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Chronik Österreich
10/28/2020

KURIER-Redakteure berichten: So fühlt sich die Quarantäne an

Das Telefon klingelt. Die Gesundheitsbehörde ist dran. Sie sind infiziert oder Kontaktperson. Das Leben ändert sich in dieser Minute. Drei KURIER-Kolleginnen erzählen.

von Sandra Baierl, Ulrike Botzenhart, Claudia Stelzel-Pröll

Mit der rasant wachsenden Zahl an aktiven Corona-Fällen steigt auch die Zahl jener Menschen, die einen kürzlich positiv getesteten Menschen in den letzten acht Tagen getroffen haben. Dann gilt man als Kontaktperson 1 und muss in Quarantäne, da hilft kein beigebrachter negativer Test und auch keine Ausrede. In Wien sind derzeit bei rund 7.500 Erkrankungen 37.800 Menschen in Quarantäne. Das sind im Durchschnitt neben dem Infizierten selbst vier weitere Kontaktpersonen. Legt man diesen Schnitt auf ganz Österreich um, so dürften derzeit rund 134.000 Menschen per Bescheid ihr Haus oder ihre Wohnung zehn Tage lang nicht mehr verlassen. Die meisten von ihnen spüren nichts, sind aber massiv eingeschränkt.

Erst kürzlich ist eine Diskussion um die Dauer der Quarantäne entstanden, weil Tourismusministerin Köstinger eine Verkürzung auf fünf Tage für den Fremdenverkehr gefordert hatte. „Das gibt die Wissenschaft nicht her“, sagte dazu die Infektiologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl in der ZiB 2 am Dienstag, „minimal acht Tage seien vertretbar“.

Drei persönliche Geschichten

Drei KURIER-Kolleginnen berichten, wie es ihnen in der Quarantäne ergeht. Ressortleiterin Sandra Baierl war nach einer Dienstreise im Flugzeug plötzlich K1-Person. Außenpolitik-Redakteurin Ulrike Botzenharts Mann ist Corona-positiv. Unsere Linzer Kollegin Claudia Stelzel-Pröll war an Corona erkrankt.

Oft machen erst die persönlichen Geschichten die Krise greif- und spürbar. Wir laden daher alle KURIER-Leser ein, uns ihre Corona-Geschichten zu erzählen. Sei es vom Testen, aus dem Büro, vom Kontakt mit den Behörden, den Ärzten, wütenden oder hilfreichen Nachbarn – und viele andere Geschichten, die das Leben derzeit erzählt.

Schreiben Sie uns Ihre ganz persönliche Corona-Geschichte!
Wenn Sie besondere Erlebnisse rund um Corona haben, schreiben Sie uns an leser@kurier.at. Betreff: Corona-Tagebuch

Am Sonntagnachmittag machte mich der Anruf eines Journalistenkollegen zur K1: Er habe leichte Corona-Symptome und ein Test habe positiv angeschlagen.   Wir waren zwei Tage zuvor gemeinsam bei einem Pressetermin in Turin – Ansteckungsmöglichkeiten in diesen 24 Stunden des gemeinsamen Reisens gab es einige, trotz penibler Einhaltung der Sicherheitsregeln: beim Transfer im Bus, beim Frühstück, am Flughafen.

Wir, mein Partner, meine 2-jährige Tochter und ich, waren zum Zeitpunkt des Anrufs gerade zum Mittagessen bei den Großeltern im Weinviertel. Wir berieten kurz und setzten Maßnahmen, die unser gemeinsames Leben etwas aus der Bahn warfen.

Wir verließen die Großeltern innerhalb weniger Minuten. Fuhren mit dem Auto, in dem wir jeweils zwei Masken übereinander trugen – doppelt hält besser und man bekommt gerade noch Luft –, zurück nach Wien.

Getrennte Familie

Unser Plan: Wir trennen uns als Familie. Mein Partner isoliert sich mit unserer Tochter, sie sind beide K2, im Zweitwohnsitz am Attersee. Nur Hund Pauli bleibt mein Corona-Kompagnon in der selbst auferlegten Quarantäne in Wien. Dann geht alles schnell: Lebensmittel  und Gewand packen, Auto beladen – weg waren sie. Alles nicht einfach. Erklären Sie einmal einer Zweijährigen, dass die Mama nicht mitkommt.

Wir belasten sie nicht mit einer Krankheitsgeschichte, „Mama bleibt hier zum Arbeiten“, ist unsere Erklärung. Ich wiederum bin zum ersten Mal seit über zwei Jahren allein zu Hause.

So eine Quarantäne wirft Fragen und Hürden auf: Darf ich mit dem Hund auf die Gasse gehen? Wohl eher nicht. Die netten Nachbarn nehmen ihn zum Spazieren mit. Woher bekomme ich nach dem langen Feiertagswochenende Lebensmittel? Die Freundin bringt ein Sackerl vor die Wohnungstüre. Ich verständige Chefredakteurin und Mitarbeiter über meine Situation, benachrichtige den Kindergarten und alle, die es wissen müssen – und stelle mich auf stille Tage im Homeoffice ein.

Gestern, Tag 5 nach einer eventuellen Ansteckung, war ein guter Tag für einen PCR-Test. Wie kommt man eigentlich zum Labor, wenn man das Haus nicht verlassen darf? Geht wohl nur mit dem Auto. Der Test war in fünf Minuten erledigt, das Ergebnis nach  3,5 Stunden da. „Negativ“ klang noch nie so gut. Das hebt zwar leider die zehntägige Quarantäne nicht auf, vertreibt aber wenigstens lästige Krankheitsgedanken.

