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Chronik Österreich
12/17/2019

Anschlagspläne im Herzen Wiens: "Habe den Stempel, ein Terrorist zu sein"

Sergo P. sprach sich für die Scharia aus, nannte seinen Sohn Osama und missionierte in Haft, Dort hatte er auch Kontakt zu IS-Mitglied Lorenz K.

von Michaela Reibenwein

Sergo P. macht aus seiner Gesinnung keinen Hehl. Bei seiner Einvernahme sprach er sich für die Einführung der Scharia in Österreich aus. In Haft „missionierte“ er seine Zellengenossen. Seine Frau trägt Vollschleier – nicht einmal die Augen sind zu sehen. Das jüngste seiner drei Kinder trägt den Namen Osama.

Sergo P., 24 Jahre alt, steht im Zentrum der Ermittlungen zu möglichen geplanten Terroranschlägen in Wien und anderen Städten zwischen Weihnachten und Neujahr. Von der Justizanstalt Hirtenberg aus soll er die Pläne geschmiedet haben, sagen die Ermittler. Er habe einen Ausbruch geplant und mit weiteren Unterstützern mehrere Sprengsätze zur Detonation bringen wollen. Er wurde schließlich nach Stein verlegt.

Unterstützer

Einer seiner Unterstützer ist kein Unbekannter: Lorenz K. wurde 2018 zu neun Jahren Haft wegen Mordanstiftung verurteilt. Der in Österreich geborene Sohn albanischer Eltern hatte 2016 einen 12-jährigen Deutschen zu einem missglückten Attentat gedrängt.  Lorenz K. soll im November in der Justizanstalt Stein in der Zelle neben Sergo P. untergebracht gewesen sein, wie auch ServusTV berichtete. Die beiden IS-Sympathisanten sollen ein sehr enges Verhältnis gepflegt und bei Sport und Gebet die Nähe zueinander gesucht haben. Auch über die Zellenfenster dürften sie kommuniziert haben.

Am 21. November wurde der Verfassungsschutz informiert, dass in der Zelle von Lorenz K. ein Handy gefunden  wurde. Mit diesem dürfte auch Sergo P. telefoniert haben. Unter anderem um die Anschlagspläne zu besprechen, die aktuell Gegenstand der Ermittlungen sind.

K., der in der Vergangenheit von Anwalt Wolfgang Blaschitz vertreten wurde, ist jetzt nach Graz verlegt worden. Er soll bereits versucht haben, Kontakt zu seinem ehemaligen Rechtsvertreter aufzunehmen. 

Gefährder

Ähnlich wie K. beschäftigt auch Sergo P. Justiz und Verfassungsschützer seit Jahren. Er wird als „Gefährder“ eingestuft, der möglicherweise für Terroranschläge in Europa ausgebildet worden ist.

Doch wer ist dieser Mann?

Sergo P. wurde 1995 in Georgien geboren. Er gehört einer tschetschenischen Minderheit an und wuchs ohne Vater auf. Mit seiner Mutter kam er im Jahr 2011 nach Österreich, hier besuchte er die Hauptschule. Und hier heiratete er auch seine – ebenfalls streng gläubige – tschetschenische Frau.

Verkehrsstrafen

Das Paar lebte in Wien von der Mindestsicherung. Berufsausbildung hat P. keine. Aber eine gewisse Unbekümmertheit. So fuhr er gerne mit dem Auto durch die Stadt. Ohne Führerschein, aber viel zu schnell. Die Strafen, die er dafür kassierte, konnte er nicht bezahlen – er saß sie ab. „Er hat nie aus Fehlern gelernt“, sagt jemand aus seinem Umfeld.

Auch nicht, was seine Haftstrafen betraf. Vor einiger Zeit wurde ihm übrigens der Asylstatus entzogen.

Im Jahr 2014 stand der bekennende Salafist („Das ist die Grundlage unserer Religion“) zum ersten Mal vor Gericht. Damals wollte er mit seiner kranken Mutter und der Ehefrau nach Syrien reisen. Angeblich habe man einen Heiler aufsuchen wollen. Doch die Familie wurde in der Türkei festgenommen und zurück nach Wien gebracht.

Bei der Verhandlung weigerte sich seine Frau, den Gesichtsschleier abzunehmen. Erst als ihr Mann es erlaubte, folgte sie der Aufforderung des Richters. Bei der Vereidigung der Schöffen („Sie schwören und geloben vor Gott“) weigerten sich die Angeklagten, aufzustehen.

Sergo P. wurde damals zu zwei Jahren Haft verurteilt, seine Frau bekam 19 Monate und die Mutter 21 Monate Gefängnis.

Als er aus der Haft entlassen wurde, folgte ein schwerer Fehler der Behörden: Sergo P. fiel durch das Betreuungsnetz. Die Justiz ordnete keine Nachbetreuung an.

Im Anzug als "Herr Fischer"

Und so startete der Tschetschene nur wenige Monate später seinen zweiten Versuch, sich dem IS in Syrien anzuschließen. Diesmal wurde er in Wien-Schwechat festgenommen. Rasiert, im neuen Anzug von „Dressmann“ und mit einem Pass auf den Namen „Karl Fischer“. Angeblich, weil er seine künftige Zweitfrau („Ich darf laut islamischem Glauben bis zu vier Frauen haben“) beeindrucken wollte. Den Richter beeindruckte er mit dieser Aussage nicht. Er wurde erneut zu drei Jahren Haft verurteilt.

Diese Haftstrafe saß er bis zuletzt in Hirtenberg ab. 2020 hätte Sergo P. entlassen werden sollen. Dann, so betonte er immer wieder, wollte er Österreich verlassen und zurück nach Georgien. „Hier habe ich diesen Stempel, dass ich ein Terrorist bin. Dabei sitze ich nur hier, weil ich Moslem bin.“

In Hirtenberg habe er eine positive Entwicklung genommen, auch wenn er als „problematisch“ eingestuft wurde. Er habe eingesehen, dass er „Blödsinn“ gemacht habe, das Gefängnis frustrierte ihn. Doch die Betreuung stieß an Grenzen: Wenn es konkret um ideologische Diskussionen und Ansichten ging, soll Sergo P. gemauert haben; er zog sich wieder zurück.

Jetzt wurde Sergo P. in die Justizanstalt Stein verlegt. Seine Frau wird ihn wohl eher nicht besuchen kommen. Wegen ihrer Vollverschleierung ist der Gefängnisbesuch ein Problem.

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