© Michaela Reibenwein

Chronik Österreich
09/28/2019

Vor 14 Jahren vergewaltigt: "Als Opfer muss man kämpfen"

An den Folgen der Gewalttat leidet Maria täglich. Bald wird sie ihren Peiniger vor Gericht treffen.

von Michaela Reibenwein

In Marias (Name geändert, Anm.) Leben gibt es viele Hürden. Etwa die Warteschlange bei der Supermarktkassa. Kommt ihr jemand zu nahe, bekommt sie Panik. Termine im Alltag muss sie gewissenhaft planen. Spontane Treffen, die schafft sie einfach nicht. Unverbindliche Gespräche mit Fremden sind für Maria nicht möglich. Früher, da war sie extrovertiert. Aber heute tut sie sich schwer mit Menschen. Manchmal ist es ihr tagelang unmöglich, das Haus zu verlassen.

Als Maria 15 Jahre alt war, wurde sie mehrfach vergewaltigt. Von einem Mann, zu dem sie hochsah – einem Hundetrainer. Maria, heute 29 Jahre alt, leidet noch immer an den Folgen. Ein Gutachter hat ihr vor Kurzem bescheinigt, dass sie niemals arbeitsfähig sein wird. Dabei wollte sie Ärztin werden.

Die Wunden, die Maria damals als Jugendliche erlitten hat, sind für Fremde nicht sichtbar. Es ist ein Trauma. Ein harmlos klingendes Wort. „Die Leute glauben, es gibt eh Tabletten und Therapien. Du schluckst das und alles ist wieder gut. Aber das hier wird bleiben. Oder sie glauben, man schläft halt schlecht. Teilweise schlafe ich gar nicht“, erzählt Maria.

Die junge Frau sitzt auf einer kleinen Terrasse. Es ist ihr wichtig, ihre Geschichte zu erzählen. Sie will der Öffentlichkeit sagen, was sie erlitten hat.

Die Leute glauben, es gibt eh Tabletten und Therapien. Du schluckst das und alles ist wieder gut.“

Maria | Vergewaltigungsopfer

Dass der Täter keinen einzigen Tag in Haft verbringen musste. Dass er ihr 2.500 Euro Schmerzengeld als Vergleich anbot, um einen neuerlichen Prozess zu verhindern.

Maria will, dass die Menschen verstehen, an welchen Folgen sie noch immer leidet. Sie erzählt von ihren Albträumen, aus denen sie Schweiß gebadet aufwacht. Und wenn sie nicht aufwacht, verletzt sie sich selbst. „Ich kratze mich auf. Im Gesicht, an den Händen, am Rücken. Manchmal muss ich beim Schlafen Handschuhe tragen.“

Oder wie täglich oft mehrmals die Panik in ihr hochkommt. Einfach so. Auslöser kann ein Geruch sein, ein Gespräch, ein Gerichtstermin.

Für solche Fälle hat Maria einen Hund an ihrer Seite. Er kann riechen, wenn sich eine Panikattacke ankündigt. Dann springt er zu Maria hoch, schmiegt sich an sie. Er weckt Maria auf, wenn sie sich in ihren Träumen verletzt. Er macht ihr an der Supermarktkassa die Mauer, damit Fremde ihr nicht zu nahe kommen können. „Er ist Tag und Nacht bei mir. Immer und überall“, sagt Maria.

Im Lauf des Gesprächs mit dem KURIER wird der Hund zwei Mal zur sitzenden Maria hochspringen, seine Pfoten auf ihre Arme legen.

Schwierige Verhältnisse

Maria hatte seit ihrem elften Lebensjahr Hunde. Das ist ihre Welt. Und so kam sie auch in Kontakt mit dem Hundetrainer und seiner Frau. „Die haben sich immer um Kinder im Hundesport gekümmert. Ich habe sie besucht, sie haben mich zu Turnieren mitgenommen.“

Die junge Frau wuchs ohne Vater auf. Das Verhältnis zur Mutter war schwierig. Und so suchte sich Maria anderswo Halt. Als im Haus des Hundetrainers Welpen geboren wurden, übernahm Maria die Betreuung. Sie blieb immer länger. Immer öfter. Und irgendwann zog sie zu ihm und seiner Frau. „Sie waren wie Eltern für mich“, erzählt Maria. „Eltern“, die ein pubertierendes Mädchen zwangen, sich in die Mitte des Ehebetts zu legen. Eine „Mutter“, die von den Übergriffen nichts mitbekommen haben will. Ein „Vater“, der den Missbrauch noch heute abstreitet.

