Die Käfer-Produktion ist vorbei, die Käfer-Liebe bleibt.

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Chronik | Welt
07/13/2019

Und tschüss, lieber Käfer

Das Ende der Beetle-Mania: Warum der Abschied vom Käfer-Erben nur ein bisschen schmerzt.

Um Äußerlichkeiten schert man sich nicht, es zählen die inneren Werte: der luftgekühlte Vierzylinder-Boxermotor im Heck, der Kofferraum vorn, der herbe Sound. Das bietet nur das Original: der VW-Käfer.

Auch deshalb findet das Käfertreffen am Großglockner an diesem Wochenende wie geplant statt. Unbeeindruckt von der Meldung, dass nun der letzte Beetle, der Nachfolger des Käfers, in Mexiko vom Band gelaufen ist.

Käfer-Fans sind Kummer gewöhnt. Längst hat man sich vom Original verabschiedet. Einst war es das meist verkaufte Auto der Welt, 2003 wurde die Produktion des Zweitürers eingestellt. Jetzt hat auch für den 1997 vorgestellten New Beetle die letzte Stunde geschlagen. Eingefleischte Käferianer nehmen es mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis.

Dass das letzte Auto aus der Kultserie ins Museum darf, geht natürlich in Ordnung. Schließlich konnte es liebevolle Reminiszenzen an das Original vorweisen – auf Wunsch auch die Blumenvase im Armaturenbrett.

Ein Auto für alle

Museumsreif ist die Geschichte des Kleinwagens jedenfalls. Nicht zuletzt, weil es ihm gelungen ist, sich vom Stigma des Nazi-Volksautos zu befreien und in Hollywood Karriere zu machen. Der VW-Käfer wurde Mitte der 1930er von Ferdinand Porsche als leistbarer Kleinwagen, als „Volkswagen“ im Sinne Hitlers erfunden: Das ursprünglich „Kraft durch Freude-Wagen“ genannte Gefährt sollte für die Deutschen werden, was den Italienern der Fiat 500 und den Franzosen der 2CV war: Ein für alle erschwingliches Auto.

Nach dem Krieg erhielt der „KdF-Wagen“ den offiziellen Namen Volkswagen. Käfer hieß er da übrigens schon längst: Den Ausdruck „Beetle“ prägte die New York Times bereits 1938. VW übernahm den Spitznamen für sein kurviges Familienauto erst 1968.

Zugleich entdeckte auch Disney das Potenzial des Kultautos: „Ein toller Käfer“ war der erste Film einer mehrteiligen Reihe um einen weißen VW Käfer namens Herbie. Fans wissen zudem um die Wichtigkeit der Zahlen: Die Startnummer 53 auf Herbies Heck soll einem vom Produzenten favorisierten Baseballspieler geschuldet sein. Im kultigen Nummernschild California OFP 857 stecken Hinweise auf Ort und Zeit des Filmdrehs (Our First Production 8 – 1957).

Und, apropos California: Der Käfer und sein Cousin, der VW Bus, wurden zum Kultobjekt der Hippies – als Gegenmodell zu den in den 1950ern gängigen archetypischen US-Straßenkreuzern.

Vor allem aber galten Herbie und seine Artgenossen ihren Fans als Autos mit Seele. Viele seiner Generation haben Kosenamen und ihre Besitzer pflegen eine eigene Beziehung zum ihnen.

"Jö schau, ein Käfer!"

Für manche Österreicher ist die Käfer-Liebe zur Lebensliebe geworden: Inge Srb-Schön, 62, wuchs mit dem Käfer ihres Vaters auf und auch weitere Autos ihres Lebens waren VW-Käfer. Der eigenwillige Spitzname „Würgli“, den sie einem Lebensauto gab, lässt kaum auf seine edlen Charakter-Eigenschaften schließen: „Schlicht, zuverlässig, zäh.“

Inge Srb-Schön ist nicht allein mit dieser Einschätzung. In Österreich gibt es heute noch dutzende Käfer-Fan-Clubs. Etwa den „Klub der Käfer-Freunde Österreich“, wo auch „Gerlinde“, ein weißer VW Käfer Cabrio Baujahr 1978, geparkt ist. „Jö, schau, ein Käfer!“, entkommt es allen, die „Gerlinde“ sehen. Sie ist eben auch so ein Auto mit Herz und Seele. „Bei einem Ford sagt kein Mensch: ,Jö schau, ein Ford!’ “, berichtet Christian Wollfsberger vom Käfer-Klub.

