© Privat

Chronik Welt
08/02/2019

Wo Honeckers Limousine steht

Ein Leipziger sammelt Autos, die in der DDR rollten, und will nun die Fluchtroute über Ungarn in den Westen abfahren.

von Sandra Lumetsberger

Wenn die DDR-Staatsführung auf dem Weg zur Leipziger Messe in ihren West-Limousinen vorfuhr, standen die Kinder am Rand und mussten winken. Gerrit Crummenerl erinnert sich gut daran, Erich Honeckers Citroën hat ihn schon damals fasziniert.

Das Staatsoberhaupt soll den französischen Wagen wegen seiner wiegenden Federung geschätzt haben. In der Bevölkerung spöttelte man, „er würde so über die Missstände hinwegschweben“, erzählt Crummenerl. Heute, 30 Jahre später, steht ein Citroen der Honecker-Flotte in der Lagerhalle des 47-jährigen gelernten Kfz-Mechanikers und Händlers nahe Leipzig. Wie viele andere Autos von damals: Barkas, Wolga oder Lada.

Viele Erinnerungen

Begonnen hat alles als Hobby und mit einem Erbstück: 1994 vermachte ihm der Großvater einen Wartburg. Dessen Bedeutung wurde ihm erst später bei einer Oldtimer-Rallye bewusst, wo man über das Gefährt staunte.

Dass sich die Menschen heute für die Autos interessieren, hat mit Erinnerungen zu tun: Entweder hatte der Vater so einen Wagen oder der Nachbar – „manche wollen jetzt eines kaufen, weil es damals nicht geklappt hat“. Wer in der DDR ein neues Auto wollte, musste bis zu zehn oder fünfzehn Jahre warten.

Die SED-Führung erhielt ihre West-Wagen meist durch Gegengeschäfte. Als Bub faszinierten Crummenerl die Autos, später fand er es ungerecht, warum nur die Parteiführung damit chauffiert wurde.

Richtig bewusst, dass vieles im Land falsch lief, wurde ihm im Sommer 1989, während des Ungarn-Urlaubs. Mit seiner Schwester fuhr der 17-Jährige im Trabi herum und kam der österreichischen Grenze nahe – „ein Zufall“, so Crummenerl. Obwohl sie keine Fluchtabsicht hatten, kamen sie in Einzelhaft. Während seine Schwester vier Wochen später tatsächlich flüchtete, beschloss er, mit 18 einen Ausreiseantrag zu stellen. So lange sollte er nicht warten müssen. Die Proteste waren im schon im Gange – „in der Schule mussten wir Aufsätze schreiben, warum sie falsch sind“, erinnert er sich.

Im September will er mit etwa 30 Autos und ehemaligen DDR-Flüchtlingen die Route in den Westen abfahren. „Wenn die Ungarn diesen Schritt nicht gemacht hätten, wären wir vermutlich nicht da, wo wir heute sind.“ Ziel ist die deutsche Botschaft, auf deren Balkon Außenminister Genscher die Ausreise der geflüchteten Ostdeutschen ausrief. Danach wollen sie über die Grenze.

Die letzte Fahrt?

Crummenerl glaubt, dass es das letzte Mal sein könnte. Viele DDR-Flüchtlinge sind heute um die 60 oder älter, bei Jüngeren könnte das Gedenken in Vergessenheit geraten und anderes in den Vordergrund rücken, sagt er mit Blick auf die Wahlen in Ostdeutschland im September. 30 Jahre später ortet er eine politische Abspaltung in Teilen des Landes. Es gebe Enttäuschung und Kritik an der Wiedervereinigung. Teils wären die Sorgen berechtigt, anderes sei „dummes Geschwätz“. Selbst in seiner Generation sei das Ost-West-Denken noch vorhanden. Er glaubt jedoch, dass die Zeit dies regeln wird.

Für ihn persönlich war die größte Errungenschaft die Reisefreiheit. Auch jetzt ist er viel unterwegs, auf der Suche nach alten Karossen. Für Honeckers Citroen musste er nicht weit fahren: 2005 ersteigerte er das Sondermodell in Berlin, das die SED zum 40. Jahrestag anfertigen ließ. Viel gefahren wurde damit nicht mehr. Ein paar Wochen später fiel die Mauer.