Neuberg statt Neuseeland: Wirtspaar verwöhnt Gäste im Mürztal
Thomas Schäffer war immer schon ein Steirer, Karolin kam aus dem Berliner Umland. Jetzt beleben sie als Wirtepaar das Mürztal.
Im Mürztal ziehen die Gewitter schneller auf, als man schauen kann. Kaum tauchen sie über dem Bergkamm auf, ist es schon zu spät. Karolin Schäffer steht vor dem moosgrünen Tor zu ihrem Gasthof in Neuberg an der Mürz, das vom typischen Kalktuff der Gegend umrahmt ist, und blickt gelassen Richtung Berge. „Das mit dem plötzlichen Wolkenbruch ist uns seit heuer weitgehend egal.“ Seit Mai nämlich sind die roten Sonnenschirme im „Gasthof Schäffer“, die nicht wesentlich standhafter waren als ein Knirps im Sturm, Geschichte. Im Gastgarten direkt an der Hauptstraße von Neuberg sitzen Einheimische und Urlaubsgäste unter einem neuen, stabilen Markisendach.
Der Mai 2026 war aber nicht nur der Monat der Markise. „Heuer am Ersten war es zehn Jahre her, dass wir hier eröffnet haben“, sagt Karolin Schäffer. Verschlungene Wege haben die beiden ins Mürztal geführt. Karolin stammt aus Brandenburg in der Nähe von Berlin und kam offenbar mit dem Gastronomie-Gen auf die Welt. „Gäste betreuen hat mir immer schon Spaß gemacht“, sagt sie, „ich hab’ schon als junges Mädchen das Schülercafé geleitet.“ Als sie 19 wurde, packte sie ihren Tramperrucksack und machte sich auf nach Österreich, um dort für drei Jahre eine Gastronomie-Ausbildung zu machen. Soviel vorweg: Karolin ist geblieben. Sie landete zunächst im Salzburger „Pfefferschiff“, damals noch von Familie Fleischhaker betrieben; es folgten renommierte Häuser in Wien: „Steirereck“ und „Kim kocht“. Aus der Zeit im „Palais Coburg“, das einen der besten Weinkeller des Planeten unter sich weiß, nahm sie viel von dem mit, was sie heute als Sommeliere im Mürztal auszeichnet.
Wege ins Mürztal
Thomas Schäffer hatte es nicht so weit ins Mürztal. Er wuchs in Bruck an der Mur auf, lernte in Graz und beim „Hubinger“ in Ettmißl; später half er, die Küche im „Lamark“ in Hochfügen am Laufen zu halten, wenn Alexander Fankhauser für seine TV-Kochshows nach Wien reiste. Und einen kurzen Aufenthalt in London, bei Starkoch Anton Mosimann, hat er auch vorzuweisen.
Irgendwann landeten beide bei Andreas Döllerer in Golling und sind seit dieser Zeit ein Paar. Immer wieder nahm Thomas auch an Kochwettbewerben teil. Er gewann die Staatsmeisterschaft für Jungköche und nahm auch an den „Euro-Skills“ für Köche unter 25 Jahren teil. Aber da muss jetzt seine Frau Karolin etwas einwenden, weil er nicht die ganze Geschichte erzählt. „Er ist immer so bescheiden“, sagt sie und stupst ihn sanft an der Schulter. „Sag doch, dass du dort auch gewonnen hast.“
Vor etwas mehr als zehn Jahren beschlossen Karolin und Thomas, neue Wege zu gehen. Sehr lange Wege. „Wir wollten für ein Jahr nach Neuseeland“, erzählt sie, „aber die Prozedur mit Visum und Arbeitsgenehmigung war uns zu langwierig. Wir warten nicht gerne ewig, bis was weitergeht.“ Sie begannen, ihre Selbstständigkeit zu planen. Karolin entdeckte eine Zeitungsanzeige. Der damals schon überaus gut beleumundete „Gasthof Holzer“ in Neuberg an der Mürz war zu haben. Und die Familie Holzer war froh, dass da ein junges Paar kam, bei dem man sicher sein konnte, dass ihr familiäres Lebenswerk erhalten bleibt. Thomas Schäffer steht heute für eine auf bodenständiger Basis entwickelte, kreative und als Augenschmaus angerichtete Landgasthaus-Kulinarik.
Das neue Leben
Mittlerweile gehören zum Gasthof auch ein Garten mit Gemüse und Kräutern und ein guter Draht zu Jägern und Fleischhauern, die jeweils Tiere im Ganzen liefern. Dazu hat Thomas noch ein Hobby aus seiner Jugend wiederbelebt: Er erwarb einen Fischteich, der jetzt formidable Salmoniden für die „Schäffer“-Küche liefert. Gebeizter Saibling mit Krenmousse, Kräutersalat und Buchweizen ist bereits ein Klassiker in Neuburg.
Saibling aus eigener Zucht mit Krenmousse und Buchweizen.
- Wo?
Hauptstraße 9, 8692 Neuberg an der Mürz, 03857/8332, gasthofschäffer.at. - Wann?
Do. bis Mo. 8 bis 23 Uhr, Küche 11.30 bis 21 Uhr, Kartenzahlung möglich. - Was und wieviel?
Spannende, kreative Landküche mit vielen regionalen Produkten und einigen Gourmandisen aus aller Welt: Fischsuppe Bouillabaisse-Art mit Saibling, Saiblingsleber, Garnelen und Muscheln (11,80 €), Ochsenherzparadeiser mit Rosensalz, Karfiolcreme und asiatischem Saiblingstatar (21,80 €), 3erlei vom Rehbock mit Butterschnitzel, rosa Rücken und gefüllten Grießknödeln (36 €), paprizierte Flecksuppe mit Kräutern (8,40 €), Schwarzbeerstrudel (8,50 €), Crème Brûlée von der weißen Schokolade (12,60 €). - Warum?
Die perfekte Auszeit beim Wandern oder Fliegenfischen, gehobene Küche und Wirtshauskultur, von der Chefin bemerkenswert kuratierte Wein- und Digestifauswahl und sieben Zimmer zum Längerbleiben. Was will man mehr?
Als 2018 aus der Pacht Eigentum wurde, war dem Ehepaar Schäffer klar: „Das ist jetzt nicht etwas, wo du wieder gehen kannst. Das ist jetzt dein Leben!“
Und dieses Leben hat es bis jetzt ziemlich gut gemeint mit den beiden. Dass sie 2020, als die Pandemie über das Land hereinbrach, schon Bilanzen und Umsätze der Vorjahre nachweisen konnten, „hat uns gerettet“, sagt Karolin Schäffer. „Der erste Sommer nach der Krise war ein Wahnsinn, ab dem ersten Tag der Wiedereröffnung waren wir jeden Tag voll mit Einheimischen, die uns unterstützen wollten.“
An die Zeit des Stillstands haben die Schäffers jedenfalls kaum schlechte Erinnerungen. „Wir haben Schneeschuh-Touren für ein ganzes Leben absolviert“, sagt die Wirtin von Neuberg, „unser Kind ist ein Corona-Kind.“ Dabei muss sie schmunzeln und sagt augenzwinkernd zu ihrem Mann: „Wir haben ja viel Zeit gehabt.“
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