Kürzungen drohen nun jenen, die Hilfe am meisten brauchen
Es sind alarmierende Zahlen, die Caritas und Lebenshilfe am Montag in Wien zum Anlass nahmen, einen dringenden Appell an die Regierung zu richten. Die wirtschaftliche Situation von Menschen mit Behinderung wird zunehmend prekär, fast ein Fünftel ist armutsgefährdet. Dieser Zustand könnte sich weiter zuspitzen, es drohen Kürzungen für jene, die am meisten auf Hilfe angewiesen sind.
So wurde beispielsweise der Mobilitätszuschlag halbiert, Förderungen im Jugendcoaching gedeckelt und in einigen Bundesländern gibt es bereits Schließtage in Tagesstätten. Um die finanzielle Situation von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, ist es so wie bei allen Bürgern aber wichtig, sie ins Berufsleben zu integrieren. Das gestaltet sich aufgrund drohender Einsparungen immer schwieriger.
75 Prozent Kürzungen
Der Ausgleichstaxfonds (ATF) ist das Finanzierungsinstrument für Inklusion im Beruf. Er ermöglicht beispielsweise technische Hilfsmittel oder persönliche Assistenz am Arbeitsplatz sowie Ausbildungsmaßnahmen. So werden jährlich mehr als 200 Projekte finanziert, in denen 110.000 Menschen unterstützt werden, um eine Ausbildung zu absolvieren oder eine Arbeit zu finden.
225 Personen gelang so im vergangenen Jahr der Einstieg ins Berufsleben. Im Moment sieht es laut Befürchtungen von Caritas und Lebenshilfe aber so aus, als würden die Mittel für den ATF drastisch gekürzt werden. Anstatt 65 Millionen Euro würden 2029 dann nur noch 15 Millionen Euro in diese Maßnahme fließen. Das wäre ein Rückgang von mehr als 75 Prozent, obwohl der Bedarf weiter steigt.
Was eine solche Kürzung für Betroffene bedeutet, erzählt Selin Sahinci, aus Niederösterreich. „Ich bin gerade auf der Suche nach Arbeit, aber es ist schwierig für mich. Ich schreibe in den Bewerbungen immer die Wahrheit, dass ich in einer Sonderschule war. Viele Firmen verunsichert das aber." Die Unternehmen würden laut Sahinci nicht wissen, wie Inklusion in der Praxis sichergestellt werden könne – in solchen Fällen würde der ATF beispielsweise eine Assistenz ermöglichen.
Selin Sahinci erzählte von ihrer schwierigen Suche nach Arbeit.
Lohn statt Taschengeld
Erschwerend kommt für Menschen mit Behinderung im Berufsleben noch dazu, dass viele keinen echten Lohn beziehen. Die knapp 30.000 Menschen, die in Werkstätten arbeiten, bekommen nur ein Taschengeld. Laut Caritas und Lebenshilfe wäre es aber wichtig, diese Menschen in echte, sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen zu bringen.
Um das möglich zu machen, müsse auch die richtige Ausbildung gewährleistet werden. Der Trend, dass es wieder mehr Sonderschulen gibt, anstatt in Schulen Inklusion zu fördern, zeigt laut Klaus Schwertner von der Caritas, dass hier gerade der falsche Weg beschritten wird.
Philippe Narval, Generalsekretär der Lebenshilfe, betont, dass der erste Schritt zu mehr Möglichkeiten ein österreichweit geltendes Gesetz sein müsse. Derzeit ist die Finanzierung größtenteils Ländersache. „Im Moment ist es eine Geburtslotterie. Je nachdem, in welchem Bundesland man geboren ist, ändern sich die Chancen“, sagt Narval. Abgesehen davon würde ein einheitliches Gesetz große Summen in der Verwaltung sparen, die dann wiederum in den ATF fließen könnten.
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