Ärztin mit persischen Wurzeln: „Mich beeindruckt die enorme Kraft der iranischen Frauen“
Die Eltern der Wiener Allgemeinmedizinerin und Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer sind aus dem Iran.
KURIER: Sie posten auf Facebook viel über den Iran, woher Ihre Eltern stammen. Das Mullah-Regime tötet brutal Gegner in der Zivilbevölkerung. Wie sehr fühlen Sie mit den Menschen dort?
Naghme Kamaleyan-Schmied: Ich empfinde eine Art epigenetischen Schmerz, weil mich diese Ungerechtigkeit zutiefst trifft. Ich bin in Österreich geboren, denke auf Deutsch, fühle mich als Wienerin. Ich habe nicht viel Zeit im Iran verbracht, hauptsächlich bei sommerlichen Familientreffen. Mich beeindruckt die enorme Kraft der iranischen Frauen, die sich gegen dieses Regime stellen: Sie haben die Revolution ins Laufen gebracht und gehen unter Lebensgefahr auf die Straße – in einem Land, in dem nachweislich Menschen brutal ermordet werden.
Haben Sie selbst noch Verwandte im Iran?
Ja, aber nicht mehr viele. Die Angst, Angehörige durch Äußerungen zu gefährden, lebt seit fast 50 Jahren – seit Bestehen des Regimes – in uns Auslands-Perserinnen und
-Persern. Der Geheimdienst hat überall seine Augen und Ohren. So bringt man auch die persische Diaspora zum Schweigen.
Selbst Ärzte, die Demonstranten behandeln, sind in Lebensgefahr.
Medizin ist ein freier Beruf zum Schutz der Patientinnen und Patienten, unabhängig von politischer, religiöser oder sexueller Einstellung: Vor der Medizin sind alle gleich. Das ist ein Menschenrecht. Im Iran jedoch dringt das Militär in Spitäler ein, exekutiert Ärztinnen und Ärzte, die verletzte Demonstrierende behandeln, tötet auch die Verwundeten. Aus Angst wird teilweise heimlich in Kellergeschoßen operiert.
Schüchtert das den Widerstand so ein, dass er wieder erlahmt?
Glaube ich nicht. Ein Leben ohne Freiheit ist nicht lebenswert. Deshalb haben viele Menschen im Iran keine Angst vor dem Tod. Sie wollen Veränderung – für sich und für kommende Generationen. Die jetzige Stille ist weniger eine des Aufgebens, sondern der Neuorganisation.
Welche Religionszugehörigkeit haben Sie?
Ich habe eine sehr persönliche Beziehung zu Gott, lasse mich aber nicht von einer Religion definieren, die als Maske missbraucht wird, um Menschen zu töten.
Warum hat Ihre Familie den Iran verlassen?
Mein Vater kam nach Wien, um Medizin zu studieren. Da brach der Krieg gegen den Irak aus. Als angehender Mediziner hätte er an die Front gemusst – für dieses Regime und diese Ideologie wollte er aber nicht kämpfen.
Warum gibt es denn so viele persische Ärzte?
Medizin ist in der persischen Kultur tief verwurzelt. Für mich war immer klar, dass ich Ärztin werden möchte.
Was lieben Sie am Persischen?
Das Essen, die Kultur, die Freude am Feiern. Gleichzeitig habe ich schon als Jugendliche erlebt, wie willkürlich junge Frauen von der Sittenpolizei verhaftet wurden – oft nur wegen Kleinigkeiten. Diese Erfahrungen prägen.
Zum ausführichen Salon Salomon mit Naghme Kamaleyan-Schmied
Verbreiten sich islamistische Tendenzen auch bei uns? Der Islam hat viele Auslegungen. Ich kenne viele Musliminnen und Muslime, die sehr werteorientiert leben. Problematisch wird es dort, wo Religion politisch instrumentalisiert wird.
Haben Sie Verständnis für Kopftuchträgerinnen in Österreich?
Religion ist etwas Persönliches. Es soll Freiheit geben, aber keinen Zwang. Mich stört der Zwang – und das Verschwinden der Frau aus der Öffentlichkeit.
Sie arbeiten seit heuer in einem Primärversorgungszentrum in Floridsdorf. Ein ideales System?
Ich war davor 15 Jahre lang Allgemeinmedizinerin in einer Einzelpraxis. Primärversorgungszentren sind sinnvoll, sie funktionieren aber nur, wenn man auch die Einzelordinationen stärkt. Diese sind der Grundbaustein größerer Versorgungseinheiten. Es braucht Vielfalt, nicht Einheitslösungen. Manche Patienten bleiben lieber in einer kleineren Einheit, wo man immer den selben Arzt hat.
Hat Österreich eigentlich noch die weltbeste Medizin?
Wir haben ein gutes, aber überlastetes System. Ohne Reformen ist es gefährdet.
