Als in Hietzing noch wild gesiedelt wurde

Hütten, Gemüsegärten und viel Eigenleistung: In den 1920er-Jahren entstanden am Rand des 13. Bezirks Selbstversorgersiedlungen. Friedensstadt und SAT-Siedlung erzählen von einer fast vergessenen Bewegung.
Horst Zecha vor dem Siedlerdenkmal in der Friedensstadt.

Hietzing verbinden wohl die meisten mit Schönbrunn und prächtigen Villenvierteln. Dass da, wo der Bezirk Richtung Lainzer Tiergarten langsam ins Wienerwaldgrün ausfranst, einst wilde Siedlungen errichtet wurden, ist hingegen weniger bekannt.

Die Wiener Siedlerbewegung entstand parallel zu den großen Gemeindebauten des Roten Wien nach dem Ersten Weltkrieg, als Wohnraum dringend gebraucht wurde und Inflation, Arbeitslosigkeit und Lebensmittelknappheit hoch waren. So entstand das Bestreben, am Stadtrand einfache Siedlerhäuser zu errichten, samt Gärten, die die Lebensmittelversorgung sicherten.

Mehrere Reihenhäuser mit Vorgärten und kahlen Bäumen stehen an einer Straße, davor sind zwei geparkte Autos zu sehen.

Die Häuserzeile entlang der Hermesstraße.  

Familiengeschichte

In der Friedensstadt, einem Teil des Hietzinger Grätzels St. Hubertus, erinnert ein Denkmal an die illegale Besetzung dieses Areals des Lainzer Tiergartens durch „siedlungswillige Kriegsbeschädigte“ im September 1920. Horst Zecha liest die Inschrift auf der Stele vor. Die Familiengeschichte des Obmanns der Heimatrunde St. Hubertus lässt sich ohne die der Friedensstadt gar nicht erzählen. Sowohl seine Urgroßeltern als auch die seiner Frau gehören zur ersten Generation jener Siedler.

Auf diese wartete hier und in der angrenzenden Siedlung Auhofer Trennstück (SAT) damals viel Arbeit. Das Areal am Wiener Stadtrand war zwar bereits gerodet worden, doch mussten alle Wurzelstöcke von den Siedlern erst ausgegraben werden. „Das Holz war weg, aber die Arbeit war da“, sagt Zecha. Die Grundstücke konnten nach der Legalisierung der Siedlung zunächst nur gepachtet werden. „Erst wenn die Siedler hier zweieinhalbtausend gemeinnützige Arbeitsstunden vorweisen konnten, also zum Beispiel Straße bauen oder Kanal graben, konnten sie ein Grundstück kaufen.“

Zecha begrüßt einen Passanten, der kurz am Motorrad neben ihm hält. „Er ist ein Eingeborener, einer der Ureinwohner“, sagt Zecha mit einem Lachen. Viele sind es nicht mehr in St. Hubertus. Die soziale Struktur des Grätzels hat sich mit dem Anstieg der Grundstückspreise stark gewandelt. „Der Grundgedanke war, dass arme Leute hier etwas haben sollen, damit sie halbwegs gut leben können.“ Davon ist man mittlerweile weit weg.

Ein kleines, älteres Haus mit gelber Fassade und Holzaufbau steht auf einem verwilderten Grundstück neben modernen Gebäuden.

Einige der alten Häuser warten auf ihren Abriss. 

Ein Grätzel verändert sich

Aus den anfänglichen Selbstversorger-Gartenhütten aus Holz wurden über die Jahre kleine Einfamilienhäuser, die sich in den Gassen von St. Hubertus dicht an dicht aneinanderreihen. Viele davon stammen aus den 1950er-Jahren. Doch auch diese werden nach und nach weniger und durch Neubauten ersetzt.

Das allein würde Zecha prinzipiell gar nicht stören. „Natürlich ist es  schade, wenn die Häuser wegkommen, sie haben einen Charme. Aber sie sind an sich nicht wertvoll, es gibt hier kein Biedermeierhaus.“ Eine Ausnahme bilden einige Häuser an der Hermesstraße, die nach Typenplänen des Architekten Adolf Loos errichtet wurden.

„Das Problem ist, dass die Häuser immer größer gebaut werden“, sagt Zecha bei einer Fahrt durch das Grätzel. Er zeigt aus dem Autofenster auf zwei große Neubauten: „Da, eine hohe Schuhschachtel. Daneben, eine hohe, breite Schuhschachtel.“ Der vorhandene Baugrund werde bis zum letzten Zentimeter ausgenützt, die Gärten der ehemaligen Gartensiedlung schwinden.

Hauptsächlich die im Straßenbild noch erkennbare Parzellierung erinnert noch an die Siedlervergangenheit des Viertels. „Früher war das hier eine Arbeitersiedlung, heute könnte sich das aber kein Arbeiter mehr leisten“, sagt er. Steht das im Widerspruch zum Gründungsgedanken der Siedlungen? „Ja, total“, sagt Zecha.

Moderne Wohnhäuser an einer ruhigen Straße mit einem roten E-Scooter auf dem Gehweg und viel Grün an den Hausfassaden.

Das Straßenbild in St. Hubertus hat sich deutlich verändert. 

Am Stadtrand

Dass Abrisse alter Häuser und Neubauten zunehmen, registrierte er „in Schwüngen“ etwa seit den 1980er-Jahren. „Die Leute hatten mehr Geld und wollten raus aus der Stadt. Und dann sind auch die Grundstücke hier draußen teurer geworden. Dabei wollte hier früher keiner wohnen“, erinnert er sich. Schließlich sei der letzte Bus aus der Stadt früher um 20.50 Uhr gefahren, davor im Halbstundentakt.

Auch heute noch hat man hier, an den alten Hängen des Lainzer Tiergartens, seine heilige Ruhe. Steht man in Zechas langem, schmalen Garten, hört man an diesem Frühlingstag ringsum nur Vögel zwitschern. Der Blick geht in die Weite Richtung Wienerwald, ein paar Obstbäume und ein alter Gemüsegarten erinnern noch an die alte Funktion des Grundstücks.

Sein größter Wunsch für das Wohnviertel? „Dass sich die Bauordnung so ändert, dass man hier nicht mehr so groß bauen darf. Diese Riesenbauten waren nie der Sinn der Siedlung und passen eigentlich auch nicht hierher.“

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