Westreicher: „Umgang mit uns Hausärzten ist teils indiskutabel“

Das Ärzteehepaar Claudia und Richard Westreicher. über die mangelnde Attraktivität, eine Hausarztordination zu führen.
Westreicher

Claudia und Richard Westreicher sind ein Ärzteehepaar. Der 64-Jährige führt seit 1993 eine Hausarztordination in Vorchdorf, die er von seinem Vater übernommen hat. Seine Frau Claudia (62) ist seit 1991 Allgemeinmedizinerin, 1995 wurde sie Wahlärztin. Sie vertritt diese Gruppe in der Ärztekammer, in der sie Vizepräsidentin ist. Die beiden kennen einander seit 44 Jahren, sie haben sich beim Medizinstudium in Innsbruck kennengelernt und sie sind seit 40 Jahren verheiratet.

KURIER: Warum wollen heute so wenig Mediziner eine Hausarztordination übernehmen?

Richard Westreicher: Es werden viele Ärzte von den Krankenhäusern abgesaugt. Es trauen sich auch viele eine Niederlassung nicht mehr zu. Sie meinen, das sei so furchtbar schlimm. Kaum einer wagt den Sprung ins kalte Wasser.

Warum meinen sie, dass es so furchtbar schlimm ist?

Ich nehme an, sie lernen es zu wenig. Oder sie machen sich zu viele Gedanken über die Niederlassung. Sie lernen Dinge anders, als wir sie gelernt haben.

Was zum Beispiel?

Die Art und Weise mit den Patienten umzugehen. Sie lernen viel mehr labortechnische Dinge. Es war bei uns schon wenig Praxis. Jetzt ist es noch weniger.

Warum entscheiden sich heute mehr für eine Wahlarztordination als für eine Hausarztpraxis?

Westreicher

Claudia Westreicher ist Wahlärztin und Vizepräsidentin der oberösterreichischen Ärztekammer

Claudia Westreicher: Das hat mehrere Gründe. Es gibt derzeit sehr wenig Ausbildungsplätze für Allgemeinmediziner in den Spitälern. Es gibt Wartezeiten.

Wie lange müssen sie warten?

Im Linzer Zentralraum beträgt sie ein Jahr. Zum Zeitpunkt des Studienendes ist den angehenden Medizinern relativ unbekannt, wie Allgemeinmedizin in der Praxis tatsächlich abläuft. Sie haben zwar das praktisch-klinische Jahr, in dem sie auch vier Wochen in der Allgemeinmedizin verbringen müssen, aber dazu zählt zum Beispiel auch die Spitalsambulanz. Da erfahren sie aber nicht, wie es draußen ist.

Der dritte Punkt ist, dass viele meinen, nur im Team sind sie stark. Das erklärt auch die Zuneigung zu den Primärversorgungszentren, wo sie gemeinsam arbeiten und jemanden haben, der ihnen die gesamte Organisation abnimmt.

Momentan sind auch viele Facharztstellen in den Spitälern ausgeschrieben, es wird für diese Ausbildung aktiv geworben.

Die Allgemeinmedizin als Einzelkämpfertum ist für viele Frauen nicht attraktiv, weil sie nicht wissen, wie sie das Handling von Familie und Beruf schaffen.

Sie tendieren zu Teilzeit.

Sie tendieren zur Teamarbeit. Trotzdem steigt die Anzahl der Wahlärzte, obwohl sie hier Einzelkämpfer sind, noch wesentlich stärker als bei einer Kassenarztpraxis. Sie haben aber weniger Patienten und damit weniger bürokratischen Aufwand. Sie wollen nach ihren Vorstellungen arbeiten. Sie wollen für ihre Patienten Zeit haben.

Haben Sie als prak- tischer Arzt genügend Zeit für die Patienten?

Richard Westreicher: Ich nehme sie mir. Wirtschaftlich gesehen ist das nicht gescheit. Ich praktiziere keine Drei-Minuten-Medizin.

Wie ist Ihr zeitlicher Einsatz?

Ich ordiniere Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 8 bis 12 Uhr, am Donnerstag zusätzlich von 17 bis 19 Uhr und am Samstag von 8 bis 10 Uhr.

Machen Sie nachmittags Krankenbesuche?

Ja, die mache ich.

Wie viele Stunden arbeiten Sie?

Die tatsächlichen Zeiten mit den Patienten sind täglich um eine halbe bis dreiviertel Stunde länger als die Ordinationszeiten. Abgesehen von den akuten Fällen habe ich mir die nachmittägigen Dauer-Krankenbesuche so eingeteilt, dass ich in einer Woche alle abfahre und die andere Woche so wenig wie möglich. Es gibt viele ältere Menschen, die nicht mehr gut gehen können, aber nicht wirklich stark krank sind und die auf meinen Besuch warten. Im Altenheim bin ich jeden Montag.

Zu den Patientenkontakten kommt noch die Zeit, um Befunde zu lesen, Briefe und Rechnungen zu schreiben.

Was sollte man ändern, um den Beruf des praktischen Arztes zu attraktivieren?

Das Ansehen des praktischen Arztes ist im Sinken begriffen. Nicht bei der Bevölkerung, sondern bei allen anderen Institutionen. Die Art und Weise, wie man mit uns umgeht, ist teilweise indiskutabel.

Was stört Sie?

Die Ärztekammer darf nicht mehr mitreden, sondern nur mehr ein beratendes Organ sein.

Wo?

