Sensationeller Fund in Ägypten: 1.300 Jahre alte Weltchronik im Katharinenkloster
Symbolbild
Das Katharinenkloster am ägyptischen Sinai ist für seine umfangreiche Sammlung an Manuskripten aus vielen Jahrhunderten berühmt - und immer wieder für Überraschungen gut: Der Mittelalterforscher Adrian Pirtea von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) stieß dort auf eine Übersetzung einer 1.300 Jahre alten, bisher unbekannten Weltchronik. Sie eröffnet neue Einblicke in die politischen und religiösen Umbrüche von der Spätantike bis zum Aufstieg des Islam.
Die entdeckte Handschrift mit ihren stark beschädigten, teils zusammengeklebten Seiten stammt aus dem 13. Jahrhundert. Sie befand sich unter den bereits digitalisierten Manuskripten des Klosters. Pirtea und sein Team identifizierten sie als eine arabische Übersetzung einer ursprünglich um 712/713 nach Christus in syrisch-aramäischer Sprache verfassten christlichen Universalchronik - "ein verlorener Text. Nun liegt uns die arabische Übersetzung als einziges Zeugnis vor", so der Forscher gegenüber der APA.
Erste Erkenntnisse zum Fund erschienen kürzlich im Fachjournal "Medieval Worlds". Die Übersetzung ist nach Einschätzung von Pirtea vollständig "und spiegelt treu das Original wider".
Christliche Quelle
Mittels hochauflösender Digitalisierungen über die "Early Manuscripts Electronic Library" und der frei zugänglichen Bilder auf der "Sinai Manuscripts Digital Library" konnte der Forscher das Werk genauer untersuchen. Die Handschrift, der nun der wissenschaftliche Name "Maronitische Chronik von 713" verliehen wurde, zählt laut den Forschenden zu den frühesten erhaltenen christlichen Quellen zur Expansion des arabisch-islamischen Weltreichs und eröffne neue Sichtweisen auf die Ereignisse im Nahen Osten vor und nach der Entstehung des Islam.
"Die Maroniten sind eine christliche Gemeinde, die es noch heute im Libanon gibt. Ihr Name bezieht sich auf das Kloster des Heiligen Marons, den die Glaubensanhänger als Gründer ihrer Kirche ansehen", so der Historiker. Das Kloster komme in der Chronik - es handelt sich um ein etwa 70 Seiten umfassendes Dokument - zweimal vor. Man könne davon ausgehen, dass der anonyme Verfasser der Chronik dieser Gemeinde angehört habe.
Anonymer Chronist
In dem Werk schildert der Chronist laut Pirtea die Menschheitsgeschichte, von Adam bis zu den politischen und theologischen Debatten seiner eigenen Zeit. "Innerhalb einer syrisch-christlichen Gemeinschaft geschrieben, die traditionell mit Konstantinopel verbunden war, sich aber allmählich aufgrund theologischer Streitfragen von der byzantinischen Kirche entfernte, bietet das Werk eine einzigartige Perspektive auf die Transformation des östlichen Mittelmeerraums in der Spätantike und der frühislamischen Zeit", so der ÖAW-Mittelalterforscher.
Eine der historisch wertvollsten Passagen der Chronik betrifft laut Pirtea das 7. Jahrhundert. Sie beschreibt den byzantinisch-sassanidischen Krieg von 602-628, den Aufstieg des Islam, die frühen arabischen Eroberungen und die späteren arabisch-byzantinischen Konflikte. Die Erzählung endet im Jahr 692-693. Der Autor sei nicht nur über Ereignisse in Syrien und dem Nahen Osten gut informiert gewesen, sondern auch über Entwicklungen auf dem Balkan, in Sizilien und in Rom - "vermutlich war er ein Mönch oder ein Bischof oder jemand mit guten Kontakten zur byzantinischen bzw. westlichen Kirche".
"Sensationsfund"
Über ein groß angelegtes Digitalisierungsprojekt werden die Handschriften aus dem Katharinenkloster immer besser zugänglich: "Es gab bereits in den 1950er und -60er Jahren Versuche, die Handschriften aus dem Sinai über Mikrofilm zu dokumentieren. 2018 bis 2022 gab es ein größeres Projekt des Katharinenklosters mit Partnern, zunächst die syrischen und arabischen Handschriften zu digitalisieren."
Unter den digitalisierten Objekten sei auch die Weltchronik gewesen. Man habe damals aber nur sehr kurze Beschreibungen dieser Handschriften verfasst, so der Forscher. So würden auch heute immer wieder bisher unbekannte Texte entdeckt - "aber im Vergleich zu den bisherigen Funden ist die Weltchronik ein Sensationsfund".
"Die meisten arabischen Texte, die heute in den Sinai-Handschriften neu identifiziert werden, sind z.B. Übersetzungen der Bibel oder der Schriften der Kirchenväter, die jedoch auch anderweitig bekannt sind." Es gebe aber auch völlig unerwartete Funde, "vor allem in den Palimpsesten (alte Pergamenthandschriften, die nach Behandlung erneut beschrieben wurden, Anm.), die im Kloster aufbewahrt werden", so der Forscher, der nun an einer "modernen, kritischen Edition" der entdeckten "Maronitische Chronik von 713" arbeitet.
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