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Chronik √Ėsterreich
02/26/2021

Corona-Sommer: Warnung vor zu viel Hoffnung

Gerne wird vom saisonalen Verlauf als Helfer in der Pandemie gesprochen. Experten warnen vor zu viel Zuversicht.

Die ersten Tage mit fr√ľhlingshaften Temperaturen erleichtern nicht nur das durch den Coronawinter mitunter schwere Gem√ľt, sie wecken auch Hoffnungen auf sich positiv entwickelnde Covid-19-Fallzahlen in warmen Jahreszeiten. Politiker und Experten sprechen gerne vom "saisonalen Verlauf" als Helfer in der Pandemiebek√§mpfung. Wie so vieles in Bezug auf SARS-CoV-2 l√§sst sich dieser aber nur schwer fassen bzw. einsch√§tzen, wie Forscher gegen√ľber der APA erkl√§rten.

"Noch immer nicht allzuviel" wisse man √ľber die Saisonalit√§t des neuen Corona-Virus SARS-CoV-2, "unterschiedliche Wissenschafter sagen dazu unterschiedliche Dinge", erkl√§rte der Virologe Norbert Nowotny von der Veterin√§rmedizinischen Universit√§t Wien. Dass es mit steigenden Temperaturen weniger Infektionen geben werde, glaubt er nicht: "Die W√§rme alleine macht es nicht aus." Wenn es im Fr√ľhjahr und Sommer geringere Infektionszahlen gebe, sei das eher ein "indirekter Effekt".

Laut dem Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universit√§t Wien d√ľrfte der erhoffte "saisonale Verlauf" bei SARS-CoV-2 "deutlich weniger stark ausgepr√§gt sein wie bei der Influenza", sagte er zur APA. "Insgesamt wei√ü man es nicht wirklich", m√ľsse man einr√§umen. Auch f√ľr die Virologin Elisabeth Puchhammer-St√∂ckl von der Meduni Wien fehlt es momentan dazu an gesichertem Wissen und belastbaren neuen Erkenntnissen. Ob der erhoffte Effekt eher am Einfluss w√§rmerer Temperaturen auf die √úbertragungswege oder am ge√§nderten Verhalten der Bev√∂lkerung, die in w√§rmeren Zeiten mehr nach drau√üen dr√§ngt, sei offen, sagte Hutter.

Drei Haupt√ľbertragungswege

Nowotny erinnerte im Gespr√§ch mit der APA an die drei Haupt√ľbertragungswege: Der wichtigste sei die Tr√∂pfcheninfektion, also die direkte Ansteckung Mensch zu Mensch √ľber kurze Distanz. Die zweitwichtigste √úbertragungsart seien Aerosole, also kleinste, luftgetragene Tr√∂pfchen mit Viren, die nur in Innenr√§umen relevant sei. Und schlie√ülich gebe es noch die M√∂glichkeit einer √úbertragung durch Schmierinfektionen, etwa √ľber T√ľrschnallen.

W√§hrend bei Tr√∂pfcheninfektionen die Saisonalit√§t eines Virus "v√∂llig egal" sei, w√ľrden sich √úbertragungen durch Aerosole und Schmierinfektionen nur in Innenr√§umen abspielen - wo ein Gro√üteil der Ansteckungen passiere. "Der Grund f√ľr m√∂glicherweise weniger Infektionen im Sommer ist, dass die Menschen mehr drau√üen sind. Das ist ein indirekter Effekt", betonte Nowotny.

Der Virologe verweist in diesem Zusammenhang auf die "Neue Grippe" (auch "Schweinegrippe" oder "Mexikanische Grippe"). Dieses Influenza-Virus habe 2009/10 zu einer Pandemie gef√ľhrt, unabh√§ngig von den Jahreszeiten - aber weil ihr Verlauf milder als bei der saisonalen Grippe gewesen sei, erinnere sich kaum noch jemand daran. Bereits im Jahr darauf sei es eine saisonale Grippe geworden. "Das Virus ist also nicht ausgestorben, das gibt es nach wie vor, aber es war dann saisonal so wie alle anderen Grippeviren, die von Dezember bis April zu Infektionen f√ľhren. Genau das erwarten wir auch mit SARS-CoV-2", sagte Nowotny.