Wie man den Gesundheitsplan in Österreich überhaupt aufstellt. Die Kassen dürfen mit uns nun auch nicht mehr verhandeln, weil das alles von Wien gesteuert wird.

Ist für Sie als Arzt die Zentralisierung der regionalen Gebietskrankenkassen zur Österreichischen Gesundheitskasse eine Verschlechterung?

Eindeutig.

In welcher Art und Weise?

Der Kontakt zur Krankenkasse ist nicht mehr gegeben. Ich wollte heute bei der Gesundheitskasse anrufen, gelandet bin ich in einem Callcenter in Niederösterreich.

Ohne Antwort?

Ich bekam schon eine Antwort, aber ich wollte eigentlich mit den Gmundnern reden. Da habe ich die Nummer gewählt, die ich von den Gmundnern habe und lande im Callcenter in Niederösterreich. Man kennt die Leute nicht mehr, man redet mit jemandem, der schon eine kompetente Aussage macht. Aber dieses Gespür füreinander ist weg. Früher hatte ich alle zwei Jahre ein Gespräch mit einem Arzt der Gebietskrankenkasse. Dieser hat zum Beispiel nach Verbesserungsmöglichkeiten gefragt. Heute kann man zwar sagen, man hat Verbesserungsmöglichkeiten, aber sie passieren nicht. Wir verdienen zwar nicht schlecht, aber wir verdienen falsch, wir verdienen an der Masse der Patienten. Umso mehr kommen, umso besser ist es. Bis zu einem gewissen Punkt, da ist es dann degressiv gestaltet. Es gibt eine Reihe von Leistungen am Patienten, die nicht honoriert werden.

Zum Beispiel?

Eine intramuskuläre Injektion. Sie wird von der Gesundheitskasse nicht bezahlt, die kleinen Kassen zahlen sie. Ein kleiner Verbandwechsel wird auch nicht bezahlt. Es kann aber sein, dass dieser Wechsel 20 Minuten dauert, weil er schwierig sein kann.

Westreicher

Die beiden haben sich vor 44 Jahren beim Medizinstudium in Innsbruck kennengelernt, seit 40 Jahren sind sie verheiratet

Also falsche Abrechnungen?

Claudia Westreicher: Es ist einfach verkehrt. Mir ist schon klar, dass man das teilweise an eine Angestellte delegieren kann, aber es ist Zeitaufwand am Patienten. Man muss sauber arbeiten.

Was in den letzten Jahren dazukommt, ist die massive Auslagerung von Leistungen aus dem Spitalsbereich in die Ordinationen.

Zum Beispiel?

Die Verbandswechsel. Jemand hat sich verletzt, er wird im Spital genäht und versorgt. Dann heißt es, Wundkontrolle und Entfernung der Nähte beim Hausarzt.

Richard Westreicher: Wir haben oft keine Unterlagen. Die Patient kommt und hat zum Beispiel ein neues Medikament. Ich weiß oft nicht warum. Das Medikament ist chefarztpflichtig, ich muss das ansuchen. Ich sitze dann da und muss es begründen, warum er es bekommt.

Claudia Westreicher: Es sind noch immer nicht

alle Krankenhausbefunde in ELGA (Elektronische Gesundheitsakte).

Richard Westreicher: Es kommen Patienten aus den Spitälern mit Verbänden. Ich soll ihn runtergeben. Ich habe keinerlei Information, was mich erwartet. Das ist teilweise wirklich aufwendig. Ich hatte jetzt einen Patienten, wo die Naht nach einem Jahr noch immer nicht ganz geschlossen war.

Wie kann man die Hausarztordinationen attraktiver gestalten?

Claudia Westreicher: Es passiert nun einiges in der neuen Ausbildungsordnung. Alle müssen am Schluss ihrer Ausbildung eine neunmonatige Lehrpraxis in einer Niederlassung machen. Das ist gut, denn hier lernt man viele Dinge.

Die Rahmenbedingungen gehören attraktiviert. Mehrarbeit darf nicht gestrichen werden. Das ist psychologisch völlig verkehrt.

Attraktivität benötigen wir auch bei den Öffnungszeiten. Sowohl das Land OÖ als auch die Gesundheitskasse wollen Abdeckungen an den Randtageszeiten. Warum eigentlich? Ein Pensionist hat am Vormittag Zeit für den Arztbesuch. Wenn die Menschen krank sind, können sie auch am Vormittag zum Arzt gehen. Für die Vorsorgeuntersuchungen benötigt man sowieso gesonderte Termine außerhalb der regulären Ordinationszeit.

Wie viel arbeiten Sie als Wahlärztin?

Ich habe dieselben Öffnungszeiten wie mein Mann. Ich komme auch oft erst eine Stunde später aus der Ordination.

Haben Sie dieselbe Anzahl an Patienten wie Ihr Mann?

Ich habe weniger. Ich nehme mir länger Zeit für sie. Ich fahre auch Visiten, aber bei Weitem nicht so viele wie er. Bei mir sind es oft palliative Situationen. Da kann es sein, dass ich jeden Tag hinfahre. Dazu kommen Patienten, die ans Bett oder an ihre Wohnung gefesselt sind. Es sind ältere Menschen dabei, die nicht mehr außer Haus können.

Wie ist Ihr Verdienst im Vergleich zu Ihrem Mann?

Ich verdiene 20 Prozent weniger. Ich habe sehr moderate Tarife. Ich habe ganz normale Leute.

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