"Zur Stadt Krems": Kultiges Wiener Wirtshaus mit Kegelbahn

Die Wirtsleute Hanni Grötz und Michael Bull bei der alten Kegelbahn in ihrem Wirtshaus "Zur Stadt Krems"
Zu Besuch im Wiener Gasthaus „Zur Stadt Krems“, wo früher das Wienerlied daheim war und heute noch die Kugel rollt.

Was für eine schöne Überraschung, das Gasthaus „Zur Stadt Krems“ zu betreten. Nicht nur beim ersten Mal. Jedes Mal. Strahlend cremeweiß leuchtet die alte Schank mit den Schnappverschlüssen, silbrig blitzen die Zapfhähne, die Wandvertäfelungen sind aus Brokat und Holz, und die alten Luster mit den Birnen in Kerzenform tauchen den Deckenstuck bei Tag wie bei Nacht in augenfreundliches warmes Licht.

Seit 2021 führen Hanni Grötz und Michael Bull das Schmuckstück in Wien-Neubau. Sie kam schon 2011 als Mitarbeiterin, er 2015 als Student, der sich etwas dazuverdienen wollte. Und dann war die „Stadt Krems“ zu haben.

„Was mach ma?“, sagte Hanni zu Michael. „Wir kennen das Wirtshaus so gut, trau ma uns, es zu übernehmen.“ Sie trauten sich, und vor allem trauten sie sich, davon Abstand zu nehmen, die historische Substanz des Lokals anzugreifen. So zieht der Atem der Wiener Vorstadtgeschichte noch heute durch die Stuben – erstaunlich genau dokumentiert auf Tafeln, die von früher erzählen.

Hanni Grötz und Michael Bull bitten zu einer Führung durch die Winkel des Hauses mit Hinterhof, Pawlatschen und einem idyllischen Garten. Dort, erzählt die Wirtin, wurde, als sie noch Mitarbeiterin war, der einzige gröbere Eingriff gewagt: ein neuer Baum. „Der alte Götterbaum war innen schon gefährlich hohl, und weil die Stadt Wien vorschreibt, gefällte Bäume zu ersetzen, haben wir uns für eine Kastanie entschieden.“

Als die kam, war Hanni zunächst fassungslos: „Das Ding war gerade einmal so groß wie ich“, erinnert sie sich, „wie soll der denn im Sommer Schatten machen?“ Aber die Kastanie gab sich Mühe, „nach zwölf Jahren brauchen wir draußen nicht einmal mehr Schirme.“

¾-Takt im Extrazimmer

Drinnen zeugen vergilbte, in Kurrent beschriebene Fotos vom Leben anno dazumal. Das Extrazimmer war der Treffpunkt des „Klubs der alten Wiener“, den der Wienerlied-Komponist Rudolf Kronegger 1925 gegründet hatte, der viele Hadern im Drei-Viertel-Takt hier schrieb; manchmal wurden es sogar vier Viertel. Fast alle seiner Weggefährten hängen an der Wand – der „König der Silbernen Operette“ Franz Lehar ebenso wie Ludwig Gruber, von dem man wissen muss, dass er der Stadt „Mei Muatterl woar a Weanerin“ schenkte.

Bilder von Wienerlied-Koryphäen hängen in der Gaststube.

Wienerlied-Koryphäen blicken in die Prachtstube.

Es war eine illustre Gegend. 1777 hatte Joseph II. im Grätzel die Vorstadt „Ober-Neustift“ gegründet und Handwerker und Fuhrwerker mit Steuerbefreiungen dazu verlockt, sich niederzulassen. 30.000 kamen, und die brauchten Wirtshäuser. Seit 1878 heißt eines dieser Häuser „Zur Stadt Krems“.

Kegelbahn mit Spuren

Und 1929 kam dazu, was es heute in keinem klassischen Wiener Gasthaus mehr gibt: eine Kegelbahn. „Die ist immer noch in Betrieb und ziemlich beliebt“, erzählt Michael Bull. An der Wand erinnern die Zähltafeln an früher. 

Die Kegelrunden hießen „Ende nie“, oder „Die Friedlichen“. Spuren von weniger gelungenen Würfen zieren die engen Wände der Bahn: Löcher, Schrammen und Streifen in den Farben der Kugeln; es sieht aus wie in den Kurven einer Tiefgarageneinfahrt. 

„Sie haben uns schon die Lampen von der Decke geschossen“, sagt Hanni Grötz. Wegen der Kegelbahn sind übrigens auch immer genug kleine Eisbeutel vorrätig. „Wenn wieder einmal wer ungeduldig war und die Kugel angegriffen hat, während die nächste schon mit Karacho heranrollt“, erklärt Michael Bull. Die eingezwickten Finger sind längst unzählbar, aber es gibt auch eine genaue Unfallstatistik: „50 Fingerbrüche in zehn Jahren.“

An der Schank agierte von 1979 bis 2009 die legendäre Wirtin Elfriede Facekas und erwarb sich einen exzellenten Ruf als Mäzenin der Wiener Innereienküche, deren Hervorbringungen der verlässlich zwiderwurzige Kellner, Herr Herbert, zu den Tischen jonglierte. In diesen Tagen saßen dort täglich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KURIER, dessen Redaktion sich damals ein paar Schritte entfernt, in der Lindengasse, befand. „Manche kommen immer noch oft zu uns, obwohl der KURIER jetzt weit weg wohnt“, freut sich Hanni Grötz.

Saibling mit Erbsenpüree serviert auf einem weißen Teller.

Ein Hausklassiker: Saibling mit Erbsenpüree.

Dann gibt es die solid zubereiteten Klassiker des Hauses wie Blunzengröstl, Hühnerleber mit Apfel und Speck, Bratl-Carpaccio mit Kernölcreme, Saibling mit Erbsenpüree, den Kanon der Wiener Back- und Siedeküche – und einen stadtweit gelobten Kaiserschmarrn, hier mit Apfelmus. „Weil ihn meine Oma so gemacht hat“, sagt Michael Bull. „Darauf hab’ ich bestanden.“ 

Eine eigene heimatliche Note bringt der rumänische Küchenchef Mircea Neag ein: „Melanzaniaufstrich, das Lieblingsgericht meiner Frau“, sagt er, „mit rauchig gegrillten Melanzani, Zwiebel, Mayonnaise, Salz, Pfeffer und Liebe.“

Und wenn hinten über der Kegelbahn wieder einmal das Licht ausgeht, heißt das noch lange nicht Sperrstunde.

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