Seltene Gelegenheit: Jüdischer Friedhof in Floridsdorf öffnet
Die unscheinbare Eingangstür zum jüdischen Friedhof in der Ruthnergasse 24 – 26 ist an den meisten Tagen des Jahres zugesperrt. Heute hat sie der Direktor der Volkshochschule Floridsdorf, Wolfgang Gruber, für den KURIER geöffnet. Und einer der wohl profundesten Chronisten des 21. Bezirks ist extra aus Hietzing angereist.
„Im Jahr 1877 zählte man in Floridsdorf 641 Mitglieder der damals neu gegründeten Kultusgemeinde aus insgesamt 111 Familien“, weiß Gerhard Jordan, ohne dafür auch nur einen Blick in seine Unterlagen werfen zu müssen. Jordan ist ein lebendes Lexikon, bis ins letzte Detail gut bewandert in der Geschichte des 21. Bezirks.
Die Wimmers
Wolfgang Gruber lädt auch in diesem Jahr dazu ein (siehe Infobox), und Gerhard Jordan wird wieder Interessierte durch die wohl unbekannteste Ruhestätte der Stadt fundiert führen. Der VHS-Direktor skizziert das gemeinsame Ziel: „Es geht um politische Bildung und um Erinnerungskultur.“
Gerhard Jordan und Wolfgang Gruber beim Besuch am Friedhof.
Der Historiker ergänzt: „Die jüdische Kultusgemeinde im 21. Bezirk war zwar eine der kleinsten in Wien, aber sie hat ein sehr reichhaltiges Erbe auf der nördlichen Seite der Donau hinterlassen.“ Jeder Grabstein auf dem Friedhof in Großjedlersdorf steht für die Geschichte eines Menschen oder einer ganzen Familie. So zum Beispiel die Erinnerung an Elias Wimmer: Er gilt als der erste jüdische Ansiedler in Floridsdorf, wie auch sein Stein erzählt.
Elias Wimmer eröffnete in der damaligen Hauptstraße 37 ein Gasthaus, das er bis zu seinem Tod führte. Wimmer gehörte der ersten Generation an, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Floridsdorfs Dörfern ansiedelte.
„Sie kamen großteils aus dem Gebiet der heutigen Westslowakei und aus Mähren, sie handelten anfangs vor allem mit landwirtschaftlichen Geräten und Produkten“, zitiert Jordan aus den spärlichen Quellen über die kaum bekannte Community am Stadtrand.
Jüdische Friedhöfe
Bekannter als der Floridsdorfer sind die
jüdischen Friedhöfe in Währing und auf dem Alsergrund (Seegasse). Ruhestätten gibt es u. a. auch auf dem Zentralfriedhof und auf dem Friedhof in Döbling.
Buchtipp
Informative Broschüre des Bezirksmuseums Floridsdorf: „Gedenken an das Jüdische Leben in Floridsdorf.“ Soeben neu aufgelegt und im Museum erhältlich.
Führungen
Gerhard Jordan (links) führt über den Friedhof in der Ruthnergasse 24–26, am 16. & 20. 4. ab 18 Uhr. Wolfgang Gruber, VHS-Direktor in Floridsdorf, erklärt dazu: „Eintritt frei, Anmeldung unbedingt erforderlich.“
floridsdorf@vhs.at
Die Wodickas
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dann die Donau reguliert. Man baute neue Brücken über den Fluss, neue Eisenbahnstrecken von der Stadt in Richtung Norden. Im Zuge der Industrialisierung wurden in Floridsdorf etliche neue Fabriken errichtet. Neue Berufe entstanden, Anwälte, Ärzte, Beamte siedelten sich in Floridsdorf an – viele mit jüdischem Religionsbekenntnis.
Nachbar von Elias Wimmer wurde 1884 Ignaz Wodicka, der zuvor eine Lederhandlung in Altlerchenfeld geführt hatte. 1907 zog Wodicka in ein Prachtgebäude am Spitz um (heute das Betten-Reiter-Haus) weiter. Sein Geschäft wurde dort zur Institution, die 1938 – wie viel jüdisches Eigentum – von den Nazis arisiert wird.
So wie an Ignaz Wodicka erinnert der jüdische Friedhof in der Ruthnergasse auch an die im Floridsdorf der Jahrhundertwende aktive Familie Grünwald. Moritz Grünwald war Kaufmann und bemühte sich sehr um die Einrichtung eines eigenen Friedhofs sowie um den Bau einer Synagoge in der heutigen Freytaggasse.
Seine Söhne Jakob (Unternehmer), Leopold (Philosoph, Händler), Emanuel (Getreidehändler), Johann (Möbelhändler) und Ignatz (übernahm die Firma vom Vater) trugen ebenso zum Gedeihen Floridsdorfs bei. Wer weiß, wo und wie Floridsdorfs jüdische Familien heute leben würden, hätten sie die Nazis nicht in den 1930er-Jahren ermordet oder ins Exil getrieben.
Die Grünwalds
Ein Faktum ist, dass sich die Grünwalds über die ganze Welt verstreuten, während die Familie Klagsbrunn aus der Floridsdorfer Pilzgasse nach Brasilien emigrierte. Detail am Rande: Leo Klagsbrunn war einer von vielen jüdischen Funktionären im Fußball – er zum Beispiel beim FAC.
Der Terror der Nazis hat, auch unter der Mitwirkung bzw. der Ignoranz der nicht-jüdischen Bevölkerung im 21. Bezirk, eine an sich blühende Gemeinde zerstört. Historiker Jordan will „diese Geschichte wieder ins Bewusstsein rücken und damit der Intoleranz und dem Antisemitismus aktiv entgegenwirken“.
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