SMZ-Ost, Donauspital

© Jeff Mangione

Gesundheit
03/05/2020

Das umstrittene Comeback der Spitalsambulanzen

ÖGK-Chef Bernhard Wurzer will die Versorgung in Spitälern stärken. Der Vorschlag ist umstritten.

von Josef Gebhard

Im Schatten der Corona-Panik ging der Vorschlag fast unter. Doch würde die Idee umgesetzt, die zuletzt Bernhard Wurzer, Generaldirektor der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), ventilierte, würde das einer kleinen Revolution im Gesundheitssystem gleichkommen.

Wurzers Vorschlag: Die ÖGK könnte Partnerschaften mit den Spitalsambulanzen eingehen. Diese werden traditionell von den Bundesländern finanziert, die Krankenkassen sind hingegen für die Kassenärzte zuständig.

Konkret geht es um die bessere Auslastung von bestimmten Ambulanzen, die derzeit mitunter nur halbtags geöffnet sind. Die restliche Zeit könnte dafür genutzt werden, um etwa Vorsorgeuntersuchungen oder jene für den Mutter-Kind-Pass in den Ambulanzen durchzuführen. Für die Patienten hätte dies den Vorteil, dass sie auch an den Tagesrandzeiten ein entsprechendes Angebot zur Verfügung hätten – was die meisten Kassenärzte nicht leisten können. Die dafür nötigen zusätzlichen Ärzte, so zumindest die Idee, würde die ÖGK finanzieren.

Heftige Debatten

Innerhalb des Gesundheitssystems sorgt Wurzers Vorstoß für heftige Diskussionen. Während Landespolitiker ihn begrüßen, kommt von der Ärztekammer scharfe Ablehnung.

Überaus positiv reagieren Politik und Spitalsträger auf die Idee einer Partnerschaft der Gesundheitskasse (ÖGK) mit den Spitalsambulanzen.

Für Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) wäre eine derartige Kooperation „sehr interessant und begrüßenswert“. Sie würde „einen großen Schritt zur Verbesserung des Gesundheitssystems bringen“.

Grundsätzlich begrüße man diese Diskussion, sagt auch Harald Keckeis vom burgenländischen Spitalsträger Krages. „Zwei Aspekte sind aber dabei zu beachten: Die Finanzierung müsste sicher gestellt werden und es müsste auch zu einer echten Leistungs- und vor allem auch Ressourcenverschiebung in Richtung Spitäler kommen – dann könnte es funktionieren.“

Von „konstruktiven Vorschlägen“ sprechen auch Landesrat Martin Eichtinger, (ÖVP) Vorsitzender des nö. Gesundheits- und Sozialfonds, und die oö. Gesundheitslandesrätin Christine Haberlander (ÖVP). Man solle sie zumindest auf ihre Durchführbarkeit überprüfen, bevor sie „aus Prinzip abgeschmettert werden“.

Das ist auf die geballte Landung an Kritik gemünzt, die den ÖGK-Vorschlägen aus der Ärztekammer entgegen schlägt. Die Idee sei „unüberlegt, nicht durchdacht und wirtschaftlich höchst fragwürdig“, wettert Kammer-Präsident Thomas Szekeres.

„Völlig realitätsfern“

Für Vizepräsident Harald Mayer, der für die Spitalsärzte zuständig ist, sind die Vorschläge „vollkommen realitätsfern: Die Ambulanzen sind bereits jetzt überlastet. Nicht zuletzt deswegen, weil viele Patienten aus Mangel an einem Angebot im niedergelassenen Bereich die Spitäler für Bagatellfälle aufsuchen“.

Ziel der Idee von ÖGK-Gerneraldirektor Bernhard Wurzer sei es, die Kosten von der defizitären ÖGK zu den Ländern verschieben zu wollen, mutmaßt Mayer.

„Es geht nicht darum, den niedergelassenen Bereich zu erodieren und so der ÖGK Einsparungen zu verschaffen“, sagt Ärztekammer-Vizepräsident Johannes Steinhart und spricht von „abenteuerlichen und durchsichtigen Rechentricks“.

Der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte greift Wurzer frontal an: „Die Verantwortlichen sollen sich überlegen, ob ein ÖGK-Generaldirektor mit derart mangelhaften Fachwissen, der öffentlich derart undurchdachte Ideen äußert, noch tragbar ist.“

Kein Wunder, galt doch bisher das Credo: Möglichst viele medizinische Leistungen sollen aus den Spitälern mit ihrer teuren Infrastruktur in den niedergelassenen Bereich verschoben werden.

Zwiespältig bewertet Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer den Plan des ÖGK-Chefs. „Er wirkt recht unausgegoren und wirft viele Fragen auf – etwa wie die Finanzierung im Detail aussehen soll“, kritisiert der Experte.

Grundsätzlich seien aber alle Vorschläge zu begrüßen, die zu einer besseren Abstimmung des Spitals- und des niedergelassenen Bereichs führen. Diese sei aktuell überhaupt nicht gegeben, wie Pichlbauer anhand eines Beispiels zeigt: In der Versorgungsregion Wien-Mitte-Südost liegt die Dichte an Kassen-Fachärzten 40 Prozent über dem Bundesschnitt, im Mühlviertel 50 Prozent darunter.

Um einen Ausgleich zu schaffen, müsste es eigentlich in Wien entsprechend niedrige und im Mühlviertel hohe Ambulanz-Kapazitäten geben. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall: Im Mühlviertel gibt es auch kaum Ambulanz-Plätze, dafür in Wien sehr viele. „Letzteres kann man in allen Ballungsräumen feststellen, ineffiziente Doppelgleisigkeiten sind die Folge“, sagt der Experte.

Schlechte Beispiele

Für Pichlbauer gehe es daher weniger darum, ob eine medizinische Leistung im Spital oder in der Ordination stattfindet. „Entscheidend ist, dass beide Bereiche endlich zusammenwachsen. Wenn das die Idee hinter Wurzers Vorschlag ist, wäre das toll“.

Stutzig machen den Experten aber die konkreten Beispiele, die Wurzer anführt. „Gerade Vorsorgeuntersuchungen sollen eben nicht in anonymen Ambulanzen zentralisiert werden. Denn für sie ist eine enge persönliche Beziehung zwischen Arzt und Patient wichtig.“

Gegenüber dem KURIER präzisiert eine ÖGK-Sprecherin die Vorschläge: In erster Linie würden sich Erstversorgungsambulanzen, grundsätzlich aber alle Ambulanzen eignen. In Frage kämen sämtliche durch die Krankenversicherung abgedeckten Leistungen, also nicht nur Vorsorgeuntersuchungen.

Die genaue Finanzierung sei Verhandlungssache. Anders als die Ärztekammer befürchtet man keineswegs einen Anstieg oder eine Verlagerung der Kosten. Vielmehr würde das System in Summe effizienter werden.