Küsserkönig

Berührungen, die habe es aber schon vorher gegeben, erinnert sich Maria. „Es waren Übergriffe. Aber ich habe es nicht gerafft. Ich war zu jung.“ Das „Abbusseln“ sei ganz normal gewesen. In der Szene war der Hundetrainer schließlich als „Küsserkönig“ bekannt.

Als der Mann Maria im Ehebett vergewaltigte, sagte sie nichts. In ihrer Verzweiflung schlug sie gegen Wände, donnerte ihre Füße gegen die Heizung. „Er hat gedroht, meinen Hunden etwas anzutun. Auch, dass er mich umbringt. Und er sagte, dass er sich umbringt und ich dann schuld sei. Also hab’ ich geschwiegen.“

Im Verein haben sie  zu ihm gehalten. Eh klar. Das Opfer, also ich, hat ihre heile Welt zerstört.“

Maria | Vergewaltigungsopfer

Irgendwann in der Nacht lief sie davon. Mit ihren Hunden. Sie holte sich Hilfe bei einem Kinderschutzzentrum. Dachte, sie könnte mit ihrem Peiniger verhandeln. „Ich wollte, dass er das nie wieder jemandem antut, ich wollte das privat regeln. Hätte er mir das versprochen, hätte ich vermutlich nichts gesagt“, erzählt Maria. Doch dann erfuhr das Mädchen, dass es nicht das einzige Opfer gewesen sein dürfte.

„Ich war noch in dem Verein und habe ihn noch gesehen. Und mir kam vor, dass das nicht aufhört.“ Dann kam er zu ihr, verwickelte sie in ein Gespräch. Und wollte ihr näher kommen.

Maria ging zur Polizei.

Der Hundetrainer wurde wegen fünffacher Vergewaltigung zu zwei Jahren teilbedingter Haft verurteilt. Doch er verbrachte nicht einen Tag hinter Gittern. Stattdessen bekam er die Fußfessel. Im Hundeverein war Maria ab diesem Moment nicht mehr willkommen. „Sie haben zu ihm gehalten. Eh klar. Das Opfer, also ich, hat ihre heile Welt zerstört“, sagt sie.

Höhere Strafen

Die politische Debatte zum Umgang mit Sexualstraftätern und Missbrauchsopfern hat Maria genau verfolgt. Dass Vergewaltiger mit höheren Strafen rechnen müssen, findet sie gut. „Höhere Strafen helfen. Sie schrecken ab. Triebtäter sind berechnend.“

Sie hätte sich gerne erspart, ihrem Peiniger über den Weg zu laufen. Doch Salzburg ist klein. Zu klein. „Wäre er in Haft gekommen, hätte ich ihn zumindest eine Zeit lang nicht gesehen. Und er hätte dort eine Therapie bekommen.“

Als Opfer, sagt sie, müsse man um alles kämpfen. Eine Einvernahme bei der Polizei müsse reichen, sagt Maria. „Die müsste mitgeschnitten werden.“ Aber es gibt immer wieder Einvernahmen. Und auf der Suche nach juristischer Hilfe sei man meist allein. Maria hilft jetzt anderen Opfern, schildert ihnen ihre Erfahrung. Weiß, welche Wege sie einschlagen müssen. Worauf sie achten müssen.

Noch heute läuft Maria dem Hundetrainer und seiner Frau über den Weg. Maria bekommt dann weiche Knie, Panik breitet sich aus. Sie ist regelmäßig in Therapie. „Das ist schwierig für mich. Es erinnert mich immer daran.“

In der kommenden Woche wird sie wieder daran erinnert werden. Dann wird sie den Hundetrainer erneut vor Gericht sehen. Maria verlangt Schmerzengeld. Das Gericht hat die Klage zugelassen.

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