Bis gen√ľgend Menschen eine Immunit√§t dagegen aufgebaut haben - sei es durch eine Infektion oder durch eine Impfung - werde Covid-19 eine von den Jahreszeiten unabh√§ngige Pandemie sein. "Dann werden wir - wie bei allen respiratorischen Infekten, die bevorzugt im Herbst und Winter vorkommen - dieses Virus alle Jahre wieder im Herbst und Winter sehen - ganz analog zur Influenza", so der Virologe. Eine bereits im Sommer 2020 im Fachblatt "Science" publizierte US-Studie besch√§ftigte sich mit SARS-CoV-2 im Angesicht bekannter Verbreitungsmuster herk√∂mmlicher Erk√§ltungs-Coronaviren. In den Modellrechnungen zeigte sich, dass abh√§ngig von der bis dahin in der Bev√∂lkerung vorhandenen Immunit√§t auch in den kommenden Jahren vor allem im Winter weiter mit SARS-CoV-2-Ausbr√ľchen zu rechnen sei. Und zwar bis ins Jahr 2025 und auch, wenn der Erreger davor weitestgehend zur√ľckgedr√§ngt wurde.

Nowotny ist der Ansicht, dass die geringen Fallzahlen im vergangenen Sommer darauf zur√ľckzuf√ľhren waren, dass "zu diesem Zeitpunkt noch relativ wenig Virus in der Bev√∂lkerung zirkuliert hat. Das ist jetzt anders, derzeit zirkuliert viel Virus", so der Wissenschafter, der sich dennoch im Sommer einen "geringgradigen Effekt" mit weniger Virusinfektionen erwartet, aber eben vor allem deshalb, weil die Leute sich weniger in Innenr√§umen aufhalten und nicht aufgrund der Saisonalit√§t des Virus.

Mit einem gewissen Effekt auf die Infektionszahlen rechnet auch der Simulationsforscher Niki Popper von der Technischen Universit√§t (TU) Wien, wie er in den vergangenen Wochen mehrfach sagte. Gleichzeitig betonen er und andere Experten, dass dessen Ausma√ü vor allem stark mit der Infektionsausbreitung zum Zeitpunkt des Einsetzens w√§rmerer Temperaturen zusammenh√§ngen d√ľrfte: So waren etwa in den USA im vergangenen Jahr die Zahlen auch √ľber den Sommer relativ hoch - vermutlich auch, weil sie davor nie ann√§hernd so tief lagen wie hierzulande.

Wichtig sei jedenfalls, auch im Sommer und auch im Außenbereich zwei Meter Abstand zu halten. "Ich bin kein großer Fan der Maskenpflicht im Freien, aber in jenen Fällen, wo es nicht möglich ist, im Außenbereich den Abstand einzuhalten, wäre eine FFP2-Maske empfehlenswert", so Nowotny. Im Dezember berichteten Forscher im Fachjournal "Pnas", dass sie Zusammenhange zwischen sinkenden täglichen Wachstumsraten und erhöhter UV-Strahlung fanden, diese aber deutlich geringer ausfielen als die Effekte der Einhaltung der Hygiene- und Abstandregeln. Andere Umweltfaktoren wie die Luftfeuchtigkeit und die Temperatur zeigten in dieser Studie keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit Übertragungsraten.

Schon relativ fr√ľh nach Ausbruch der Pandemie gab es vereinzelt Studien, die von der M√∂glichkeit einer verringerten √úbertragung bei h√∂heren bzw. auch bei sehr tiefen Temperaturen weit unter null Grad sowie m√∂glichen Zusammenh√§ngen mit der Luftfeuchtigkeit oder -verschmutzung sprachen. Eine Untersuchung zeigte beispielsweise, dass sich die SARS-CoV-2-Konzentration auf glatten Oberfl√§chen bei 20 Grad Celsius in rund zwei Tagen um 90 Prozent reduzierte. Bei der doppelten Au√üentemperatur geschah das in nur zwei bis drei Stunden.

F√ľr Hutter ist jedenfalls zu hoffen, dass die w√§rmeren Jahreszeiten Erleichterung bringen. "Man darf sich aber nicht auf den saisonalen Effekt verlassen", warnte der Umweltmediziner. Posaune man diese vage Aussicht gro√üfl√§chig heraus, k√∂nne das auch der schon einbrechenden Bereitschaft, die Eind√§mmungsma√ünahmen zu befolgen, nochmals zuwiderlaufen.

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