Was Niki Lauda in Pötzleinsdorf unbedingt essen wollte
Peter Goach, der ewig junge Endfünfziger, denkt an die Zukunft. Motto: Noch weniger ist noch mehr.
Von Achim Schneyder
Es ist schon viele, viele Jahre her, in Wahrheit Jahrzehnte, da wies der Kellner den Stammgast darauf hin, dass es auch ein Reisfleisch gebe, dieses aber nicht in der Karte stünde. Da schaute der Stammgast auf, schenkte dem Kellner ein verzücktes Lächeln und sagte: „Das bitte will ich!“
Als der Stammgast das nächste Mal kam, sagte er zum Kellner, dass er keine Karte bräuchte, weil er ohnehin nur wegen des Reisfleisches hinaus nach Pötzleinsdorf gefahren wäre. Da runzelte der Kellner die Stirn und sagte entschuldigend: „Hamma heut ned …“
Von diesem Tag an trug es sich noch mehrere Male zu, dass sich der Stammgast, wann immer es kein Reisfleisch gab, bitterlich beim Wirt beschwerte, dem er durchaus freundschaftlich zugetan war. Und umgekehrt. „Er hat mich wirklich so lange gequält, dass ich es eines Tages dann fix auf die Karte genommen und mir gedacht hab: Wenn schon, dann nenn ich’s auch gleich Nikis Reisfleisch“, sagt der Wirt, der Peter Goach heißt. Und der Stammgast hieß Andreas Nikolaus Lauda.
Wenn’s Parmesanflankerln aufs herrliche Reisfleisch schneit …
Man muss Niki Lauda nachträglich dankbar sein für seine Hartnäckigkeit, denn dieses Reisfleisch ist tatsächlich ein Gedicht von einem Gericht. Wobei die Hauptzutat aus dem weststeierischen Schilcherland angeliefert wurde und wird, wo Peter Goachs Eltern, Maria und Werner, und Peters Schwester Verena am Fuße des Reinischkogels nicht nur den legendären „Jagawirt“ besitzen und führen, sondern überdies eine aus der Kreuzung von Wild- und Hausschwein hervorgegangene Waldschweinzucht betreiben.
Mit den Waldschweinen hat alles begonnen
„Und mit den Waldschweinen hat auch hier in Wien alles begonnen. Und zwar vor genau 30 Jahren“, sagt Peter. Hier, das bedeutet übrigens Wien 18 und direkt angrenzend an den Pötzleinsdorfer Schlosspark und die Ausläufer des Wienerwaldes.
30 Jahre also gibt’s das „Steirerstöckl“ nun schon, das weit mehr ist als eine Außenstelle des „Jagawirt“, nämlich ein gänzlich eigenständiger Betrieb. Aber Wiener Stammgäste des „Jagawirt“ waren es, die gewissermaßen schuld sind am „Steirerstöckl“.
Das Baustellenwirtshaus
„Die haben die Eltern regelrecht malträtiert, endlich auch in der Hauptstadt ein ähnliches Wirtshaus zu etablieren“, sagt Peter, der damals beruflich schon in Wien beheimatet war und durch Zufall auf ein Zeitungsinserat stieß, das ein ehemaliges Schutzhaus aus dem Jahr 1917 offerierte, das seit zehn Jahren leer und ebenso lange zum Verkauf stand.
„Da haben wir dann mehr oder weniger sofort zugeschlagen und dann tatsächlich auch gleich losgelegt. Von Montag bis Donnerstag sind der Vater und unsere Handwerker aus der Steiermark da gewesen, und am Freitag haben wir aufg’sperrt für drei Tage. Und zu essen gab’s Dinge, die der Vater vorgekocht und mitgebracht hat. Nicht zuletzt Reisfleisch. Oder Erdäpfelgulasch. Oder die Sulz vom Waldschwein. Und so lief das zu Beginn fast ein halbes Jahr parallel: Baustelle von Montag bis Donnerstag, dann hat die Mama mit ihren Helferinnen geputzt, und von Freitag bis Sonntag war’s ein Wirtshaus. Ein Wirtshaus auf der Baustelle, in dem ich am Anfang Koch und Kellner in Personalunion war.“
Kellner Szabi, der auch schon seit 2015 zum Team gehört.
Heute ist’s eine vergleichsweise riesige Mannschaft, die sich in der Küche, in den vier Stuben, im Wintergarten (insgesamt rund 140 Sitzplätze) und im von hohen, alten Bäumen umzingelten, prachtvollen Garten (rund 100 Plätze und ein Spielplatz) um das Wohl der – zu 80 Prozent – Stammgäste kümmert. „Und da sind einige dabei, die seit Ewigkeiten dabei sind. Christian in der Küche zum Beispiel hat beim Vater in der Steiermark g’lernt und ist jetzt seit 1998 bei mir in Wien, seine Kollegin Nina seit 2000, oder Stefan im Service auch schon seit 2000 und Thomas seit 2002. Und sogar manche Stammgäste sind inzwischen Stammgäste in dritter Generation.“
- Wo?
Pötzleinsdorfer Str. 127, 1180 Wien, 01/4404943, steirerstoeckl.at. - Wann?
Mi. bis So. & Feiertag 11.30 bis 23 Uhr. - Was und wie viel?
Vorspeisen: von Rindsuppe mit Frittaten (6,70 €) über Rote- Rüben-Tatar (16,90 €) bis Mousse von der geräucherten Forelle (16,90 €) oder Sulz v. Schwein (14,50 €); Hauptspeisen: Nikis Reisfleisch (19,90 €), G’schnetzeltes vom Waldschwein (26 €), Gemüse-Cordon-bleu (22,90 €), Butterschnitzel vom Waller (26,90 €), steirisches Backhuhn (22,90 €); Desserts von Bauernkrapfen (5,90 €) bis Reisauflauf mit Waldbeeren (10,50 €). - Warum?
Weil’s drinnen den Charme einer Hütte im besten Sinn hat, der Garten ein Traum ist, Wein aus der Steiermark und dem Burgenland (und nur einer aus Wien und keiner aus Niederösterreich) ins Glas kommt und auf die Küche Verlass ist.
Was wiederum nicht riesig, sondern vielmehr absolut überschaubar ist, ist die Karte. „Weil das meiner Meinung nach der einzig richtige Weg ist“, sagt Peter. „Wir sind ohnehin alle so unglaublich übersättigt, und das in vielfacher Hinsicht. Da tut Reduktion gut. Ein paar fixe Gerichte auf der Karte, im Idealfall solche, die beim Gast Erinnerungen und Emotionen wecken – Reisfleisch zum Beispiel –, dazu saisonale Tagesempfehlungen vom Kellner, das reicht völlig. Und das garantiert auch Qualität und Frische.“
Aber das reicht dem Peter noch immer nicht. Eines Tages möchte er gänzlich auf Speisekarten verzichten und nur noch die vom Personal mündlich angepriesenen Tagesempfehlungen servieren. „Und selbst dann wären wir immer noch ein g’standenes Wirtshaus und keine Jausenstation irgendwo an der Peripherie der großen Stadt.“
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