Studie: Kinder, die nicht zu Hause aufwachsen, brauchen Bezugspersonen
Jugendliche werden mit Beginn der Volljährigkeit oft im Stich gelassen.
Jährlich müssen rund 3.000 junge Menschen, die in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind, mit Erreichen der Volljährigkeit alleine zurechtkommen. Mangels anderer Unterstützungsangebote spielen Familien trotz oft angespannter Beziehungen in dieser Phase eine wichtige Rolle, zeigte eine Studie der Uni Klagenfurt.
Familie sollte dabei aber viel breiter gesehen werden und sich nicht so sehr an klassischen Rollenbildern orientieren, betonen die Forschenden.
Während viel in die Kinder- und Jugendhilfe investiert werde, gibt es kein Monitoring, um herauszufinden, wie es mit den jungen Erwachsenen nach dem 18. Geburtstag weitergeht. Auch deswegen befragten der Professor für Sozialpädagogik, Stephan Sting, von der Universität Klagenfurt und sein Team im Rahmen einer Studie 41 sogenannte "Care Leaver" im Alter von 18 bis 27 Jahren, die in Betreuungseinrichtungen und Pflegefamilien aufgewachsen sind.
Wohnung, Arbeit, Ausbildung
"Die jungen Menschen entwickeln sich in der Regel gut, sind hoch motiviert, und dann lässt man sie von heute auf morgen fallen", wird Sting in einer Aussendung des Wissenschaftsfonds FWF, der das Projekt gefördert hat, zitiert. Dabei stehen sie mit Erreichen der Volljährigkeit vor Herausforderungen wie etwa Wohnungssuche, Arbeitsantritt oder Wahl der Ausbildung.
Mütter mit Hauptverantwortung
Die im Fachjournal "Children and Youth Services Review" veröffentlichten Studienergebnisse zeigen, dass die leiblichen Eltern zwar oft präsent sind, im sozialen Netzwerk der jungen Menschen aber neben Freunden, Geschwistern und ehemaligen Betreuerinnen und Betreuern meist nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gleichzeitig wird es ihnen während der Betreuung teils schwierig gemacht, Kontakt zu wichtigen Bezugspersonen zu halten, die nicht die leiblichen Eltern sind.
Denn gesellschaftliche Erwartungen daran, wer in einer Familie welche Rolle übernimmt, wirken sich auf die Kinder- und Jugendhilfe und die Familiendynamik von "Care Leavern" aus, argumentieren die Forschenden. So werden Mütter noch in der Betreuung eher dazu angehalten, den Kontakt aufrechtzuerhalten - selbst wenn die Beziehung von Konflikten geprägt ist. Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer berichteten in diesem Kontext, sie hätten sich gesellschaftlich und innerlich unter Druck gesetzt gefühlt, die teils schädliche Beziehung zu ihrer Mutter zu pflegen.
Großeltern können wichtig für die Entwicklung von Care Leavern sein.
Auch Geschwister und Großeltern hochrelevant
Dementsprechend werden Väter im Betreuungssystem auch eher ignoriert - egal ob deren Rolle positiv oder negativ ist. "In manchen Fällen wurde der Kontakt zum Vater deutlich positiver wahrgenommen, die Mutter hat es aber geschafft, sich im Betreuungssystem in den Vordergrund zu setzen und den Vater abzuwerten", sagte Sting zur APA. Im Extremfall sei dann nur noch informeller Kontakt zum Vater möglich gewesen.
Geschwister und Großeltern werden auch als hochrelevante Personen wahrgenommen - Erstere aber bei der Unterbringung oft getrennt, Zweitere meist nicht in der Arbeit im Kinder- und Jugendhilfesystem eingebunden. "Unser Anliegen ist, dass hier viel intensiver mit den Jugendlichen selbst geschaut wird, wer für sie wichtige familiäre Bezüge sind. Dann sollte man versuchen, zusammen den Kontakt mit diesen Menschen zu pflegen", so Sting.
Auch Bezugspersonen betreuen
Ein weiterer Weg, die Jugendlichen besser auf die Eigenständigkeit vorzubereiten, wäre, deren Bezugspersonen stärker in die Arbeit der Fachkräfte miteinzubeziehen. Denn Beziehungen können sich deutlich verbessern, wenn auch diese bei Bedarf professionelle Unterstützung erhalten. "Familiäre Verbindungen sind relevante Beziehungen für junge Menschen in Betreuung, für die stabile soziale Beziehungen generell ein knappes Gut sind", so Sting. Dies sei hierzulande aber aufgrund fehlender Ressourcen kaum etabliert.
Und: Auch wenn die Beziehung zu den Eltern negativ ist oder der Kontakt zu ihnen abgebrochen wurde, bleibe die Frage nach der Beziehung zu ihnen für die Identität der jungen Menschen hochrelevant. Das gelte insbesondere für die Phase des Übergangs in ein eigenständiges Leben.
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