Die Legende lebt: Das Häuserl am Stoan ist mehr als ein Wirtshaus

Das „Häuserl am Stoan“ ist nicht nur ein altes Wirtshaus im Wienerwald. Es ist ein Stück Geschichte.
Die Familie vom Häuserl am Stoan: Yvonne, Monika und der Hausherr Andreas in der Mitte.

Von Achim Schneyder

Als der Autor der nun folgenden Geschichte anno 1985 als Teenager im Endstadium seinen Lebensmittelpunkt von Salzburg nach Wien verlegte, zählte das „Häuserl am Stoan“ an der Höhenstraße zu seinen ersten Stammwirtshäusern in der großen Stadt. Und was hat sich im „Häuserl“, wie’s gerne kurz genannt wird, seither geändert? Nix. Also, so gut wie nix. 

Okay, die ehemalige Toilettenanlage, vom Hauptgebäude einige bei Regen sehr gatschige Meter Fußmarsch entfernt, und im Winter – pardon, aufg’legt – arschkalt, ist heute der Hühnerstall. Und ein Wintergarten kam ebenfalls hinzu – allerdings auch schon vor 23 Jahren.

Auf die Stadt blicken

Aber sonst? Nix. Schon gar nicht der alles überragende Blick vom großen Gastgarten mit dem Schottergeläuf hinunter auf die weite Stadt. Und auch Andreas Fitzka, heute 60 und der Chef, stand bei meinem Erstbesuch 1985 schon in der Küche; allerdings war er zu dieser Zeit noch ein kleineres Rädchen in diesem seit 1923 bestehenden Familienbetrieb.

Kurz zur Geschichte: 1923 errichteten Andreas’ findige Großeltern Maria und Johann hier im Wienerwald eine Imbissstube, wo sich fortan hungrige und durstige Wandersleut’ labten, die von Grinzing oder Sievering aus hinauf auf die Salmannsdorfer Höhe schnauften. Allerdings wurden diese Wandersleut’ immer mehr, sodass auch Oma und Opa bald größer dachten und beschlossen, die winzige Lokalität – heute dient sie als Lager – auszubauen, sprich großzügig anzubauen. Und als der steinige Untergrund im Zuge der Bautätigkeit für ziemliche Probleme sorgte, verfielen sie auf die vortreffliche Idee, ihr neues Wirtshaus „Häuserl am Stoan“ zu nennen. 

1926 wurde es schließlich eröffnet, feiert also heuer sein 100-jähriges Bestehen unter dem neuen Namen.

Liebe und Herzblut

„Ja, stimmt“, sagt Yvonne, „die Schank und das ganze Drumherum sind exakt so alt wie das Wirtshaus.“ Und dass in einem offenen Kastl neben der Schank immer noch ungeöffnete Zigarettenpackerl mit Sorten, die es längst nicht mehr gibt, verstauben – Falk etwa, Dames oder Memphis –, passt nur allzu gut in diesen völlig aus der Zeit gefallenen Gastraum mit dem Heizofen in der Mitte und den Gartenzwergen in den Regalen.

Yvonne ist 30 und eine der drei Töchter des Chefs. Und anstatt zu studieren, ist sie bald nach der Matura hier eingestiegen, um dereinst fortzusetzen, was ihre Urgroßeltern begonnen haben. Und was ihr Vater schlicht „mein Leben“ nennt. „Und meines wird’s auch einmal werden. Nein, ist’s eigentlich schon. Hier steckt so viel Liebe drin, so viel Herzblut und Arbeit, dass es eine Schande wäre, wenn dieser Betrieb nicht ewig bestehen würde.“

Schnitzerl, Bier und ein toller Ausblick im Häuserl am Stoan.

Schnitzerl, Bier und ein toller Ausblick.

Das ist Musik in den Ohren des Vaters. Der schloss sich 1983, nachdem er – wie seine etwas ältere und viel zu früh verstorbene Schwester Renate – die Gastgewerbeschule am Judenplatz erfolgreich absolviert hatte, seiner Großmutter und Mutter in der Küche an, die er bis heute kaum verlassen hat. „Ich hätte damals auch nach Kanada gehen können, da gab’s ein Angebot, aber dafür war ich zu sehr verwurzelt. Zu Hause Koch zu sein, war und ist meins, und den Platz draußen hinter der Schank hab ich, solange sie g’lebt hat, gern der Renate überlassen. Und nach ihrem Tod unserer Mutter. Die waren Wirtinnen, ich war das nicht.“

Heute kümmern sich Yvonne und Monika, Andreas’ zweite Frau, um die Schank. Andreas wiederum kümmert sich neben der Küche vor allem um seine Tiere. „Ich hab nicht nur die Hühner, die dafür sorgen, dass wir hier kaum Schnecken haben, ich hab auch zwei Ziegen, Hunde, ein Bergschaf, sieben Kamerunschafe, die unsere Rasenmäher sind und die ich gern streichle. Und zwei Bienenstöcke hab ich auch, also mach’ ich Honig.“ 

Exzellenten übrigens.

Hauseigener Honig vom Häuserl am Stoan

Und wunderbares Paprikahendl macht er. Wie auch Daniel, Andreas’ Küchenchef, der hier vor 18 Jahren als Lehrling begann. 

Ein glänzendes G’selchtes mit Kraut und Knödel gibt’s obendrein, einwandfreie Schnitzel sowieso und tadellose Kas- und Eiernockerl.

G’selchtes, Kraut & Knödel.

Einfach, klassisch, wunderbar: G’selchtes, Kraut & Knödel.  

Und sehr, sehr vieles mehr. Drum ist’s auch nicht ratsam, im „Häuserl“ nur in die Speisekarte zu schauen, denn da steht nur ein Bruchteil drin. Stattdessen empfiehlt sich – speziell in der Gastgartensaison – der Blick auf die an allen Ecken und Enden herumstehenden und herumhängenden Kreidetafeln, auf denen die unzähligen und oftmals wöchentlich oder gar täglich wechselnden Gerichte zu finden sind.

Und fragen Sie nie nach Pommes frites, die gibt’s hier nicht. „Dafür schälen wir täglich bis zu 50 Kilo Erdäpfel für Brat- und Petersilkartoffeln und Püree“, sagt Andreas. „Pommes kommen mir keine ins Wirtshaus.“

Wohl auch die nächsten hundert Jahre nicht …

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