Verein Neustart: Arbeit mit Straftätern aus der digitalen Welt

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Verein Neustart ist alarmiert. Anonymer Raum im Internet führt vermehrt zu Mobbing, Stalking oder Extremismus.

Zusammenfassung

  • Verein Neustart beobachtet einen starken Anstieg digitaler Straftaten wie Mobbing, Stalking und Extremismus im Internet.
  • Die Ausweitung des elektronisch überwachten Hausarrests (Fußfessel) wird positiv bewertet, da sie Resozialisierung und Strafe kombiniert und Rückfallquoten senkt.
  • Digitale Sucht und fehlende Opferkonfrontation führen laut Neustart zu mehr und impulsiveren Straftaten, weshalb gezielte Präventions- und Therapiearbeit nötig ist.

Es sind bereits tausende Fälle jährlich und es werden immer mehr. Der Bewährungshilfeverein Neustart erkennt einen alarmierenden Trend, was die Kriminalitätsentwicklung anbelangt.

Nachdem in den vergangenen Jahren besonders Fälle von häuslicher Gewalt die Sozialarbeiter und Psychologen beschäftigt hat, zeigt sich zunehmend eine problematische Entwicklung im Zusammenhang mit Social-Media-Nutzung und Gewalt, erklärt Alexander Grohs, Leiter von Neustart Niederösterreich/Burgenland.

Verpflichtende Gewaltpräventionsberatung

Neustart leistet im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium Straffälligenhilfe, zum Beispiel Bewährungshilfe, Resozialisierung und ebenso Unterstützung für Verbrechensopfer. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist seit Jahren die verpflichtende Gewaltpräventionsberatung. Seit dem Herbst 2021 müssen Gefährder, gegen die ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen wird, zu einem sechsstündigen Antigewalt-Coaching beim Verein Neustart. In über 90 Prozent der Fälle werden die Annäherungsverbote gegen Männer verhängt.

Im Vorjahr betreute Neustart alleine in NÖ knapp über 8.000 Personen, davon rund 5.500 im Bereich der Bewährungshilfe und Gewaltpräventionsberatung.

Alexander Grohs

"In der digitalen Welt fehlt die Konfrontation mit den Auswirkungen der Tat", meint Alexander Grohs vom Verein Neustart

2025 brachte außerdem die Erweiterung des elektronisch überwachten Hausarrestes. Seit dem Vorjahr kann man mit einer Strafe von 24 Monaten die Fußfessel beantragen, zuvor durfte die Strafe nicht höher als zwölf Monate ausfallen. Neustart ist für die Beurteilung zuständig, ob eine Fußfessel überhaupt in Frage kommt und übernimmt die laufende Betreuung der Straftäter. Die Erfahrungen seien gut. 

Nur 12 Prozent nach Fußfessel erneut in Haft

„Der elektronisch überwachte Hausarrest hat seine Bedeutung im modernen Strafvollzug seit der Einführung bewiesen. Drei Jahre nach einer positiven Erledigung sind nur rund 12 Prozent der Insassen erneut in Haft, ein guter Wert. Wir begrüßen daher die Ausweitung, weil hier Strafe und Resozialisierung gemeinsam passieren“, sagt Grohs.

Zunehmend Sorge bereitet dem Verein ein anderes Phänomen. Wie es bei Neustart heißt, spielen das Internet und das damit verbundene Suchtverhalten der Klienten bei der Kriminalitätsentwicklung „eine steigende Rolle“. Drohungen, Mobbing, Stalking, digitale sexuelle Belästigung oder extremistische Handlungen: „Die digitale Sucht senkt die Hemmschwelle und verstärkt Impulsivität, wodurch Gewalt schneller ausgelöst und gerechtfertigt wird“, erklärt Grohs. Das Fehlen eines direkten Opfers als Gegenüber führe in solchen Fällen zu leichteren und auch oftmaligen Tathandlung.

Konfrontation hat Auswirkung auf Täter

„Wenn ich beispielsweise jemanden direkt auf der Straße bedrohen würde, wäre ich in diesem Moment mit der Angst, dem Entsetzen und dem Leid des Opfers konfrontiert. Das macht auch etwas mit den Tätern, bzw. verhindert in vielen Fällen die Umsetzung. In der digitalen Welt fehlt diese Konfrontation mit den Auswirkungen der Tat leider meist“, schildert Alexander Grohs.

Die Sozial- bzw. Therapiearbeit mit solchen „digitalen Gefährdern“ ist auch für Neustart eine besondere Herausforderung. Nötig sei eine gezielte Auseinandersetzung mit den Straftätern und Straftäterinnen. Ziel ist es, den Klienten die Augen zu öffnen und damit Verhaltensänderungen zu erwirken.

Digitale Räume keine rechtsfreien Zonen

Aber wie funktioniert das? Bei den Beratungen werden Delikthintergründe durchleuchtet. Wichtig sei es, den Tätern Grenzen aufzuzeigen und Opferempathie beizubringen.

„Nur wenn die Täter Verantwortung übernehmen und gleichzeitig verstehen, dass digitale Räume keine rechtsfreien Zonen sind und wie digitale Räume und Botschaften wirken, eskalieren und enthemmen – dann kann echte Veränderung entstehen“, meint Grohs. Neustart beschäftigt in NÖ etwa 100 haupt- und 170 ehrenamtliche Mitarbeiter, österreichweit 750 Haupt- und 1.000 Ehrenamtliche.

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