Chronik | Wien
23.06.2018

Ludwigs Auftritt auf der Insel: Wiener Wasser statt Spritzwein

Bei Michael Ludwigs Antrittsbesuch überlassen die SPÖ-Strategen nichts dem Zufall.

Bei manchen scheinen die jüngsten Veränderungen in der Wiener Kommunalpolitik noch nicht ganz angekommen zu sein: „Wer war das, der mir jetzt die Hand gegeben hat?“ fragt ein junger Besucher des Donauinselfests seinen Nebenmann.

Hände schüttelt Michael Ludwig wohl Hunderte an diesem Freitagnachmittag. Ist es doch sein erster Auftritt als Bürgermeister bei dem von der Wiener SPÖ finanzierten Gratis-Festival. Wie sein Vorgänger startet auch er den traditionellen Eröffnungsrundgang auf der „Arbeitswelt-Insel“ bei der Reichsbrücke, wo die Gewerkschafter, die städtischen Dienstleister und Blaulicht-Organisationen ihre Zelte aufgebaut haben. Reihum besucht Ludwig die Stände von Wien Kanal, MA 48 und der Wiener Rettung, scherzt mit den Mitarbeitern und steht für Selfies bereit. So weit, so vorhersehbar.

Und doch spürt man, dass sich in der Wiener SPÖ unter ihrem neuen Chef so manches geändert hat: Die hemdsärmeligen Insel-Auftritte seines Vorgängers Michael Häupl sind einer straffen Inszenierung gewichen: Parteimitarbeiter, Fotografen und Kameraleute werden hektisch hin und her dirigiert, kein Bild – so scheint es – soll dem Zufall überlassen werden.

Wie Fahnenträger flankieren zwei junge Helfer mit roten Luftballons den Bürgermeister auf Schritt und Tritt, um bei jeder Kameraeinstellung den passenden Hintergrund abzugeben. „Amerikanischer Stil“, nennt das ein roter Funktionär. Nur manchmal geht die Ballon-Eskorte im Getümmel zwischen den Ständen verloren. Und während für Häupl in den Zelten stets der obligate weiße Spritzer bereit stand, erfrischt sich Ludwig lieber mit Wiener Wasser.

Insel-Veteran

Erst wenige Wochen im Amt sei er doch ein Insel-Veteran, wie er bei jeder Gelegenheit hervorstreicht: „Ich war jedes Jahr dabei, sogar bei der Nullnummer 1983, die noch ein kleines Fest bei der Floridsdorfer Brücke war.“ Als sein persönliches Highlight nennt er Falcos Auftritt, der 1993 trotz Blitze und Regen die Massen begeisterte. Heuer bevorzugt er aber die kleineren Events: Ludwig will die Schlager- und Kabarettbühne sowie das Konzert von Birgit Denk besuchen.

Bei all den Vergnüglichkeiten sind aber dieses Jahr die politischen Botschaften auf der Insel nicht zu übersehen. Viele Genossen haben sich eigens gedruckte T-Shirts übergestreift, um gegen den von Türkis-Blau geplanten Zwölf-Stunden-Tag zu protestieren. Und auf einer Plakatwand können die Besucher mit Aufklebern darüber abstimmen, welches der von Ludwig geplanten Projekte ihnen gefällt. Die Digitalisierungsoffensive für Wien kommt kaum an, dafür aber die Sommerbühne an der Donau. Wenig überraschend an einem Ort wie diesen.