© Kurier/Franz Gruber

Chronik Österreich
08/09/2020

Flüchtlingskrise: Als der KURIER Informant und Vermittler wurde

Beginn der Flüchtlingswelle: Polizei und Politik waren falsch informiert, Belagerungszustand auf der Autobahn.

von Dominik Schreiber

Die Verhandlungen zwischen der Flüchtlingskolonne, die Dutzende Kilometer auf der Autobahn Richtung Österreich marschiert war, und der ungarischen Polizei standen Anfang September 2015 an der Kippe. Rund 5.000 Flüchtlinge hatten eine Autobahnabfahrt besetzt und wollten dort campieren. Manche waren mit Rollstühlen unterwegs, andere mit Krücken und einige sogar barfuß. Es war ein verzweifelter Haufen.

Im Hintergrund gab es hektische Telefonate, etwa zwischen Bundeskanzler Werner Faymann und Angela Merkel. Allen war klar, wenn der erste Flüchtlingszug durchgewunken wird, werden viele folgen. Fast niemand wusste damals, wie viele Menschen tatsächlich unterwegs waren. Die Polizei rechnete mit 500 bis 800 Flüchtlingen, diese Zahl war offenbar auch der Politik genannt worden.

Chaos und Ungewissheit

Als grünes Licht von der österreichischen (und deutschen) Regierung kam, wollte die ungarische Polizei Reisebusse herbeischaffen, um die 5.000 Flüchtlinge rasch nach Nickelsdorf zu transportieren. Doch am Tag zuvor war einem anderen Zug Ähnliches versprochen worden, stattdessen ging es aber in ein chaotisches Flüchtlingslager.

Unter den Flüchtlingen hatte sich eine Gruppe gebildet, die sozusagen die Rädelsführer des Zuges waren: Sie stammten aus dem Irak, Syrien oder Kurdistan. Pläne für eine Flucht vor den Bussen wurden besprochen. Der KURIER dürfte als einziges Medium dabei sein. Der kurdische Anführer Ayaz Morad schlug vor, dass er mit einer kleinen Gruppe mit den ersten Bussen vorausfährt und das zweiköpfige KURIER-Team diese begleitet.
 

Würde er sich nicht melden, stünden die Reporter den Zurückgebliebenen als Informanten zur Verfügung und würden alles erklären können. Doch diesmal fuhren die Busse wirklich bis kurz vor die Grenze. Morad überquerte gemeinsam mit seinem Cousin Khaled (und dem KURIER) schließlich die österreichische Grenze. Die ersten Worte des ersten Flüchtlings dieser Art in Österreich lauteten kurz nach Mitternacht: „Freiheit!“

Den ersten Grenzpolizisten mussten die Flüchtlinge erst suchen. Zwei Beamte warteten in einem Zelt mit warmer Suppe auf rund 500 Neuankömmlinge. Die von den zwei KURIER-Reportern genannten 5.000 wollten sie nicht glauben und riefen ihre Vorgesetzten.

Mitten in der Nacht stand der damalige burgenländische Polizeidirektor Hans Peter Doskozil im Zelt und ließ sich vom KURIER die Details schildern. Die Polizei hatte keine Warnung von ihren ungarischen Kollegen bekommen, was da auf sie zukommt.

Und das alles war erst der Beginn. Bis zu zwei Millionen weitere Menschen kamen auf diese Weise nach Europa.

2014
Die Zahl der nach Europa eingereisten Asylwerber 2014  beträgt 627.000, sie stieg 2015 auf über 1,3 Millionen

2015
Tausende Flüchtlinge sterben, bei dem Versuch das Mittelmeer zu überqueren
 
27. August 2015
In einem in einer Pannenbucht der A4 im Burgenland abgestellten Kühl-Lkw werden 71 Leichen gefunden. Die  Flüchtlinge waren auf ungarischem Staatsgebiet erstickt. Unter den Toten sind vier Kinder

4. September 2015
Tausende Flüchtlinge sind am ungarischen Bahnhof Keleti gestrandet. 5.000 machen sich zu Fuß auf den Weg in Richtung Österreich.   Später bringen die ungarischen Behörden die Asylwerber mit  Bussen zur österreichischen Grenze

September 2015
Die meisten Flüchtlinge wollen mit dem Zug nach Deutschland. Der Weg dorthin führt über Wien. Bis zu 500 Menschen kommen stündlich an

13. September 2015
 Deutschland bremst bei der Aufnahme von Asylwerbern. Der Zugverkehr nach München wird eingestellt

14. September 2015
Ungarn schließt seine Grenzen. Der Flüchtlingsstrom verlagert sich nach Spielfeld, Steiermark.   Die Grenzregion Salzburg/Freilassing  wird zum Nadelöhr

7. Dezember 2015
In Spielfeld wird mit dem Bau eines Grenzzaunes begonnen

24. Februar 2016
Bei der Westbalkankonferenz wird  die Schließung der Balkanroute besiegelt

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