Sprachdefizite: Wels spricht schlechter Deutsch als Wien
Jeder zweite Schulanfänger in Wien spricht nicht ausreichend Deutsch, um dem Unterricht folgen zu können – diese Meldung sorgte für einigen Wochen für große Aufregung. 18.284 Personen waren mit Stichtag 1. Oktober 2025 als sogenannte „außerordentliche Schüler“ an den Pflichtschulen in der Bundeshauptstadt registriert, wie im November verkündet wurde. Das bedeutete in absoluten Zahlen zwar einen leichten Rückgang, anteilsmäßig sind es bei den Erstklässlern und Vorschülern aber 50,9 Prozent.
Doch das Problem ist kein Wien-spezifisches – und vor allem ist es in Wien nicht am gravierendsten, wenn man einer Auswertung der Statistik Austria glaubt. Den höchsten Anteil an Kindern mit Deutschdefiziten gibt es demnach nicht in der rot-pink regierten Bundeshauptstadt, sondern in der Stadt Wels, die blau regiert wird; gefolgt von anderen (Groß-)Städten im schwarz-blauen Bundesland Oberösterreich.
"Dramatische Situation"
„Wir haben österreichweit eine dramatische Situation“, sagte der damalige Wiener Bildungsstadtrat und jetzige Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) bereits im November 2024 bei einem Hintergrundgespräch. Im Schnitt hat in Österreich jedes neunte Volksschulkind Deutschförderbedarf.
Am höchsten war der Anteil der Volksschulkinder, die wegen Problemen mit der Unterrichtssprache Förderklasse oder -gruppe besuchen mussten, zuletzt in Wels (25,4 Prozent). Auch in Traun (22,4 Prozent) und Linz (21,8 Prozent) gibt es mehr außerordentliche Schüler als in Wiens Volksschulen, die mit 19,6 Prozent den vierten Platz vor Steyr (18,8) – ebenfalls in Oberösterreich – belegen. In Salzburg und Graz (je 18 Prozent) waren es nur geringfügig weniger.
Dass der urbane Raum schlechter abschneidet als die ländlich geprägten Gegenden, überrascht kaum: Der Anteil „außerordentlicher“ Schüler am Land, wo es weniger Migration gibt, ist österreichweit mit knapp vier Prozent deutlich geringer als in Städten (19) oder in den mittel besiedelten Gebieten (10).
Schulstandorte variieren
Speziell in Oberösterreich variieren die Eigenschaften der Schulstandorte: „Es gibt Gemeinden, in denen es fast keine Kinder mehr gibt und Schulen schließen. Demgegenüber stehen die Ballungsräume in Wels oder Linz“, sagt Tatjana Atanasoska vom Institut für Diversität und Inklusion der Pädagogischen Hochschule in Oberösterreich im Gespräch mit dem KURIER.
Beachtet man nur die erste Schulstufe, zeichnet sich ein ähnliches Bild der „Top“-Plätze ab: In den Schuljahren 2017/18 bis 2023/24 wies Oberösterreich den zweithöchsten Anteil aller Bundesländer an „außerordentlichen“ Schülern auf. Die Zahl der betroffenen Erstklassler hat sich seit dem Schuljahr 2017/18 verdreifacht, in der Steiermark hat sich der Wert im selben Zeitraum nahezu verdoppelt, hieß es Ende 2024 aus dem Büro des Wiener Bildungsstadtrates.
Obwohl diese sprachliche Entwicklung in allen Bundesländern beobachtet werden kann, konzentrierte sich die politische Debatte bisher ‚auf Wien. Dabei, sagt Atanasoska, „nähern sich die Populationscharakteristika in Wels oder Linz jenen in Wien an“. Zuzug geschehe dort, wo es eben Jobs gibt. Verkehrsrouten wie die Autobahnstrecke von Perg über Linz nach Wels würden dies weiter begünstigen. „Wenn die Bevölkerung sich verändert, bringt das mit sich, dass es auch Kinder in Schulen gibt, die nicht mit Standarddeutsch oder Dialekt in der Familie aufwachsen“, so Atanasoska weiter.
Kritik an Einstufung
Ob ein Kind einen außerordentlichen Status erhält oder eine Deutschförderklasse besuchen soll, wird über den Einstufungstest MIKA-D entschieden. Doch auch dieser steht in der Kritik: „Der Test ist eine Momentaufnahme“, sagt Beatrice Müller, Professorin für Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit an der Katholischen Pädagogischen Hochschule Niederösterreich. Der Test messe keine Entwicklung und könne anders als die für das Kind zuständige Lehrkraft auch wenig über die Entwicklung und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler aussagen. „Er ist nicht geeignet, um herauszufinden, ob die Kinder dem Unterricht folgen können“, kritisiert Müller.
Zudem zeige der MIKA-D auch nicht, welche Begabung für Sprachen Kinder prinzipiell haben. Genau das müsse aber berücksichtigt werden, da viele Kinder mehrere Sprachen beherrschen. „Was es braucht, sind Zeit und Ressourcen.“ Der außerordentliche Status gilt zwei Jahre – zu wenig für den Spracherwerb, kritisiert Müller. Fünf bis sieben Jahre seien dafür laut Studien realistisch.
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