Körperwelten der anderen Art: Wachsfiguren sind 240 Jahre alt
Anlehnen verboten, Rucksack bitte nicht am Rücken tragen! Das dünne Glas der Vitrinen wurde seinerzeit in Murano gefertigt und ginge leicht zu Bruch, erläutert Felix Clam-Martinic diese Vorsichtsmaßnahme.
Am 37. „Welttag der Fremdenführer“ erfüllt er sich einen „lang gehegten Traum“: eine öffentlich frei zugängliche Führung durch sein geliebtes Josephinum im 9. Bezirk.
„Noch wertvoller ist aber das, was sich hinter dem Glas befindet“, betont der geprüfte Fremdenführer. In den Vitrinen des renovierten Palais an der Währinger Straße, das heute Teil der Medizinuniversität Wien ist, sieht man 1.000 historische Körperdarstellungen – aus Bienenwachs und Harz.
Sie wurden im Laufe der 1780er-Jahre in der Werkstatt „La Specola“ in Florenz geformt, und sie sind mindestens so atemberaubend wie die inzwischen weltweit bekannte Ausstellung „Körperwelten“.
Das Ende der Fleischflicker
„Joseph II. hat die Werkstatt in Florenz beim Besuch seines Bruders Leopold, seineszeichens Großherzog der Toskana, entdeckt“, so Felix Clam-Martinic. „Und er hat dann für die Ausbildung der Militärchirurgen in Wien rund 1.200 Exponate in Auftrag gegeben und aus seinem Privatvermögen bezahlt.“
Die Fremdenführer begingen am Sonntag ihren Welttag im Josephinum auf dem Alsergrund.
„No, es hat aber sicherlich keinen Armen getroffen“, ist launig aus der großen Menge an Interessierten, die am Sonntag bei freiem Eintritt das Josephinum besucht hat, zu vernehmen. Dennoch hat Joseph II. mit seinem Ankauf eine solide Basis für einen inzwischen höchst anerkannten Berufsstand geschaffen.
Soldaten zusammengeflickt
Zuvor wurden Chirurgen des Militärs von den Ärzten nicht ernst genommen, weil sie die Soldaten an der Front nur notdürftig zusammenflickten. So deren Kritiker. Dank der neu geschaffenen zehn Jahre lang dauernden Ausbildung am Josephinum wurden die Chirurgen bald zu einer ernsthaften Konkurrenz der Wiener Medizinalräte.
240 Jahre alt: Das Wachsmodell zeigt Lymphgefäße und Venen . Es stammt aus der Werkstatt La Specola in Florenz.
An den täuschend echt aussehenden Wachsfiguren aus Florenz konnten sie ihr Wissen über den Körper des Menschen vertiefen. Einzelne Organe, Blutbahnen, Sehnen, Knochen, Lymphgefäße sowie Muskelschichten sind auch am Welttag schön zu sehen.
Zwei Weltkriege überlebt
„Es ist ein Glück, dass fast alle der nach Wien gebrachten Exponate heute noch zu sehen sind“, so der Kunstvermittler, der halbtags im Josephinum angestellt ist. Zwei Weltkriege und einige politische Zäsuren konnten der Lehrsammlung kaum etwas anhaben.
Es ist den Fremdenführern in dieser Stadt zu verdanken, dass sie mit ihrem 37. Welttag auf ein wenig bekanntes Juwel in Wien aufmerksam gemacht haben. Hunderte Besucher und Besucherinnen wollten sich bis zum Abend Einblicke in die Wiener Medizingeschichte nicht entgehen lassen. Schade für alle, die darüber nun aus der Zeitung erfahren. Doch es gibt wie öfters im Leben eine zweite Chance.
Ethisch nicht bedenklich
„Wir bieten in unserem Haus regelmäßig Führungen an“, stellt Christiane Druml in Aussicht. Die Direktorin nützte den Welttag, um auch für ihr Josephinum zu werben.
Im Gegensatz zur aufsehenerregenden und viel diskutierten Körperwelten-Show, sagt Druml, sind die hier gezeigten 240 Jahre alten Exponate auch in keiner Weise ethisch bedenklich, weil sie aus Wachs und Harz hergestellt und nicht von menschlichen Leichen entnommen wurden.
An den täuschend echt aussehenden Wachsfiguren aus Florenz konnten die Militärchirurgen ihr Wissen über den Körper des Menschen vertiefen.
Gustav Klimt als Draufgabe
Mit einem besonderen Zuckerl kann die Direktorin zusätzlich noch winken: „Vom 26. März bis Ende Juni zeigen wir bei uns die Ausstellung Gustav Klimt und die Medizin.“
Der Maler Klimt durfte dank seiner Freundschaft zu Emil Zuckerkandl, Professor für Anatomie, im Mikroskop Eizellen und Spermien sehen und hat deren Strukturen auch in Ornamente eingearbeitet.
Auch Christa Bauer, als Präsidentin des Vereins der geprüften Wiener Fremdenführer zuletzt die „Wienerin der Woche“ im KURIER, hat noch einen Termin parat: „Am Freitag organisieren wir den Inklusiven Welttag. Er richtet sich an blinde, sehschwache, gehörlose und demenzbetroffene Menschen und führt uns in die Heidi Horten Collection.“ Der Eintritt ist frei, Anmeldung erforderlich: 0664 / 321 98 28.
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