"Schock" über mangelnde Kontrollen nach Brandkatastrophe

No safety inspections at site of Swiss bar fire since 2019 in Crans-Montana, mayor says
Bar wurde seit fünf Jahren nicht mehr kontrolliert, Bürgermeister räumte am Dienstag erstmals Fehler ein. Waliser Sicherheitsdirektor zeigt sich "schockiert".

Zusammenfassung

  • Walliser Sicherheitsdirektor zeigt sich schockiert über fehlende Brandschutzkontrollen in Crans-Montana nach dem Brand mit 40 Toten.
  • Die Gemeinde räumt ein, dass seit 2019 keine Kontrolle in der betroffenen Bar stattfand, obwohl jährliche Inspektionen vorgeschrieben waren.
  • Italiens Außenminister Tajani kritisiert einen Übergriff auf Journalisten, die über die Katastrophe berichteten.

Noch immer ist die Fassungslosigkeit groß nach der Katastrophe: Bei dem Feuerinferno im Schweizer Crans-Montana in der Silvesternacht kamen 40 Menschen ums Leben, 116 wurden verletzt, teilweise lebensgefährlich. 

Am Dienstag räumte der Gemeindepräsident von Crans-Montana, Nicolas Féraud, erstmals ein, dass vorgeschriebene Kontrollen in der Bar nicht durchgeführt wurden. "Wir bereuen das bitterlich" sagte er vor Medienvertretern mit Tränen in den Augen. Indes werden die Opfer des Dramas sowie ihre Familien eine finanzielle Unterstützung erhalten. 

Der Walliser Sicherheitsdirektor Stéphane Ganzer zeigt sich nun "schockiert" über die Versäumnisse der Gemeinde bei den Brandschutzkontrollen des betreffenden Clubs. Solche Dinge dürften in einem Land, in dem die Normen präzise und die gesetzliche Grundlage streng sind, nicht passieren, sagte er dem Westschweizer Fernsehen RTS am Dienstagabend.

Féraud gab gegenüber Medien an, dass seit 2019 keine Kontrolle mehr in der Bar "Le Constellation" durchgeführt worden sei, obwohl diese eigentlich jährlich stattfinden sollte. Ganzer sagte dazu, er sei "mehr als schockiert und verärgert über gewisse Dinge, die er in diesem Zusammenhang" erfahren habe. "Dieses Fehlen von Kontrollen gehört dazu. Auch die in der Bar gelebte Risikokultur schockiert mich", betonte der Staatsrat.

Ganzer erinnerte auch daran, dass die Situation in den Walliser Gemeinden sehr unterschiedlich sei. Die Gemeinde Crans-Montana sei groß, es handle sich um einen Skiort mit einer langen Tourismustradition und einer eigenen Verwaltung.

Aftermath of New Year’s Eve party fire and explosion at "Le Constellation" bar in Crans-Montana

Staatsrat stellt Versäumnis fest

"Es ist nicht an mir, zum jetzigen Zeitpunkt zu beurteilen, wie diese Verwaltung geführt wird und wie der für die Kontrollen zuständige Dienst seine Arbeit erledigt hat. Was ich feststelle, ist das Versäumnis", sagte er.

"Solche Versäumnisse dürfen in einem Land wie dem unseren, in dem die Normen präzise sind und die gesetzliche Basis streng ist, nicht vorkommen. Und wenn alles eingehalten würde, hätten wir am Ende keine 40 Toten", so Ganzer.

Kontrolle der Materialien gehörten "selbstverständlich zur Grundlage"

Die Gemeinde hatte vor den Medien zu ihrer Verteidigung darauf hingewiesen, dass die Regeln die Kontrolle des verwendeten Schaumstoffs bei der Lärmschutzdecke nicht ausdrücklich vorsehe. Dem widersprach Ganzer: "Es gibt in der Verordnung sehr vollständige und klare Checklisten. Die Kontrolle der Materialien und eines Schaumstoffs wie dieses gehört selbstverständlich zur Grundlage einer Kontrolle in einem Betrieb."

Das verheerende Feuer mit 40 Toten und 116 Verletzten in der Silvesternacht ging wahrscheinlich von der Verwendung von "Wunderkerzen" aus, welche die Schaumstoffdecke der Bar in Brand setzten. Aus welchem Material diese Schaumstoffdecke bestand, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Der Barbetreiber hatte das Lokal vor etwa zehn Jahren eigenhändig umgebaut.

Medienbericht: Barchef wollte wegen "vieler Mängel" kündigen

Anfang Dezember hatte ein 28-jähriger Franzose erst als Barchef in "Le Constellation" angefangen. Eine Woche vor Weihnachten bereits meldete er sich bei seinem Vater und beklagte sich über die Zustände in der Bar, wie dieser dem französischen Privatsender BFMTV erzählte.

"Das habe ich nicht erwartet, es gibt viele Mängel", zitiert der Vater des Barchefs gegenüber dem Sender, wie der Schweizer Blick am Mittwoch berichtet. 

Video aus 2019: "Passt auf den Schaumstoff auf!"

Das Feuer soll durch die Funken einer Wunderkerze ausgelöst worden sein, die wohl an einer Champagnerflasche befestigt war und zu nah an die Decke gehalten wurde. Zahlreiche Videos in den sozialen Medien aus dem Inneren des Clubs in der Unglücksnacht bestätigen diese Annahme.

Bereits im Jahr 2019, also ein Jahr vor der kolportierten letzten behördlichen Sicherheitskontrolle im "Le Constellation", soll einem Kellner das Risiko durch den an der Decke angebrachten Schaumstoff im Lokal aufgefallen sein. In einem Video aus diesem Jahr, das die deutsche Bild nun veröffentlicht hat, sieht man, wie Gäste schon damals mit ähnlich präparierte Sektflaschen in die Höhe hielten. "Passt auf den Schaum auf!", rief der Kellner den Gästen in dem Video zu.

Kritik an Übergriff auf Medienschaffende

Unterdessen zeigte sich der italienische Außenminister Antonio Tajani überrascht über einen Übergriff auf Journalisten des TV-Senders RAI am Montag in Crans-Montana. Die Journalisten filmten vor einem Restaurant, das Betreibern der Bar "Le Constellation" gehört. Tajani fordert, dass die Schweizer Behörden für dieses Thema sensibilisiert werden.

"Die Journalisten waren damit beschäftigt, die italienische Öffentlichkeit über die Folgen der Katastrophe zu informieren, die sechs unserer jungen Menschen das Leben gekostet und zahlreiche Verletzte verursacht hat, von denen einige sehr schwer verletzt sind", schrieb Tajani auf X.

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