Gewaltambulanz: "Kein blauer Fleck oder Kratzer darf übersehen werden"

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Für Opfer von Gewalt kann es in Gerichtsverfahren entscheidend sein, wie akribisch die Verletzungen zuvor dokumentiert wurden.

Seit Jahresbeginn gibt es in Wien eine Gewaltambulanz. Dabei handelt es sich um eine Einrichtung, die Gewaltopfern eine umfassende, gerichtsverwertbare Dokumentation ihrer Verletzungen ermöglicht. Die „Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene“, wie sie auf dem Schild neben dem Eingang bezeichnet wird, versorgt Wien, Niederösterreich und das nördliche Burgenland. Finanziert aus Bundesmitteln.

87 Prozent sind Frauen

607 Menschen haben sich seit der Eröffnung am 2. Jänner 2025 bereits gemeldet. 87 Prozent davon sind Frauen, auch zahlreiche Minderjährige wurden seither untersucht. Die Gerichtsmedizinerin Katharina Stolz ist fachliche Leiterin der Wiener Gewaltambulanz und erklärt das Konzept:

„Unsere Kernaufgabe ist die klinisch-forensische Dokumentation. Jede Untersuchung wird von einer Allgemeinmedizinerin durchgeführt, und jeder einzelne Fall wird anschließend von einem Facharzt oder einer Fachärztin für Gerichtsmedizin visitiert. Wir betrachten das Verletzungsbild sehr genau, denn es darf kein blauer Fleck oder Kratzer übersehen werden.“

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Gerichtsmedizinerin Katharina Stolz ist fachliche Leiterin der Wiener Gewaltambulanz.

Da die Dokumentation später in Gerichtsverfahren entscheidend sein kann, ist Präzision der zentrale Auftrag. Stolz weiß: „Viele Frauen möchten auch wissen, wie es für sie weitergehen kann, welche Rechte sie haben und welche Stellen helfen.“

Vertrauliche Beratungen

Dafür gibt es im Team eine Lotsin, die Betroffene an passende Opferschutzeinrichtungen vermittelt und sie bei ersten Schritten begleitet. Die Beratungen laufen vertraulich, dennoch unterliegen die Ärztinnen der gesetzlichen Anzeigepflicht. „Wenn zum Beispiel eine schwere Körperverletzung vorliegt, müssen wir Anzeige erstatten“, sagt Stolz.

++ THEMENBILD ++ NEUE GEWALTAMBULANZ IN WIEN - ERÖFFNUNG DER UNTERSUCHUNGSSTELLE FÜR GEWALTBETROFFENE AN DER MEDUNI WIEN

Einer der Untersuchungsräume in der Wiener Gewaltambulanz. 

„In der Praxis passiert das aber fast nie gegen den Willen der Betroffenen – wir finden gemeinsam meist gute Lösungen.“ In akuten Gefahrensituationen kann die Untersuchungsstelle Betroffene unmittelbar an ein Frauenhaus weitervermitteln. Das geschieht in enger Zusammenarbeit mit den Gewaltschutznetzwerken.

Behandlungen selbst werden in der Untersuchungsstelle nicht durchgeführt. Liegen Verletzungen vor, die medizinische Versorgung brauchen – etwa schwere Hämatome oder Verdacht auf innere Verletzungen – dann wird die Behandlung in einem Krankenhaus organisiert. 

Unter Drogen gesetzt

Ein zunehmend wichtiges Thema sind die K. O.-Mittel-Verdachtsfälle. Etwa 10 Prozent der Menschen, die sich melden, berichten von Erinnerungslücken, Bewusstseinsverlust oder dem Verdacht auf eine Verabreichung von betäubenden Substanzen. „Bis Betroffene wieder handlungsfähig sind, ist das Nachweisfenster oft fast vorbei“, erklärt Stolz. 

Dennoch werden Blut- und Urinproben genommen – in Einzelfällen konnten bereits Substanzen nachgewiesen werden.

Blick nach Graz

Die Gewaltambulanz Graz wurde bereits 2008 gegründet, damals noch unter dem Namen „klinisch-forensische Untersuchungsstelle“. Im April 2024 wurde daraus dann die Gewaltambulanz, gefördert vom Bund als Pilotprojekt; im Mai 2024 wurden neue Räumlichkeiten eröffnet.

gewalt ambulanz graz

Die Grazer Gewaltambulanz erhielt 2024 neue Räumlichkeiten. 

Die Ambulanz ist zudem mobil: Gerichtsmedizinerinnen und -mediziner kommen also auch an den Ort, an dem sich Betroffene befinden. Das habe seinen Grund, erläutert Sarah Heinze, Leiterin des Instituts für Gerichtsmedizin und der Gewaltambulanz Graz: 

„Stellen Sie sich vor, man wird nach einem Gewaltdelikt untersucht und befragt und dann sagt jemand: ’Sie müssen sich jetzt anziehen, dorthin fahren, wieder alles erzählen, sich ausziehen ...' Neben der psychischen Unzumutbarkeit werden zudem Spuren verwischt und möglicherweise unbrauchbar.“

Der "Grazer Koffer"

Zu dem Zweck wurde der „Grazer Koffer“ entwickelt, in dem sich alle nötigen Utensilien befinden: Zehn Stück seien an Kliniken im Einzugsgebiet der Grazer Gewaltambulanz verteilt worden. Gesundheitspersonal wurde im Umgang damit sowie in der klinisch-forensischen Untersuchung geschult.

„Gewalt geht uns alle an“, mahnt Heinze. „Nur, wenn wir darüber sprechen, sie aufdecken und gemeinsam handeln, helfen wir betroffenen Personen und können als Gemeinschaft präventiv wirken.“ Künftig soll auch Telemedizin zum Einsatz kommen: 

Das Land Steiermark fördert ein Projekt, das es ermöglicht, Expertinnen und Experten der Gewaltambulanz in andere Spitäler zuzuschalten und das Personal dort zu unterstützen. Die Regierung hat kürzlich einen Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen beschlossen: Bis 2029 strebt man demnach die flächendeckende Einführung von Gewaltambulanzen in Österreich an.

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