Kraftwerk Kaunertal: "Das Projekt hat zu viele Sicherheitslücken"

Die UVP für das Projekt in Tirol läuft. WWF und Alpenverein fordern den Stopp und eine unabhängige Untersuchung.
Ein Fluss schlängelt sich durch eine grüne Berglandschaft unter einem bewölkten Himmel.

Zusammenfassung

  • Im Kaunertal plant die Tiwag ein umstrittenes Kraftwerksprojekt, das aktuell einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen wird.
  • Befürworter betonen die Notwendigkeit für die Energieversorgung und die Schaffung von Arbeitsplätzen, während Umweltschützer massive Sicherheits- und Umweltrisiken sehen.
  • Kritiker fordern wegen unzureichender Daten und steigender Naturgefahren einen Baustopp und unabhängige Untersuchungen.

In rund 2.300 Metern Seehöhe liegt das Kaunertal im Bezirk Landeck in Tirol, recht abgeschieden und daher von menschlichen Einflüssen nahezu unangetastet. Am Talboden hat sich über die Jahrhunderte ein Moor entwickelt, mit seinen fast 21 Hektar zählt es zu den größten im österreichischen Hochgebirge.

UVP läuft

In dem Tal verfolgt der Tiroler Energieversorger Tiwag ein Kraftwerksprojekt. So soll etwa im Platzertal der Speichersee für ein Pumpkraftwerk entstehen. Die Pläne reichen weit zurück, bereits 2009 wurden sie erstmals eingereicht, aktuell läuft die Umweltverträglichkeitsprüfung.

Doch um das Kraftwerk Kaunertal haben sich Fronten gebildet: Umweltschützer sehen das Tal bedroht und weisen auf die Gefahren von Felsstürzen hin, zudem seien die Gletscher bereits jetzt massiv geschrumpft.

Was die Befürworter sagen . . . 

Die Tiwag und die schwarz-rote Landesregierung pochen darauf, dass der Bau notwendig sei, um die Energieversorgung sicherzustellen. Die Investition von 1,6 Milliarden Euro würde auch Arbeitsplätze schaffen bzw. sichern.

Eine felsige Berglandschaft mit Schneefeldern unter blauem Himmel.

Ein Gletscher erstreckt sich zwischen felsigen Bergen unter einem bewölkten Himmel.

Ein Gletscher erstreckt sich zwischen dunklen Bergen, ein kleiner Bach fließt talwärts.

Ein Fluss schlängelt sich durch eine grüne und felsige Berglandschaft.

. . . und die Kritiker kontern

Doch Alpenverein und WWF warnten am Freitag erneut vor dem Großvorhaben: "Das Projekt hat zu viele ungelöste Sicherheitslücken", befürchtet Clemens Matt, Generalsekretär des Alpenvereins. "Nicht zuletzt würde mit dem Platzertal ein Tiroler Naturjuwel für immer zerstört."

Debatte um Naturgefahren

Die Vereine bewerten die von der Tiwag eingereichten Unterlagen als mangelhaft. So würde im Kapitel "Naturgefahren" mit veralteten Daten gearbeitet oder die Risiken nur gestreift, das betreffe Muren, Felsstürze oder Flutwellen in Speicherseen. "Das Risiko von Felsstürzen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vervierfacht", rechnet Bettina Urbanek vom WWF vor. Davor dürfe man nicht die Augen verschließen.

Der Gletscher wird immer kleiner

Durch die bereits belegten Rückgänge der Gletscher und des Permafrosts würde sich die Gefahr von Felsstürzen erhöhen, all das verbunden mit dem Klimawandel. An den Gletschern im Tal sei das deutlich zu sehen:

  • So sei das Eis am Gepatschferner allein 2023/24 um 104 Meter zurückgewichen.
  • Zwischen 2018 und 2024 waren es insgesamt 381,5 Meter.

Die Tiwag habe in ihren UVP-Unterlagen allerdings Daten aus 2017 verwendet, das sei unzureichend, kritisieren WWF und Alpenverein.

Was die Umweltschützer fordern

"Die Temperaturen steigen, die Starkwettereignisse nehmen zu", erinnert Clemens Matt. "Im alpinen Raum müssen wir künftig häufiger mit Steinschlag und Muren rechnen, durch die  unter Umständen größere Mengen an Stein und Geröll als bisher in Bewegung kommen." Dies könne "Kaskadeneffekte" auslösen und "zu Katastrophen führen", mahnt WWF-Expertin  Urbanek.

Die Vereine fordern daher eine "unabhängige wissenschaftliche Untersuchung der steigenden Risiken für Kraftwerke im Hochgebirge" generell und den Stopp der Baupläne im Kaunertal.

Die Tiwag konterte, dass "Naturgefahren in einem Gebirgsland wie Tirol seit jeher zur Realität" gehören, teilte Michael Holzmann, Talsperrenverantwortlicher des Energieversorgers mit. Aus dem Grund habe habe Sicherheit "oberste Priorität" und sei Grundlage für Betrieb und Planung neuer Anlagen.

"Unterlagen sind vollständig"

Das Projekt sei Ende März 2025 zur UVP eingereicht worden, Mitte Juli habe die zuständige Behörde die Vollständigkeit der Unterlagen bestätigt. Somit entspreche das eingereichte Projekt dem Stand der Technik, hieß es. "Im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung werden auch Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag, Muren oder Hochwasser sowie das Thema Permafrost umfassend und neutral geprüft - und das auch mit Blick auf die Folgen durch den Klimawandel“, versicherte Projektleiter Andreas Dengg

Der UVP-Bescheid wird voraussichtlich für 2027 erwartet.

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