Auch für ihn ist die Käfer-Story Lebensgeschichte: Den ersten Käfer bekam er vom Opa zum Führerschein. Der heutige vierrädrige Lebensmittelpunkt ist Baujahr 1963, ein grauer Klassiker. Natürlich Originalfarbe. 1997 hat Herr Wollfsberger begonnen, ihn umzubauen, fertig ist man nie. Das Werkeln am Käfer ist wie „Lego für Erwachsene. Einfach, günstig, alles passt zusammen.“ Heutzutage müsse ein Automechaniker ja Computerspezialist sein, seufzt er. Beim Käfer, da ist noch alles Handarbeit – kein Vergleich mit seinem Nachfolger, einem Allerweltsbenziner.

Käfer, ein Lebensgefühl

Die Sehnsucht nach dem analogen Auto ist mehr als Nostalgie. Die Erinnerung an die Autowelt von gestern ist ein Stück Wirtschaftsgeschichte. Papa, Mama und die beiden Kinder fanden Platz, als man gemeinsam zum ersten Mal nach Grado reiste – die Zeit des Wirtschaftswunders.

Die starke Verbreitung des deutschen VW-Käfers in den Nachkriegsjahrzehnten trug auch in Österreich wesentlich zum Aufbau eines Gemeinschaftsgefühls bei. Das belegt ein Projekt des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Wien (Produkte und die Konstruktion der österreichischen Nation). Einerseits durch österreich-betonte Werbung, andererseits war der Käfer auch hier der erste für die Masse leistbare Wagen und zu seiner Zeit das meist verkaufte Auto. Daran konnte auch der ab 1957 in Österreich produzierte Steyr Puch 500 nichts ändern.

Für die Psychotherapeutin Cornelia Patsalidis war der Käfer Lebensbegleiter: Vom Auto der Eltern zum ersten Stück Eigenständigkeit in Studententagen. „Ein Lebensgefühl.“ Der Käfer war für Generationen Freiheit auf vier Rädern – auf Wunsch mit Blumenvase.

Der erste Volkswagen, den  der Autokonstrukteur Ferdinand Porsche (1875 –  1951), nach vierjähriger Entwicklungsarbeit 1938 präsentiert, hat 24 PS und wiegt 750 Kilogramm. Der Preis liegt bei knapp 1.000 Reichsmark. Das entspricht in etwa 40 Prozent des Jahreseinkommens einer Arbeiterfamilie.
Um das Auto in großem Stil zu produzieren, wird in Fallersleben in Niedersachsen ein neues Werk errichtet. Rund um das Werk entsteht eine Stadt: Wolfsburg.

Nach dem Krieg ist es die britische Militärregierung, die den ersten Großauftrag bestellt. Bereits 1946 werden die ersten Fahrzeuge in die Niederlande exportiert, 1949 folgt die erste Lieferung in die USA. Mit dem Käfer beginnt übrigens auch der Aufstieg der Familien  Porsche und Piëch. Ferdinands Sohn Ferry (1909–1998) wird  Sportwagen von Weltruf bauen. Tochter Louise  (1904–1999) heiratet den Anwalt Anton Piëch (1894–1952) und baut die Salzburger Porsche Holding zu einem Welthandelshaus aus. Ihr  Sohn Ferdinand  Piëch (*1937) wird als VW-Patriarch in die Geschichte eingehen.

Wirtschaftswunder

In den 1950er-Jahren wird der Volkswagen zum Inbegriff des deutschen Wirtschaftswunders. 1954 werden von Wolfsburg aus bereits 86 Länder beliefert. Ein Jahr später wird ein neuer Wagen mit 100 Stundenkilometer und einem 30-PS-Motor präsentiert.  1962 geht der fünfmillionste Käfer vom Band und in Mexico City wird  die „Volkswagen de México“ gegründet.

Im Dezember 1964 startet im VW-Werk Emden ebenfalls die Serienproduktion. 1972 wird der 15.007.034ste Käfer produziert. Damit stellt man den bisherigen Produktionsrekord des Ford-T-Modells ein. Zugleich aber beginnt der langsame Abstieg.  1974 läuft im Wolfsburger Stammwerk der letzte „Käfer“ vom Band, 1978 in Emden. 2003 wird auch in Mexiko die Produktion eingestellt. 21,5 Millionen „Käfer“ sind da seit 1938 (fast) in alle Welt verkauft worden.  
Ein Erfolg, den man seit 1998 mit dem  „New Beetle“ wiederholen wollte.

Das Design ist bewusst an den „Käfer“ ausgerichtet. Das Auto ist zunächst ein Verkaufsschlager. 1999 werden in den USA 80.000 Stück verkauft. Weltweit sind es bis heute 1,2 Millionen. Vom Nachfolger „Beetle“, der 2011 auf den Markt kommt, rollen bis 2018 rund 530.000 Stück vom Band.Zuwenig, um an die großen Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen. Vergangenen Mittwoch wurde im mexikanischen Werk in Puebla der letzte Beetle produziert.