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Chronik Welt
09/19/2020

Schweden: Vom Buhmann zum Covid-Musterland?

Chefepidemiologe: "Am Ende wird man sehen, wie viel Unterschied es macht, eine nachhaltige Strategie zu haben, anstatt einer, wo man immer wieder zusperrt, aufmacht, zusperrt."

Schweden ist derzeit laut EU-Statistik das einzige Land der Union, in dem seit Sommerbeginn die Zahl der w√∂chentlichen Corona-Neuinfektionen pro Kopf kontinuierlich r√ľckl√§ufig ist. Genau erkl√§ren k√∂nnen sich die Experten in Stockholm dieses Ph√§nomen auch nicht. Sie sehen darin aber eine Best√§tigung der auf Langfristigkeit angelegten nationalen Covid-Strategie.

Mitte Juni war Schweden mit 67,4 w√∂chentlichen Covid-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner noch Schlusslicht in der EU. √Ėsterreich verzeichnete damals moderate 2,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Mitte September hat sich das Bild umgedreht. W√§hrend in √Ėsterreich die Zahl 36,5 immer mehr andere L√§nder veranlasst, eine Reisewarnung nach √Ėsterreich auszugeben, liegt Schweden mit einer Neuinfektionszahl von 14,3 im unteren Drittel der EU.

Schweden w√§hlte zu Beginn der Pandemie im M√§rz einen von den meisten anderen L√§ndern unterschiedlichen Ansatz. Im Gegensatz etwa zu √Ėsterreich verzichteten die Schweden auf einen f√∂rmlichen Lockdown und weitgehend auf gesetzlich oder per Verordnung verankerte Vorschriften und Verbote. Lediglich f√ľr Gastronomie, Altersheime und die Anzahl von Personen bei Versammlungen gab und gibt es zum Teil weiterhin verbindliche Regeln.

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Schweden hielt w√§hrend der gesamten Zeit hindurch die Schulen f√ľr Unter-16-J√§hrige offen. Zuletzt √∂ffneten auch wieder Gymnasien und Universit√§ten. Auch das Besuchsverbot in Altersheimen f√§llt am 1. Oktober und weicht einer Empfehlung, entsprechende Vorsicht walten zu lassen. Auch anders als praktisch √ľberall anders verzichtete Schweden zur G√§nze darauf, Mund-Nasenschutz in der Allgemeinheit auch nur zu empfehlen und begr√ľndete dies mit der d√ľnnen Evidenzlage bez√ľglich der Frage, ob ein solcher effektiv die Verbreitung eines Virus verhindern kann.

Auch anders als in vielen anderen Staaten hielt sich die Politik aus dem operativen Corona-Management weitgehend heraus und √ľberlie√ü die der Bev√∂lkerung "dringend empfohlenen" Ma√ünahmen und Verhaltensregeln einem Komitee von Experten unter der Leitung von "Staatsepidemologe" Anders Tegnell, der international bald zur Ikone des "Schwedischen Modells" wurde. Laut Untersuchungen hielten sich rund 90 Prozent der Schweden an die Empfohlenen Verhaltensregeln.

 Coronavirus in Sweden

Als die Zahl der Corona-bedingten Todesfälle in Schweden im April sprunghaft anstieg und das Land europaweit die vierthöchste Ziffer verzeichnete, regte sich international und im eigenen Land teils scharfe Kritik an der vermeintlich laschen Vorgangsweise der schwedischen Verantwortlichen.

Diese machten M√§ngel und Fehler in der Altenpflege f√ľr die hohen Todesziffern verantwortlich ein leiteten verschiedene Ma√ünahmen wie eine gezielte Testungskampagne von Pflegepersonal in besonders kritischen Institutionen ein. Offenbar mit Erfolg, denn die Kurve der neuen Todesf√§lle flachte ab und glich sich jener der meisten europ√§ischen Staaten an.

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Chefepidemiologe Tegnell f√ľhlt sich angesichts der seit Juni anhaltenden Entwicklung in Schweden best√§tigt. In einem Interview mit dem Sender France-24 vergangene Woche sagte Tegnell, man sei insgesamt mit dem eingeschlagenen Weg in Schweden zufrieden. "Am Ende wird man sehen, wie viel Unterschied es gemacht haben wird, eine nachhaltige Strategie gew√§hlt zu haben, die lange Zeit durchgehalten werden kann anstatt einer, wo man immer und immer wieder zusperrt, aufmacht und wieder zusperrt. Im √ľbrigen rechne er nicht mit einer "zweiten Welle" in Schweden sondern lediglich mit lokalen Ausbr√ľchen, die jedoch gemeistert werden k√∂nnten.

Die Prognosen der schwedischen Wirtschaft sind jedenfalls weniger schlecht als die der meisten anderen EU-Mitglieder. Eine Ende Juli veröffentlichte Studie der britischen Analysefirma Capital Economics attestierte den Schweden, mit ihrer Taktik die durch die Pandemie bedingte Wirtschaftsflaute bisher am besten gemeistert zu haben.

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Zu einem ähnlichen positiven Schluss kommt auch eine Ende August auf dem Forschungsportal ScienceDirect veröffentlichte politische Analyse und verweist darauf, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die schwedische Corona-Strategie als Zukunftsmodell vorgeschlagen hat.

W√§hrend Tegnell selbst vorsichtig bleibt und in einem TV-Interview am Freitag betonte, es sei noch zu fr√ľh, einen L√§ndervergleich zu ziehen, lobte der Chef der schwedischen Gesundheitsbeh√∂rde, Johan Carlson die Disziplin der eigenen Bev√∂lkerung. Diese habe die "klaren Botschaften" der Beh√∂rden ernst genommen und so bewiesen, dass die gew√§hlte Strategie die Richtige gewesen sei.

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