Dompfarrer Toni Faber: "Ich schenke zu Weihnachten Zeit und Zuwendung"

Dompfarrer Toni Faber in seinem Büro.
Dompfarrer Toni Fabers Heiliger Abend ist geprägt von gemeinsamen Feiern mit Kindern, Bedürftigen und vielen Gläubigen.

Dompfarrer Toni Faber (63) nutzt gerade die Zeit vor Weihnachten, um mit vielen Menschen als Seelsorger in Kontakt zu treten.

KURIER: Wie war das Weihnachten Ihrer Kindheit?

Toni Faber: Emotional, wunderschön, meistens mit Schnee verbunden, was schon lange nicht mehr der Fall ist. 

Als Kind natürlich das Warten auf die Glocke, wir haben den Brief ans Christkind ins Fensterbrett gelegt. Das unendlich lange Warten haben wir uns mit Absingen von Weihnachtsliedern verkürzt, ehe wir uns auf die Geschenke stürzten.

Und heute?

Mit ganz vielen unterschiedlichen Menschen: Mit 400 Kindern und tausend Erwachsenen bei der Krippenandacht, dann die Mozartvesper mit dem Bischof und zwei- bis dreitausend Menschen, danach die Weihnacht der Einsamen, drei Stunden bei mir im Haus mit 200 armen Menschen, mit Obdachlosen und Bedürftigen. 

Der Stephansdom in Wien zu Weihnachten.

Der Stephansdom.

Danach ziehe ich mich zurück und überlege, ob die vorbereiteten Gedanken für den Abend die richtigen sind. Ab 23 Uhr höre ich die Turmbläser, ehe ich in den Dom gehe, wo hoffentlich 5.000 Menschen warten, mit denen ich die Christmette feiere. Nach halb zwei kann ich im engsten Kreis mit den liebsten Menschen feiern.

Welche Botschaft verkünden Sie am Heiligen Abend?

Die Kernidee von Weihnachten: Mach es wie Gott, werde Mensch. Wir müssen nicht frömmer, sondern mehr Mensch werden.

Machen Sie viele Geschenke?

Da bin ich ganz schlecht und muss mich immer sehr zwingen, wirkliche Geschenke zu finden. Ich schenke Zeit, ich schenke meine Zuwendung. Meine Familie erwartet schon seit vielen Jahrzehnten keine Geschenke von mir. Leider ist meine Mutter heuer mit fast 90 Jahren gestorben, bisher war es so, dass wir uns rund um ihren Geburtstag und Weihnachten in der Familie zusammengesetzt haben, das gibt es leider nicht mehr.

Finden wir ausreichend Zeit für Weihnachten neben all der Geschäftemacherei?

Natürlich beginnt der Advent früh, aber ich stimme nicht ein in den Chor derer, die das bejammern. Wir haben damit einen längeren Anlauf für ein ganz großes Fest. 

Toni Faber im Stephansdom.

Toni Faber im Stephansdom.

Und ich segne all diese Weihnachtsmärkte aus ganzem Herzen vorbehaltlos. Ich liebe es. Ich segne nicht den heiligen Kommerz, obwohl er zum Leben dazugehört. Wir kaufen gerne ein, wir schenken gerne, wir schaffen damit Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Und sehr viel Freude. Das möchte ich nicht miesmachen. Es sind nicht die die Besseren, die verbissen sagen: Der Advent beginnt erst mit dem ersten Adventsonntag.

Die Herbergsuche passt ja auch in unsere Zeit. Josef und seine schwangere Frau Maria würden Politiker heute lieber abschieben als aufnehmen.

Es steht jedem frei, die Migrationsbewegungen zu beurteilen. Aber wenn ich dem konkreten Menschen gegenüberstehe, kann ich ihm Zuwendung schenken und in seinen Bedürfnissen aufmerksam wahrnehmen. 

Toni Faber in seinem mobilen Beichtstuhl.

Toni Faber in seinem mobilen Beichtstuhl.

Ich kann damit nicht alle politischen Probleme der Welt lösen, da müssen die Politiker um bessere Lösungen ringen. Wenn ich die Anzahl der Muslime in Österreich wahrnehme, mit 700.000 und fast fünf Millionen Katholiken, sind wir noch nicht direkt an der Kippe, dass wir mehr Muslime im Land haben. Ich kenne so viele vernünftige, integrierte muslimische Männer und Frauen und Kinder, die bereit sind, hier das Ihre zu tun.

Die Kirche kommt mit der Zuwanderung zurecht?

