Kunstprojekt zu übersehenen Orten: "Wien is a Dorf"
Floridsdorf. Hütteldorf. Matzleinsdorf. Nikolsdorf. Reinprechtsdorf. Gumpendorf. Inzersdorf. Kaiserebersdorf. Altmannsdorf. Gaudenzdorf. Hetzendorf. Hadersdorf. Pötzleinsdorf. Josefsdorf (in Döbling, nicht zu verwechseln mit der Josefstadt). Kahlenbergdorf. Nussdorf. Salmannsdorf. Großjedlersdorf. Stammersdorf. Strebersdorf. Atzgersdorf. Inzersdorf.
So weit hergeholt ist das Sprichwort „Wien ist ein Dorf“ gar nicht, wenn man nur die Bezirksteile der Millionenstadt durchgeht. So geht es auch der Fotografin Renate Schwarzmüller, wenn sie mit offenen Augen durch Wien geht. „An vielen Plätzen sieht man den dörflichen Charakter noch“, weiß die Oberösterreicherin, die vor 30 Jahren, nach der Matura, aus der Kleinstadt Steyr „nach Wien gezogen und pickengeblieben“ ist.
Zurück zu den Wurzeln
Jetzt will sie sozusagen zurück zu ihren Wurzeln und hat das Projekt „Wien is a Dorf“ initiiert. „Das ist ein fotografisches Langzeitprojekt über die stillen, oft übersehenen Mikro-Orte Wiens – Orte, an denen die Großstadt ihren Maßstab verliert und dörfliche Qualitäten wie Nähe, Wiedererkennen, Gewohnheit, aber auch Enge und soziale Reibung sichtbar werden“, erklärt Schwarzmüller.
Sie wolle sich dem Begriff „Dorf“ auf mehreren Ebenen nähern – auf einer geografischen, einer architektonischen natürlich, die sich auch fotografisch gut festhalten lassen. Aber ihr geht es auch um einen emotionalen Zugang: „Wo taucht es auf im Alltag, in Routinen, in Blicken?“
Deshalb hat sie ergänzend zu dem Fotografie-Aspekt eine Meinungsumfrage erstellt, in der sie die Wienerinnen und Wiener nach ihren „persönlichen Dorfgefühlen“ fragt.
„Viele schreiben mir ganz persönliche Erlebnisse zu dem, was sie unter dem Begriff Dorf verstehen“, sagt Renate Schwarzmüller.
Über 700 Personen haben an dieser Umfrage bereits teilgenommen. Die Antworten zeigen, dass „Dorf“ in Wien weniger ein Ort als eine Form von Nähe ist – eine Mischung aus Wiedererkennen, sozialer Dichte, aber auch Enge, Kontrolle und Reibung, ist ihre erste Analyse aus den Antworten.
Auf die Frage, was bei dem Wort Dorf als erstes in den Sinn komme, seien die Worte „Gemeinschaft, oft Geborgenheit und dass sich jeder gut kennt“ gekommen, weiß Schwarzmüller, aber auch solche, die im Gegensatz dazu stehen wie Enge, Kaff, konservativ, klein und engstirnig.
Kirche im Dorf lassen
Was die Fotografin überrascht hat? „In einer Zeit, in der wir immer von Kirchenaustritten lesen, verbinden ganz viele immer noch die Kirche mit dem Dorfbegriff“, schildert Schwarzmüller – wobei natürlich auch das Wirtshaus mit dem Dorfbegriff assoziiert wird.
Und wie geht es der Frau vom Land nach so vielen Jahren in der Großstadt und was vermisst sie hier? „Gar nicht so viel, die Familie auf jeden Fall“, sagt sie in der ersten Reaktion.
Aber dann fällt ihr doch noch viel mehr ein, etwa das Eingebundensein in ihren Karateverein Steyr: „Nicht, dass es in Wien nicht auch Vereine geben würde, aber man wächst in einem Verein hinein und wächst mit ihm. Und dann gibt es natürlich noch die nostalgischen Kindheitserinnerungen von Maibaumaufstellen, Blasmusik, Keli aus der Glasflasche und die Ortsfußballmeisterschaften.“
Den Spruch „Wien ist ein Dorf“ kennen übrigens 97 Prozent aller, die bei der Umfrage mitgemacht haben. An der Umfrage kann man noch online.
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