8 Dinge, die von der Artemis-2-Mission in Erinnerung bleiben
53 Jahre, 3 Monate und 22 Tage nach der Rückkehr der bisher letzten Mondfahrer 1972 endete in der Nacht auf Samstag die vorerst weiteste Reise, die Menschen jemals unternommen haben.
Ist "Artemis 2" damit einfach nur der (geglückte) Aufguss eines jahrzehntelangen Menschheitstraums? Oder tatsächlich der Startschuss zu einer neuen Vision: der dauerhaften Präsenz von Menschen auf dem Mond?
Ein Fazit nach 1,1 Millionen Reisekilometern in acht Momenten und einer Lehre aus der ersten Mondmission nach mehr als einem halben Jahrhundert.
1> Es ist möglich
Beginnen wir beim Grundsätzlichen: "Wir" können's noch. Safety-Protokolle, versagende Sensoren hin oder her. Der kollektive Menschheitstraum lebt. Wir können zum Mond fliegen - jedenfalls in seine Richtung. Dazu braucht es auch keine Millardäre vom Format eines Jeff Bezos oder Elon Musk, nein - das hat die "gute, alte" NASA geschafft. Um auf dem Mond zu landen, fehlt ihr aktuell zwar noch ein entsprechendes Spaceship. Das allerdings soll sich ja schon bald ändern.
2> Viral statt ikonisch
Die NASA schaffte es in den vergangenen 10 Tagen, die Mission perfekt zu inszenieren. Das begann schon bei der Auswahl der Crew. Mit Christina Koch war die erste Frau auf dem Weg Richtung Mond unterwegs. Ein bewusstes Zeichen, auch wenn weibliche Astronauten etwa auf der Raumstation ISS längst zum Alltag gehören. Dazu flog mit Victor Glover noch die erste Person of Colour mit.
Zur perfekten Inszenierung gehört in Zeiten von Social Media aber wohl auch, kleine virale Momente zu schaffen. Und so schauten die Astronauten zum Zeitvertreib den aktuellen Hollywood-Film "Der Astronaut" mit Ryan Gosling, und beäugten die Sonnenfinsternis mit den handelsüblichen Brillen wie man sie aus dem Supermarkt des Vertrauens kennt - stets begleitet von netten, sympathischen Schnappschüssen aus dem All. Auf ikonische Momente, Sprüche für die Menschheitsgeschichte gar (man erinnere sich, "Es ist nur ein kleiner Schritt...") verzichtete man aber. Dazu war der aufgestellte Streckenrekord dann doch nicht spannend genug.
3> Ein Nutella-Glas, wirklich?
Für das virale Highlight der Reise sorgte dann aber eine definitiv nicht geplante Showeinlage - und zwar jene eines Nutella-Glases. So eines löste sich nämlich justament kurz vor dem Höhepunkt der Reise, am weitest entfernten Punkt von der Erde und schwebte durch das Bild des Live-Streams. Eine perfekte Produktplatzierung, die freilich keine war - beteuerte jedenfalls die NASA. Hersteller Ferrero nutzte den Moment freilich dennoch gekonnt und teilte den viral gegangenen Clip des frei schwebenden Nutellaglases mit folgenden Worten: "Ein stolzer Moment für uns: Nutella wurde an Bord des Orion-Raumschiffs entdeckt. Ja, das ist gerade wirklich passiert!"
Artemis II: Ein Nutella‑Glas schwebt im Livestream durchs Orion‑Raumschiff und sorgt für virale Aufmerksamkeit in den sozialen Medien.
4> Nostalgische Gefühle im Retro-Look
Bei aller Inszenierung kamen bei der "Artemis-2"-Mission aber doch auch nostalgische Gefühle auf. Die Kapsel, mit der die vier Astronauten schließlich im Pazifik landeten, kennt man so seit den 50er-Jahren. Der Live-Stream war körnig, oft ruckelig. Die Bilder der Erde waren - keine Überraschung - auch nicht neu. Keine Spur von Trägerraketen, die wie bei Space X wieder wie durch Zauberhand auf die Erde zurückschweben. Die Artemis-Mission war das kleine Weltraumfahrt-Einmaleins.