Ja, jeder muss seinen Beitrag leisten, das tun wir in den Kirchen und Klöstern. Ich habe grundsätzlich keine Angst vor Syrern und keine Vorbehalte gegen Afghanen. Ich kenne halt viele, die als Flüchtlinge in relativ ungebildetem Zustand gekommen sind und sehr schwer integrierbar sind. Aber das müssen wir nicht zu Weihnachten lösen, sondern einzeln dem Menschen begegnen.

In vielen Bereichen wird gespart. Caritas-Direktor Klaus Schwertner fürchtet, dass die Politik sozial Schwache stärker trifft.

Natürlich ist die Befürchtung groß, dass es wieder die trifft, die ohnehin zu wenig haben. Man muss sparen, aber es muss mit einem Augenmaß sein, dass es nicht die Ärmsten trifft. Da teile ich hundertprozentig die Befürchtungen und die Bemühungen von Caritas-Direktor Klaus Schwertner, den ich sehr schätze.

Mit dem Bürgermeister reden Sie auch darüber?

Natürlich sind wir im Gespräch darüber, was uns Sorgen bereitet. Ich bin selber erschüttert, dass die U-Bahn aufgeschoben wird, ist schrecklich. Hoffentlich bleiben die Armen nicht auf der Strecke, hoffentlich bleibt die Kultur nicht auf der Strecke. Ich weiß mich bei Sozialstadtrat Peter Hacker und Bürgermeister Michael Ludwig gut verstanden und aufgehoben.

Sie gelten als Society-Seelsorger für die Reichen und Schönen. Dabei kommt doch eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel.

In dieser Bibelstelle steht auch: Für Gott ist nichts unmöglich. Ich klopfe vielen ans Herz und viele Vermögende sind bereit, ihr Herz zu öffnen und Gutes zu tun. Das ist beeindruckend. Und bei denen, die es noch nicht tun, klopfe ich weiter an.

Schmerzen Sie die vielen Kirchenaustritte?

Ja, aber ich habe auch 100 Eintritte pro Jahr. Ich bin kein Society-Pfarrer, sondern ein City-Missionar, der für alle Menschen da ist.

Braucht es die Kirche noch?

Hundert Prozent. Das sehe ich an meinem Terminkalender. Ich bin als Seelsorger gefragt. Es braucht diesen Gesellschaftskitt und wir als Kirchen sind da besonders gefordert.

Ist die Kirche mit Papst Franziskus, Papst Leo und jetzt Erzbischof Grünwidl auf einem guten, modernen Weg?

Papst Franziskus hat viele alte Zöpfe in der Kirche abzuschneiden versucht. Ich bin beeindruckt von seiner Nähe zu den Armen. Jetzt haben wir mit Josef Grünwidl diesen designierten Erzbischof, der in der Zölibatsfrage, in der Frauenfrage und in vielen anderen Fragen ganz normale, liberale, offene, zeitgemäße und den Menschen zugewandte Positionen vertritt, wie ich sie auch seit 20 Jahren vertrete.

Ein Mann mit Brille und eine Frau in einem pinkfarbenen Blazer posieren vor einer Menschenmenge.

Toni Faber ist gerne in der Öffentlichkeit unterwegs. 

Das ist nun nicht mehr nur aussprechbar, sondern sogar bischofsfähig. Das lässt mich sehr hoffen und darauf vertrauen, dass die Kirche auf einem guten Weg ist. Die Kirche ist immer in Erneuerung.

Würden Sie heiraten, wenn der Zölibat fällt?

Davon bin ich bisher nicht ausgegangen, das müsste ich mir neu überlegen. Wenn mich mit 65, 70 noch jemand will? Ausgeschlossen ist es nicht, aber die Frage steht nicht am Tagesprogramm.

Sie sind zufrieden und glücklich, Priester zu sein?

Ja, zu hundert Prozent. Aber ich bin mit mir selbst nicht in allem zufrieden. 

Ich bin mit manchen Haltungen, Versteinerungen und Scheinheiligkeiten in der Kirche nicht zufrieden, aber ich bin sehr zufrieden damit, dass unser Dienst willkommen ist, und ich in diesem Dienst sehr viel tun kann.

Abschließend eine Frage mit Augenzwinkern: Sind Sie ein scheinheiliger Dompfarrer oder ein Dompfarrer mit Heiligenschein?

Mit dem Zwinkern des Heiligenscheins bin ich viel mehr zufrieden als, mit einem scheinheiligen Dompfarrer. Der würde für mich zum Kotzen sein. Was mich am meisten in der Kirche ärgert und aufregt und mir Widerwillen bereitet ist diese Scheinheiligkeit in manchen Fragen.

Kommentare