Sie sind auch Kammer-Vizepräsidentin. Was wünschen Sie sich von der Politik?
Mitsprache. Ich hätte sofort zehn Vorschläge zur Hand. Wir werden mit Bürokratie überfrachtet, während echte Probleme ungelöst bleiben. Wir haben massive Mangelfächer – vor allem dort, wo eine sprechende Medizin gefragt ist: Kinder, Gynäkologie zum Beispiel. Früher hat man sich um einen Kassenplatz geprügelt. Das ist vorbei.
Sowohl Patientenschaft als auch Ärztinnen und Ärzte flüchten vor der Fünf-Minuten-Medizin in das Wahlarztsystem.
Unsere Fixkosten wurden teurer, unsere Honorare jedoch nicht, weil wir die Preise in einer Kassenpraxis nicht selbst gestalten können. Wenn rund um mich herum Ärzte in Pension gehen, muss ich auch deren Patienten übernehmen. Es bleibt immer weniger Zeit, das ist auch für mich nicht schön. In der Großstadt breiten sich Infektionen schneller aus als am Land. Depressionen nehmen in allen Bevölkerungsgruppen zu, die Leute haben Angst und Existenzsorgen. Gleichzeitig gibt es ein schlecht ausgeprägtes soziales Netzwerk. Hier hilft nicht die ums Eck wohnende Cousine, und die Oma kann auch nicht einspringen, weil die selbst noch arbeitet.
Es ist angesichts der Budgetnöte aber eher ausgeschlossen, dass Ärzte eine Honorarerhöhung bekommen.
Nicht zwangsläufig. Man könnte ja auch mit einer Verbesserung der Rahmenbedingungen starten: So sollte es zum Beispiel die Möglichkeit einer reinen Vormittagsordination für Menschen mit Kinderbetreuungspflichten geben. Man sollte sich leichter Vertretungen in die Ordination holen können. Zumindest in der Grippesaison müsste es ein höheres Kontingent an CRP-Tests für Kassenärzte geben: Damit kann ich feststellen, ob die Infektion bakteriell oder viral und wirklich ein Antibiotikum nötig ist. Wir haben ja immer mehr Antibiotika-Resistenzen. In einer Grippewelle bin ich schon nach Woche zwei über dem Limit, das ich abrechnen darf.
Was halten Sie vom Gastpatientenstreit zwischen Wien und Niederösterreich?
Wie schon gesagt: Vor der Medizin sind alle Menschen gleich – daher darf es auch keinen Unterschied machen, aus welchem Bundesland jemand kommt. Es zählt ausschließlich der Mensch und sein medizinischer Bedarf. Meinen Patientinnen und Patienten ist es bisher auch noch nicht passiert, dass sie im Spital nicht aufgenommen wurden.
Was sagen Sie zum SPÖ-Vorschlag, Wahlärzte zu Kassenleistungen zu verpflichten?
Einen freien Beruf wie jenen der Ärztinnen und Ärzte zu etwas zu zwingen, ist kein Angriff auf uns – es ist ein Angriff auf die Patientinnen und Patienten. Medizin muss frei sein – frei von politischer Einflussnahme, frei von ideologischen Vorgaben. Die Politik sollte sich vielmehr fragen, warum niemand mehr eine Kassenordination übernehmen will und die Ursachen beheben. Man könnte ja auch krankenhausentlastende Maßnahmen unterstützen, die am Ende Geld sparen. Beispiel: Wenn jemand mit geschwollenem Fuß und Thromboseverdacht bei mir in der Ordination landet, kann ich nicht viel tun, weil mir der D-Dimer-Test fehlt. Das dauert zehn Minuten. Wenn er negativ ist, bin ich mir sehr sicher, dass der Patient keine Thrombose hat und daheim behandelt werden kann. Derzeit schicke ich fast jeden ins Krankenhaus zur Abklärung. Das kostet! Und der Patient verbringt sieben, acht Stunden im Spital.
Einfache Lösungen – warum sind sie so schwierig umzusetzen?
Weil jeder nur seinen eigenen Bereich sieht. Finanzierung aus einer Hand klingt gut, existiert aber nicht.
Zur Person
Kamaleyan-Schmied wurde als Tochter einer persischen Arztfamilie in Wien geboren. Die praktische Ärztin leitete 15 Jahre lang ihre eigene Ordination, ehe sie heuer in ein Primärversorgungszentrum in Floridsdorf übersiedelte. Sie ist Vizepräsidentin in der Wiener Ärztekammer.
Mullah-Regime
Nach dem Schah-Sturz wurde 1979 die Islamische Republik ausgerufen. Das Land ist isoliert, wirtschaftlich schwach. Eine Widerstandswelle der Jugend gegen das Regime wird von den Mullahs mit immer brutalerer Härte beantwortet.
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