2009: Kerzen vor der Albertville-Realschule

© APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Winnenden
05/19/2014

Das Leben der Eltern eines Amokläufers

Fünf Jahre nach dem Amoklauf ihres damals 17-jährigen Sohnes reden seine Eltern.

von Susanne Bobek

Sie schwiegen, der Vater wurde angeklagt, weil er seine Waffe nicht ordnungsgemäß verschlossen hatte. Sie schwiegen, weil sie, wie die Welt am Sonntag schreibt, das, was sie wirklich fühlten, "für unsagbar hielten".

Am 11. März 2009 hat ihr Sohn an der Albertville Realschule in Winnenden im deutschen Baden Württemberg 15 Menschen, darunter Mitschüler und Lehrer, ermordet und dann sich selbst erschossen. Sein Vater, Jörg Kretschmer, 55, damals Geschäftsführer einer Verpackungsfirma mit 100 Angestellten, wurde 2013 zu einem Jahr und sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Eine Klage der Stadt Winnenden auf Schadenersatz ist anhängig.

Die Mutter Ute Kretschmer, 53, die damals Krebs hatte, glaubt inzwischen, dass sie ihren Sohn schon lange vor dem Amoklauf verloren hat. Tim hatte psychische Probleme und war in Behandlung. "Den Tim, der diese Tat begangen hat, den kannte ich nicht." Sie bedauert, dass ihr Kind so viel Leid in die Welt gebracht habe und doch ist es ihr wichtig zu sagen, dass sie ihr Kind geliebt hat und immer noch liebt und vermisst.

Mitgefühl erwarten die Eltern nicht. "Vielleicht werden wir es doch noch einmal schaffen, den Namen unseres Sohnes an das Grab zu schreiben." Lange hätten sie nicht gewusst, wo sie die Urne bestatten sollen. Die Polizei warnte vor einem Begräbnis, man könne nicht für die Sicherheit der Beerdigungsteilnehmer garantieren.

Ihre Tochter Jasmin, zwei Jahre jünger als der Bruder, hatte nach der Tat einen Nervenzusammenbruch erlitten. Im Alter von 15 Jahren haben die Eltern ihre Tochter dann nach Frankreich auf die Schule geschickt, später nach Australien. Inzwischen studiert die 20-Jährige in Deutschland – unter einem anderen Namen.

Als Jörg Kretschmer sein Haus verkaufen musste, "wollte ein potenzieller Verkäufer ein Amok-Museum daraus machen". Daraufhin habe er lieber einen anderen Käufer gesucht.

"Man kann natürlich nicht erwarten, dass jemand um meinen Sohn trauert oder ihn vermisst. Man kann eigentlich gar nichts erwarten", sagt die Mutter, deren Leben am 11. März 2009 zerstört wurde.

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