wie Eltern für Kinder Österreich (EfKÖ) angeboten werden. Sie dient der Überprüfung der Eignung, der Klärung rechtlicher Grundlagen sowie der Vorbereitung auf die Erziehung des Kindes. 

Welches Kind kommt zu welchen Pflegeeltern?

Wie entscheidet sich, welches Kind zu welchen Pflegeeltern kommt? Die Herausforderungen und Belastungen des jeweiligen Kindes werden von der MA 11 mit den potenziellen Pflegepersonen abgeglichen – ein Prozess, der große Sorgfalt erfordere. "Das Kennenlernen erfolgt schrittweise und über mehrere Tage. Dabei besucht die neue Pflegeperson das Kind zunächst in dessen vertrautem Umfeld – je nach Alter und Wetter zum Beispiel auch auf Spielplätzen, um eine behutsame und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen," beschreibt Pöschmann.

In der Ausbildung werden auch die emotionalen Grenzen der angehenden Pflegeeltern thematisiert – ebenso der Umgang mit etwaigen psychischen Vorbelastungen der Kinder. "Diese Einschätzung fließt in den Entscheidungsprozess ein, um sicherzustellen, dass das Kind zu den passenden Pflegeeltern kommt." Auch Wünsche bezüglich Geschlecht, Aussehen und Herkunft eines Kindes sowie die Wertvorstellungen der Pflegepersonen würden Berücksichtigung finden.

Ingrid Pöschmann von der Wiener Kinder- und Jugendhilfe

Ingrid Pöschmann von der Wiener Kinder- und Jugendhilfe.

Fachliche und finanzielle Unterstützung

Alleingelassen werden Pflegeeltern nie mit der Aufgabe. Die Kinder- und Jugendhilfe unterstützt laufend – nicht nur finanziell, sondern auch durch sozialpädagogische Begleitung, Fortbildungen, Überprüfungen sowie Reflexions- und Coachingangebote. "Jede Pflegefamilie erhält eine feste Ansprechperson, die bei allen Fragen zur Verfügung steht," sagt Pöschmann. 

Auch eine finanzielle Unterstützung ist inbegriffen: Pflegeeltern, die die Bedingungen erfüllen, können sich bei EfKÖ anstellen lassen. Je nach Lebens- bzw. Einkommenssituation gibt es unterschiedliche Modelle (mehr dazu im Online-Wegweiser). Pflegeeltern haben zudem Anspruch auf Familienbeihilfe, Kinderbetreuungsgeld, Pflege(eltern)geld zur Abdeckung der Unterhaltsleistungen sowie Pflegefreistellung.

Genauer aufgeschlüsselt: Pflegeeltern in Österreich erhalten für die Betreuung monatliche finanzielle Unterstützungen, die sich aus dem Pflegegeld (durch das Jugendamt) und der Familienbeihilfe zusammensetzen. Die Sätze variieren je nach Bundesland und Alter des Kindes, wobei monatliche Pauschalen zwischen etwa 515 Euro und über 1.500 Euro (für Krisenpflege, siehe unten) üblich sind. 

Bleibt das Pflegekind nur für eine bestimmte Zeit?

Viele angehende Pflegeeltern hätten zu Beginn Angst vor dem baldigen Verlust des Pflegekindes. Eine berechtigte Sorge? 

Rein rechtlich ist die Pflegeelternschaft zeitlich offen und kann beendet werden, wenn sich die Voraussetzungen für eine Rückkehr des Kindes zur Herkunftsfamilie ändern. Eine etwaige Rückführung wird überprüft, sobald die leiblichen Eltern glaubhaft machen, dass sie ihre Situation verbessert haben und eine gute Betreuung gewährleisten können. 

Aber: "In der Praxis gelingt es nur selten, den Kinderschutz in der Herkunftsfamilie dauerhaft wiederherzustellen. Häufig bestehen weiterhin Belastungen oder schwierige Lebensumstände, die eine sichere und stabile Betreuung des Kindes erschweren. Daher ist eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie nur selten möglich," erläutert Pöschmann. Etwa 90 Prozent der Kinder, die aus ihrer Herkunftsfamilie genommen werden und in Langzeitpflegeverhältnisse kommen, würden dauerhaft in Pflegefamilien aufwachsen. 

Der weiterlaufende Kontakt mit den leiblichen Eltern ist allerdings einzuhalten und gesetzlich vorgesehen, wobei die Pflegefamilien auch hierbei unterstützend begleitet werden. Intensität und Form des Kontakts können variieren, Fokus bleibe dabei stets das Wohl des Kindes.

Und Krisenpflegeeltern?

Während Pflegeeltern in der Regel eine längerfristige Betreuung übernehmen, bieten Krisenpflegeeltern eine vorübergehende Pflege in akuten Situationen an. "Dafür sind vor allem hohe Flexibilität, Abschiedskompetenz und Stressresistenz gefragt," weiß Pöschmann. Der Durchschnitt der Krisen-Pflegedauer liege bei etwa elf Wochen. Auch hier ist eine begleitende Unterstützung sowie finanzielle Vergütung vorgesehen.

Ein Leben zum Positiven verändern

Dem Vorurteil, dass Pflegekinder kein "Ersatz" für leibliche Kinder sein könnten, kann Pöschmann nichts abgewinnen. Das sei nämlich gar nicht der Punkt: "Pflegeeltern werden nicht danach bewertet, ein leibliches Kind zu ersetzen, sondern danach, ein stabiles und liebevolles Umfeld zu bieten. Viele Pflegeeltern erleben langfristig, dass jedes Kind seine eigene Bereicherung mit sich bringt. Dieses Verständnis zeigt, wie wertvoll Pflegeelternschaft für alle Beteiligten sein kann."

Für welches Modell auch immer man sich entscheidet: Es ist eine große Verantwortung – bei der man aber auch Großes bewirken könne, weiß Expertin Pöschmann: "Wenn man einem Kind ein liebevolles Zuhause schenkt, gibt man ihm dringend benötigte Sicherheit und Geborgenheit – etwas, das sein Leben für immer verändern kann."

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