Mehr als 100.000 Menschen nach Mitteleuropa geschleust: Schlepperring zerschlagen
150 Festnahmen, 20 internationale Haftbefehle: Innenminister Karner sieht Operation Ancora als vollen Erfolg.
Zusammenfassung
- Größter Schlag gegen internationales Schleppernetzwerk in Österreich: Über 130 Festnahmen, rund 1 Milliarde Euro Einnahmen, Ermittlungen laufen weiter.
- Operation Ancora führte durch internationale Zusammenarbeit zu hunderten Vernehmungen, Hausdurchsuchungen und Sicherstellung umfangreicher Finanztransaktionen.
- Netzwerk organisierte Schleusung von über 100.000 Menschen nach Mitteleuropa, Hierarchie reicht bis zum syrischen Al-Sarawi-Clan mit weltweit 700.000 Mitgliedern.
Es ist der größte Schlag, der jemals in Österreich gegen ein internationales Schlepper-Netzwerk gelungen ist: Unter dem Decknamen "Operation Ancora" verstecken sich Ermittlungen, Zugriffe, Auswertungen und Festnahmen über einen Zeitraum von rund eineinhalb Jahren.
Den Anfang nahm alles in der Nacht von 11. auf 12. Juni 2024 an der steirisch-slowenischen Grenze: Ein Pkw-Lenker durchbrach die Grenzkontrollen, lieferte sich eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei, konnte durch einen Schusswechsel gestoppt werden, aber entkommen. In Rumänien wurde der Mann mit internationalem Haftbefehl festgenommen, die Auswertungen der Daten seines Mobiltelefons führten zu einem Handyshop nach Wien, wo sich die Zentrale einer Teilorganisation der Schleppermafia befand. Ein Zugriff führte zu sechs Verhaftungen und brachte den Stein ins Rollen.
Hausdurchsuchungen & geöffnete Konten
"Die Schlepper haben einen entscheidenden Fehler gemacht: Sie haben Österreich nicht gemieden", sagte Innenminister Gerhard Karner, ÖVP, bei der Präsentation der Ermittlungserfolge am Dienstag in Graz. Die gesamte Operation sei ein Zusammenspiel zwischen Polizei, Justiz und Ermittlungsbehörden sowie Europol gewesen.
Nina Bussek von der Staatsanwaltschaft Wien
"Es gab hunderte Vernehmungen, dazu Beschlagnahmungen, Hausdurchsuchungen und Kontoöffnungen", erklärte Nina Bussek von der Staatsanwaltschaft Wien. Es wurden etliche Unterlagen zu mutmaßlichen, internationalen Finanztransaktionen sichergestellt: Zwischen 10.000 und 20.000 Euro wurden pro Person für den Transport über die Südost-Balkanroute verrechnet. Derzeit gehen die Behörden von mehreren Hunderttausend Migrantinnen und Migranten aus, die über diese Route transportiert worden sein könnten. Das bedeutet hochgerechnet, dass das Netzwerk bis zu rund 1 Milliarde Euro an Einnahmen lukriert haben könnte.
Syrischer Al-Sarawi-Clan an der Spitze
1.000 mutmaßliche Schlepperfahrzeuge konnten bereits identifiziert werden, die Fahrer dafür wurden meist über die sozialen Medien rekrutiert. Spannend ist auch die Hierarchie des Netzwerks. Ursula Auer, Leiterin der Abteilung Fremden- und Grenzpolizei, sprach von fünf Ebenen, die alles organisiert und umgesetzt hätten. Den unteren vier Ebenen hätte die Operation Ancora erheblichen Schaden zugefügt, ganz oben agiere jedoch der syrische Al-Sarawi-Clan mit weltweit geschätzt rund 700.000 Mitgliedern.
Die Ermittlungen der Operation dauern nach wie vor an, die Staatsanwaltschaft Wien hat die Anklageschrift mit mehr als 300 Seiten gegen die sechs Hauptverdächtigen bereits fertig und wird sie in den kommenden Wochen einbringen. "Das ist ein erfolgreicher Tag für Polizei, Justiz und Ermittlungsbehörden und ein schlechter Tag für die kriminalisierte Schlepperei", schließt Innenminister Karner, und: "Man merkt, dass die Schlepper nach wie vor das österreichische Staatsgebiet meiden."
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