5>Weltraumklos mit Sensoren
Technik hin, Fortschritt her. Am Klo sind alle Menschen gleich. Und so war die Mond-Mission kurz nach dem Start schon wieder auf der Kippe, als Sensoren eine defekte Toilette meldeten. Zwischenzeitlich musste die Crew sogar schnöde Beutel benutzen, so wie damals bei Apollo. Astronautin Christina Koch bekam's schließlich gerichtet, und nannte sich fortan selbst Space Plumber, All-Klempnerin.
6> Internationale Zusammenarbeit
Anders als noch bei den Mondmissionen vor einem halben Jahrhundert sind und bleiben internationale Partnerschaften der neue Standard in der Raumfahrt. Europa hat aber in Form der Antriebs- und Versorgungseinheit gewissermaßen ebenfalls an der Mondmission teilgenommen. Auch Österreich war beteiligt. Die Wiener Software-Schmiede TTTech mit Hauptsitz in der Schönbrunner Straße auf der Wieden hat sozusagen das "Nervensystem" der Orion-Kapsel entwickelt.
7> Emotionaler Höhepunkt, der Carroll-Krater
Im Vorbeiflug benannten die Astronauten der Artemis 2 einen Krater, zunächt nur als "heller Punkt auf dem Mond" beschrieben, nach einer verstorbenen Kollegin. Der helle Punkt solle von nun an Carroll-Krater heißen, sagte der kanadische Astronaut Hansen mit tränenerstickter Stimme.
Damit wollte die Crew an die 2020 im Alter von 46 Jahren an Krebs gestorbene Ehefrau Carroll Wiseman erinnert werden. Ein besonderer Moment auch für die beiden Töchter des Paares, die die rührende Zeremonie im Kontrollzentrum in Houston verfolgten.
8> "Dream big": Jeder große Plan braucht einen ersten Schritt
"Artemis 2" ist also geglückt. Aber die Mission ist nur sinnvoll, wenn man sie als Auftakt eines größeren Plans betrachtet. Und dieser Plan ist tatsächlich äußerst ehrgeizig: In den kommenden zwei Jahren plant die NASA 21 Mondlandungen, davon zwei bemannt. Ende 2028 soll dann der 13. US-Amerikaner - der erste nach 1972 - den Mond betreten, noch bevor das ein Chinesischer Taikonaut schafft. Bis 2036 sollen 53 weitere Missionen folgen, davon 20 bemannt.
Transportflüge, Mond-Rover, Wohnmodule, Solarpanel und sogar nukleare Minikraftwerke sollen auf den Mond gebracht werden. "Dieses Mal geht es nicht um Flaggen und Fußabdrücke", sagte der neue NASA-Chef Jared Isaacman kürzlich. "Diesmal geht es darum, zu bleiben."
Wobei er selbst zugab, dass die Pläne der NASA für die nächsten zehn Jahre "nahezu unmöglich" zu verwirklichen seien.
Und eine Lehre?
Bleibt die Frage, was die NASA abseits des Weitenrekords und der Gewissheit, dass sie es noch kann, auf dieser Mission gelernt hat. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind dünn gesät.
Eine der interessantesten offenen Fragen sind die Wasservorkommen auf dem Mond - eine Frage, zu deren Klärung Artemis 2 freilich nichts beitragen konnte.
Nein, Artemis 2 war wirklich als Generalprobe für künftige Missionen gedacht. Einigermaßen überrascht zeigte sich die NASA jedoch, dass die Astronauten bei ihrer 7-stündigen Mondbeobachtung auf der "Rückseite" des Mondes insgesamt sechs Meteoriten-Einschläge am Mond zählten.
Der Mond hat keine Atmosphäre, in der Gesteinsbrocken verglühen könnten, das ist klar. Dass die Astronauten die Einschläge als Blitze mit freiem Auge sehen konnten, war dann aber auch die Forscher im Kontrollzentrum in Houston neu.
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