Heftiges Klimaphänomen: Behörden prognostizieren Super-El-Niño
Zusammenfassung
- NOAA prognostiziert mit 62-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen El Niño bis Ende Dezember, das Risiko für einen Super-El-Niño liegt laut Experten bei 50:50.
- Die Entwicklung und Stärke eines El Niño sind schwer vorherzusagen, da sie maßgeblich von unvorhersehbaren Windschwankungen im Pazifik abhängen.
- El Niño hat nur geringe direkte Auswirkungen auf Mitteleuropa, kann aber indirekt zu höheren Preisen für Agrarprodukte führen, während die globale Klimaerwärmung die Temperaturen ohnehin auf Rekordniveau hält.
Zur Erderwärmung könnte in diesem Jahr noch ein besonders heftiges Klimaphänomen hinzukommen. Nach Daten der US-Klimabehörde NOAA wird sich im Juni bis August mit immerhin 62-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein El Niño entwickeln, der bis mindestens Ende Dezember anhalten dürfte. Bei dem natürlichen Klimaphänomen erwärmt sich ein Teil des Pazifiks, was unter gewissen Bedingungen zu Überschwemmungen in einigen Erdregionen und Dürren in anderen führen kann.
Kommt Super-El-Niño
In Medien wird über einen Super-El-Niño spekuliert. Wie hoch das Risiko dafür dieses Jahr ist, sei schwer abzusehen, sagt der Klimaforscher und Ozeanograf Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. "Also ich würde sagen, 50:50 – es kann sein, kann aber auch nicht sein." Das Wort Super-El-Niño gehört nicht zu einer amtlichen Klimaskala. Einige Forscher verwenden es aber hin und wieder, um außergewöhnlich starke El Niños von anderen abzugrenzen.
Exakte Vorhersage schwierig
Entscheidend für die Entwicklung und die Stärke eines El Niños seien Windschwankungen, die noch nicht vorhersehbar seien, sagt Latif, der schon mit seiner Doktorarbeit grundlegende Erkenntnisse zu El Niño präsentiert hatte. Bei dem Phänomen El Niño erwärmt sich zunächst ein Bereich des Pazifiks in Äquatornähe. In den oberen 300 Metern der entscheidenden Pazifikregion stecke bereits jetzt viel Wärme, sagt Latif. "Da entwickelt sich alles lehrbuchmäßig. Aber dann gibt es immer noch diese zufälligen Windschwankungen, die in verschiedene Richtungen wirken können." Deswegen sei eine exakte Vorhersage schwierig.
Es könne sein, dass sich bis Weihnachten ein sehr starker El Niño entwickelt habe, sagte Latif. Wenn er dieses Jahr nicht komme, dann vermutlich nächstes. "Die Wärme im Pazifik ist da. Die kriegen Sie nicht weg. Die kann tatsächlich nur über die Atmosphäre abtransportiert werden, was einen El Niño bedeuten würde."
Beim Klimaphänomen El Niño ziehen in Äquatornähe im Pazifik warmes Wasser und Wolken an die sonst trockene Küste Südamerikas. Dies verursacht in Südamerika und durch eine Kettenreaktion auch in einigen Staaten Ostafrikas oft verheerende Überschwemmungen. In Südostasien, Ostaustralien und bis nach Südostafrika häufen sich dagegen Dürren und Waldbrände. La Niña ist in etwa das umgekehrte Wetterphänomen.
Auswirkungen für Mitteleuropa
"Die Auswirkungen eines El Niño-Ereignisses auf Deutschland, Österreich und die Schweiz variieren stark, da El Niño insgesamt nur einen sehr schwachen Einfluss auf Europa hat", sagt Daniela Domeisen von der ETH Zürich. "Das erklärt sich vor allem daraus, dass Europa nun mal sehr weit weg liegt vom tropischen Pazifik, und bis das Signal zu uns gelangt, wird es von vielen anderen atmosphärischen und ozeanischen Einflüssen gestört."
Wenn überhaupt, rufe El Niño mit einer höheren Wahrscheinlichkeit eine Situation hervor, "die eher kaltes und nasses Wetter zu uns bringt", sagt Domeisen. "Eine solche Vorhersage zum jetzigen Zeitpunkt birgt aber noch sehr große Unsicherheiten, da noch nicht einmal klar ist, wie stark das Ereignis im tropischen Pazifik wird, geschweige denn ob der Effekt bis zu uns gelangt."
In aller Regel habe selbst ein starker El Niño keine direkten Auswirkungen auf das Wettergeschehen in Mitteleuropa, "die man von normalen Fluktuationen unterscheiden kann", sagt Armin Bunde, Emeritus von der Universität Gießen, der selbst El Niños berechnet hat. "Indirekte Auswirkungen gibt es aber schon. So können schlechte Ernten im Pazifikraum zu höheren Preisen für Zucker, Kaffee und Kakao führen, die man dann natürlich auch bei uns spürt", sagt Bunde.
Der Klimawandel und sein Einfluss auf El Niños
Der Klimawandel habe so richtig erst um 1970 eingesetzt, sagt Bunde. In den Daten sehe man in der Zeit keinen belastbaren Einfluss des Klimawandels auf die Häufigkeit starker El Niños. "Das Gleiche gilt für die weniger wichtigen La Niñas." Latif fasst die Antwort zu der Frage so zusammen: "Also direkt wissen wir es nicht, das muss man ganz ehrlich sagen."
Relevant für Latif ist jedoch vor allem die Tatsache, dass die Temperaturen trotz eines gewöhnlich kühlenden La Niñas in den vergangenen Monaten hoch waren. "Wir hatten ja jetzt in den letzten Monaten und auch im letzten Jahr La-Niña-artige Bedingungen. Das heißt, es war eher kalt an der Oberfläche im tropischen Pazifik, und trotzdem waren die globalen Meeresoberflächen- und die Lufttemperaturen relativ warm gewesen", sagt Latif.
Meeres- und Lufttemperaturen global gesehen bereits extrem hoch
"Und derzeit haben wir ja eigentlich im Pazifik relativ neutrale Bedingungen, es ist dort noch gar nichts passiert, und trotzdem sind die Temperaturen schon wieder auf Rekordkurs", sagt Latif. Die Meeres- und Lufttemperaturen seien global gesehen bereits extrem hoch. "Wenn man selbst unter solchen Bedingungen schon wieder auf Rekordkurs ist, zeigt das, wie sehr die Klimaerwärmung bereits das Regiment übernimmt."
Falls ein El Niño komme, könne er die Temperatur natürlich weiter anheben. "Doch vor allem schreitet die Klimaerwärmung voran, und deswegen laufen solche Phänomene wie La Niña und El Niño einfach auf einem höheren Temperaturniveau ab", sagt Latif. Es könne jedoch auch ohne El Niño wieder einen globalen Temperaturrekord geben.
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