Bei Miraculix im Yspertal: Eine Wirthausbrennerei als Kultstätte

Im Yspertal hat Familie Krenn den Kraftplatz mit Küche, Keller und Brennerei erschaffen, umgeben von mystischer Landschaft.
Hans und Martina Krenn vor dem Kachelofen in ihrem Wirtshaus.

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick; im Tale grünet Hoffnungsglück.“ Fausts Osterspaziergang passt in diesen Tagen so perfekt ins Yspertal im südlichen Waldviertel wie die – Verzeihung – Faust aufs Aug’. Der Strom ist nicht weit – die Donau fließt nur ein paar Kilometer südlich durch den Nibelungengau, und der Bach, die Ysper, bahnt sich rauschend seinen Weg durch eine enge Klamm aus üppig bemoostem Granit.

Faust geht nach seinem Ausflug in der frischen Frühlingsluft heim in sein Studierzimmer, eine enge dunkle Zelle, wie er selbst beklagt. Mit Verlaub, aber da ist die „Wirtshausbrennerei Krenn“ nahe der Ysperklamm ein viel freundlicherer Ort.

Auch wenn es noch nicht so richtig klappt mit der Befreiung des Eises, gibt es zumindest einen behaglichen Kachelofen im Schankraum. Oder einen Edelbrand aus eigener Destillation. Oder was Scharfes mit Kren, das ordentlich durchputzt.

Kraftplätze mit Kren

Seit 36 Jahren führen Martina und Hans Krenn das Haus; sie sind mittlerweile die fünfte Generation. Schon im Jahr 1784 gab es hier eine Landwirtschaft „mit ein bissl Wirtshaus“, wie Martina Krenn erzählt. Das ging noch lange so weiter. „Die Oma hat noch einen Zettel an die Wirtshaustür gepickt, da ist draufgestanden, sie ist draußen am Feld beim Arbeiten, und wenn wer was essen oder trinken will, soll er sie holen kommen. Dann kocht sie was.“

Aber Hans Krenn, rührig um die Gegend bemüht, erfand den „Druidenweg“ als touristische Marke – eine markierte Wanderung durch die mit Kraftplätzen aus Granit durchsetzten Wälder; die alten Brocken, Kultstätten keltischer Miraculixe, tragen zum Teil seltsame, bisweilen sogar frivole Namen: „Phallus mit Vulva“ etwa, „sitzender Hund“ oder „Sphinx“.

Das wollten zunehmend auch die Städter sehen. Ehrgeiz und Speisekarte wuchsen, und Martina Krenn ersann eine bodenständige Waldviertler Küche, die unverwechselbar für das Haus stehen sollte. „Mir hoaß’n Krenn, hab’ ich mir gedacht, also sollten wir was mit Kren machen“, erzählt sie am Tisch vor dem Kachelofen, der immer noch nicht in den Sommerschlaf gehen darf. Das bedeutet Krensuppe, Blunzen mit Kren – und Waldviertler Krenfleisch vom Rind, der Hausklassiker.

Waldviertler Krenfleisch auf eckigem Teller.

Vom Familiennamen abgeleitet: das Krenfleisch.

Der Garten hinter dem Haus ist zum Steckenpferd der Wirtshausköchin geworden. „Im Sommer“, sagt sie stolz, „hol’ ich mir alle Kräuter und Salate, die ich brauche aus dem eigenen Gemüsegarten. Ich versuche konsequent, internationale Hauptzutaten zu vermeiden.“

Und das funktioniert im Yspertal ziemlich gut. „Da drüben“, sagt Hans Krenn und zeigt aus dem Fenster der Stube hinaus auf eine kleine Bergkette namens Ostrong, „gibt’s eine besondere Spezialität, den Sikahirsch.“ Die kleine, aus Asien stammende Hirschart, landete im 19. Jahrhundert im Yspertal. Franz Joseph I. besorgte sie, wie alte Quellen belegen, aus dem Kaiserreich Japan. Sikahirsche haben etwas fetteres und deshalb saftigeres Fleisch als heimisches Rotwild. Martina Krenn bespielt in der Wildsaison sogar eine eigene kleine Sikahirsch-Karte mit Wurzelbraten, Hirschragout, Schnitzel, faschierten Laibchen und Hirschrouladen, gefüllt mit Kürbis und Mangold.

Leidenschaft für authentische Regionalküche war aber nicht der einzige Antrieb für Martina Krenn. Es gab auch einen anderen – wie soll man sagen? - Treibstoff: den eigenen Schnaps. Hans Krenn hat das Brennen noch von seinem Großvater gelernt, erzählt er. Dann macht er eine kurze Pause und sagt schmunzelnd: „Naja, eigentlich hab’ ich von ihm gelernt, wie man’s nicht macht.“ Damals wurden nämlich die guten Früchte verkauft, und nur das Fallobst ist gebrannt worden. Hans hat das ab 1994 radikal geändert; in den Brennkessel kommt ihm nur „das Beste vom Besten“.

Treibstoff Schnaps

Heute gehört er zu Österreichs besten Destillateuren. Seine Spezialitäten: die Kriecherl aus der Region und eine autochthone Birnensorte, die nur im Umkreis von etwa 20 Kilometern gedeiht: die Rorregger Mostbirne, die Hans Krenn wegen des nahen Schlosses Rorregg „Kaiserholzbirne“ getauft hat. „Die ist zum Brennen perfekt, weil sie ein sehr intensiv-würziges Birnenaroma hat.“

Brennkessel von Hans Krenn.

Hier entsteht Hans Krenns hochprozentiger Zaubertrank.

Aber noch einmal zurück zum Treibstoff: Warum hat der Schnaps jetzt wirklich die Küchenqualität befeuert? Martina Krenn lacht und sagt: „Weil der Hans immer besser geworden ist, und deshalb sind auch unsere Gäste immer anspruchsvoller geworden. Da willst dann schon auch auf dem Teller etwas bieten.“

Es gibt also gute Gründe, einen Spaziergang im Yspertal in der „Wirtshausbrennerei Krenn“ zu beenden. Wie lautet doch der Schluss von Fausts berühmten Monolog? „Hier bin ich Gast, hier darf ich’s sein.“ Oder hat Goethe das doch ein bissl anders formuliert?

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