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Chronik Österreich
06/19/2020

Ruck: Die Wiener Innenstadt ist kein "Anrainer-Reservat"

Der Wirtschaftskammer-Chef denkt über Konzepte nach, die City nicht mehr als Bezirk zu sehen, sondern sie als „Sonderzone“ unter direkte Verwaltung der Stadt zu stellen.

von Christoph Schwarz

Bei der Wirtschaftskammer-Wahl wurde Walter Ruck zu Jahresbeginn überraschend klar im Amt bestätigt. Während der Corona-Krise musste seine Institution dann viel Kritik einstecken. Jetzt droht der Wirtschaft mit den Fahrverboten in der Inneren Stadt erneut Ungemach. Vor allem der Handel hat Angst, dass Kunden dauerhaft ausbleiben.

KURIER: Sie sind nicht nur Funktionär, sondern auch Bauunternehmer. Wie ist Ihre Firma durch die Krise gekommen?

Walter Ruck: Es war ein großer Schock, weil Corona so schlagartig kam. Gemessen an anderen Branchen waren wir aber nicht so stark betroffen. Dennoch mussten auch wir für einen kleinen Teil der Leute Kurzarbeit anmelden. Und bevor Sie fragen: Ja, die Abwicklung hat gut funktioniert.

Andere Unternehmer klagen über große Hürden. Bereuen Sie es, dass sich die Kammer für die Abwicklung der Hilfszahlungen von der Regierung einspannen hat lassen?

Nein, wir würden es wieder tun. Egal, wie wir gehandelt hätten: In so einer emotionalen Situation zieht man immer Kritik auf sich. Aber die Gesamttonalität unserer Mitglieder ist positiv. Wir haben zwischen März und Anfang Juni rund 160.000 Anfragen beantwortet und rund um die Uhr gearbeitet, auch am Wochenende im Schichtdienst. Und wir haben eine positive Gesamterledigungsquote von 90 Prozent.

Dennoch gab es heftige Kritiker, etwa von Berndt Querfeld. Warum tut sich die Wirtschaftspartei ÖVP so schwer mit den Unternehmern?

Querfeld hat seinen prominenten Namen genützt, um zu sagen, was sich viele nur denken. Das war wichtig. Und hätte die ÖVP auf seine Kritik professioneller regieren sollen? Ja, das geht besser. Aber ich muss auch eine Lanze für die Regierung brechen. Vieles läuft sehr gut und professionell. Es muss auch Querfeld klar sein, dass man nicht einfach einen Schalter umlegen kann – und alles ist wieder gut und so wie vor Corona.

Gar nicht gut läuft es für den Wiener Handel. In der Inneren Stadt muss er jetzt auch noch Fahrverbote fürchten.

Dafür hat im Moment niemand Verständnis. Ich habe am Sonntag aus der Zeitung davon erfahren. Da haben die Handelnden (die grüne Vizebürgermeisterin Birgit Hebein und ÖVP-Bezirksvorsteher Markus Figl, Anm.) das nötige Feingefühl und die Empathie vermissen lassen. Der Gedanke, dass die Aktion nur mit der Wien-Wahl zu tun hat, liegt natürlich nahe.

Sie waren – wie der Bürgermeister – nicht informiert?

Nein.

Sie leben selbst in der Inneren Stadt. Findet zumindest der Anrainer Walter Ruck das Konzept gut?

Nein, auch der nicht.

Was bräuchte die Innere Stadt dann?

Wenn der 1. Bezirk autofrei werden soll, dann brauchen wir ein Gesamtkonzept. Dazu gehört ein Budget, um die frei werdenden Oberflächen gut zu gestalten. Das wiederum könnte auch dem Handel helfen. Aber so, wie es jetzt umgesetzt werden soll – mit einer Latte an komplizierten Regeln –, geht es offenbar nur um die Bedürfnisse der Bewohner des 1. Bezirks. Und nicht um jene der ganzen Stadt.

Das ist die alte Frage: Wem gehört die Innere Stadt?

Der 1. Bezirk ist das historische, kulturelle und touristische Zentrum der Stadt. Hier entsteht eine Wertschöpfung von sieben Milliarden Euro im Jahr, damit ist der Bezirk wirtschaftlich stark überrepräsentiert. Es gibt 150.000 Arbeitsplätze, aber nur 16.000 Bewohner. Ich denke, da müssen wir die wirtschaftliche Bedeutung stärker in den Vordergrund stellen. Der 1. Bezirk darf kein Anrainer-Reservat werden.

Wie kann das gelingen?

Es gibt Studien – von der Arbeiterkammer, aber auch eine von uns zum Bezirksfinanzausgleich – die vorschlagen, dass man die Innere Stadt gar nicht mehr als eigenen Bezirk sehen sollte. Sondern, dass man sie als Sonderzone unter direkte Stadtverwaltung stellen sollte. In Vorwahlzeiten sind solche Diskussionen natürlich schwierig zu führen.

Was bräuchte der Wiener Handel, um sich zu erholen?

Frequenz. Diese liegt im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit bei 40 Prozent. Wir müssen überlegen, wie wir auf sicherem Weg wieder Touristen ins Land holen können. Wirtschaftliche Entwicklung hängt immer mit Mobilität zusammen. Was passiert, wenn die Mobilität fehlt, haben wir auf dramatische Weise während des Lockdown gesehen. Noch ein Aspekt ist wichtig: Wir müssen wieder Lust aufs Einkaufen machen. Konsum entstehen nicht nur im Kopf, sondern auch im Bauch.

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