 

Wenn jetzt immer mehr Familienmitglieder und Freunde in Quarantäne müssen oder gar mit Covid-19 infiziert sind, kommen die Erinnerungen schnell wieder hoch. Wir, mein Mann und ich, waren bei der ersten Welle der Infizierten im März dabei – und damit noch echte Sonderexemplare. 

Die Quarantäne war damals halb so wild, denn sie fiel in den Lockdown. Somit waren  nicht nur wir daheim, sondern sowieso ganz Österreich. Gar nicht auf die Straße zu können, nicht mal für einen Spaziergang oder einen  Einkauf – das ist  schon ein beklemmendes Gefühl. Genau  da haben wir aber auch gemerkt, wie entscheidend ein funktionierendes soziales Netzwerk ist.Wir hatten so viele Menschen rund um uns, die für uns eingekauft oder uns nette Kleinigkeiten vor die Tür gestellt haben. Am Zaun wurde mit entsprechendem Abstand trotzdem gequatscht, und wir haben in dieser Zeit sehr viele Videotelefonate geführt.

Isolation ist kein Ponyhof

So eine Quarantäne mit drei Kindern, zwei davon im Volksschul-, eines im Kindergartenalter, ist  tatsächlich kein Ponyhof. Wenn zwei Berufstätige im Homeoffice versuchen, Schulstoff, Spiel- und Bewegungsdrang, Job und Haushalt unter einen Hut zu bringen, wird es mitunter chaotisch und das Haus temporär zur Messie-Bude. Das ist wahrscheinlich unvermeidlich.

Natürlich haben wir versucht, dem Tag eine Struktur zu geben, wie es ja alle Expertinnen und Experten in Dauerschleife raten. Das ist beizeiten besser und dann mal wieder schlechter gelungen. Über unseren kleinen Garten waren wir in diesen Tagen  mehr als glücklich, denn drinnen gingen die Kinder buchstäblich die Wände hoch. Die Terrasse wurde zur Skaterbahn umfunktioniert, und mangels Alternativen spielten plötzlich auch jene beiden unserer drei Mädels miteinander, die sich unter normalen Umständen lieber anfauchen.

Die Erkrankung selbst verlief bei mir verhältnismäßig harmlos. Ich bin aber fit, 38 Jahre alt und habe keine Vorerkrankungen. Zwei, drei Tage Fieber und Schüttelfrost, dann kamen Geruchs- und Geschmacksverlust dazu, und dadurch wurde ich prompt zum Versuchsobjekt: „Mama, schmeckst du echt nicht, wie scharf diese Chili ist?“ Beim ersten gemütlichen Joggen nach der Quarantäne pfiff ich aus dem letzten Loch und bemerkte, dass der Körper wohl doch eine längere Regenerationsphase braucht – auch bei einem leichten Verlauf.

„Das ist wieder einmal typisch, dass wir in den Herbstferien zu Hause sitzen müssen!“, schimpft mein älterer Sohn, dessen 13. Geburtstag am Feiertag auch ganz anders verlaufen ist als geplant. Und das wird am 10. Geburtstag des Jüngeren am Donnerstag nicht anders sein.

Schuld ist? Corona. Eh klar. Am Wochenende hat es bei uns zugeschlagen, den Vater, also meinen Mann, hat’s erwischt. Am Feiertag ging er statt des geplanten Geburtstagsausflugs ins private Labor testen. Dienstagfrüh kam das Mail mit dem positiven Ergebnis. Beim Aufwachen fand ich auf der leeren Bettseite neben mir einen Zettel mit der Nachricht: „Bin positiv und auf die Couch ins Arbeitskammerl übersiedelt.“ Na hurra. Damit sind auch ich und meine beiden Kinder als Kontaktpersonen zur Quarantäne verdonnert.

Seitdem herrscht bei uns gespannte Ruhe. Zum Glück hatte ich noch Vorräte eingekauft – und  Putzmittel. In der Wohnung, vor allem im Bad und WC, riecht es wie im Schwimmbad vor lauter Chlorreiniger. Schützen, so gut es geht, ist jetzt die Devise. So oft wie in diesen Tagen habe ich mir mein Leben noch nicht die Hände gewaschen. Ich desinfiziere Türklinken und Wasserhähne, trichtere den Kindern immer wieder ein, nur ja ihr eigenes Handtuch zu verwenden, das dann eh rasch wieder in die Wäsche wandert. Die Waschmaschine läuft und läuft, auch wegen der Bettwäsche, der Polster und Decken im Wohnzimmer.

Schützen, so gut es geht

Vielleicht, so die Hoffnung, können der 13-Jährige und ich uns die Infektion ersparen. Der Jüngere hatte am Feiertag hohes Fieber und lag nur matschig herum. Am Dienstag war der Spuk vorbei, da hüpfte er fieberfrei und quietschfidel durchs Zimmer, das ihm dieser Tage allein „gehört“. Der Ältere übersiedelte zu mir ins Schlafzimmer. Wir warten noch auf das Ergebnis unseres Gurgeltests, den wir Dienstagfrüh unter Anleitung einer geduldigen, sehr freundlichen Veloce-Fahrradbotin hinter uns gebracht haben. Die Sorge und Aufmerksamkeit gilt seitdem dem Mann, der fiebert und Schmerzen hat.

Mit Sorge lausche ich jedem seiner Huster und hoffe inständig, dass der Druck auf der Brust nachlässt. Ein Schmerz, der  ihm, dem sonst so fitten 47-Jährigen, Angst macht.

Woher er das Virus hat? Keine Ahnung. Wir haben sofort alle informiert, mit denen es einen engeren Kontakt gab. Die guten Wünsche und die Angebote unserer Freunde, uns während der Quarantäne zu versorgen, tun wirklich gut. Danke!

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