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Provinzial der Barmherzigen Brüder: „Können uns das Gesundheitssystem so nicht mehr leisten“

Die Systeme Gesundheit und Pflege müssen neu gedacht werden, sagt Rudolf Knopp, der neue Provinzial der Barmherzigen Brüder.
Pater Provinzial Rudolf Knopp

Pater Rudolf Knopp ist seit Jänner Provinzial der Barmherzigen Brüder. Die Provinzen Bayern und Österreich haben sich zur Provinz Europa Mitte zusammengeschlossen. Zur Provinz gehören 18 Krankenhäuser (u. a. Linz), sechs Altenheime, Behinderteneinrichtungen an 34 Standorten, Spezialambulanzen, Hospize, Palliativabteilungen und Kurhäuser (u. a. Schärding).

Knopp ist 1958 in Kahl am Main (Metropolregion Rhein-Main) aufgewachsen. Er hat seinen Zivildienst in einer Tagesstätte für Menschen mit einer geistigen Behinderung absolviert. Auf der Suche nach einem Orden, der sich mit dieser Menschengruppe beschäftigt, ist er bei den Barmherzigen Brüdern gelandet. Er machte die Ausbildung zum Heimerziehungspfleger. Er arbeitete in Irland, und in Reichenburg (Oberpfalz). Er wurde Prior im Krankenhaus Regensburg, das mit rund 1.000 Betten das größte Ordenskrankenhaus in Deutschland ist. Er wurde Provinzial von Bayern.

Es folgten zwölf Jahre im Generalrat in Rom, dem weltweiten Führungsgremium. Im Anschluss kehrte er als Provinzial nach Bayern zurück und bereitete die Fusion mit Österreich vor.

KURIER: Warum haben Bayern und Österreich fusioniert?

Rudolf Knopp: Es liegt an Nachwuchsproblemen. Wir werden weniger. Zum Ordensleben gehört, dass Funktionen durchgewechselt werden können. Je kleiner eine Provinz wird, umso schwieriger wird das. Mit einem größeren Pool an Mitbrüder können wir Leitungsfunktionen rotieren lassen, was in unserem Verständnis wichtig ist, damit ein neuer Geist und Blickpunkt hineinkommt.

Wie viele Mitbrüder waren zuletzt in den jeweiligen Provinzen?

In Bayern waren wir 17, in Österreich 34. Österreich ist etwas größer, weil auch die Länder Slowakei, Tschechien und Ungarn zu Österreich gehört haben. Die neue Provinz Europa Mitte reicht jetzt von Frankfurt/M., wo wir etwas außerhalb ein Altenheim haben, bis nach Pécs in Südungarn. Und von Prag nach Brescia (Norditalien), wo wir unser Novizenhaus haben. Alle europäischen Novizen werden in Brescia ausgebildet. Derzeit sind es fünf.

Warum haben alle Orden Nachwuchsprobleme?

Wir haben heute eine ganz andere gesellschaftliche Situation. Die Volkskirche gibt es nicht mehr. Ich wurde in einer katholischen Familie sozialisiert. Ich war Ministrant und in der katholischen Jugendarbeit. Diese Sozialisierung ist heute weg, es ist wesentlich schwieriger, im Freundeskreis zu sagen, dass einem Religiöses wichtig ist. Es finden alle ganz toll, wenn jemand sagt, ich fahre nach Indien in einen Ashram. Weniger Verständnis erntet man, wenn man sagt, ich gehe 14 Tage auf Exerzitien.

Das gesellschaftliche Klima hat sich verändert. Es ist deshalb auch für Menschen schwieriger, Gott im Alltag zu entdecken.

Die Ordensmitglieder führen ein Leben des Verzichts. Sie verzichten auf Familie, auf materiellen Wohlstand, persönliche Bedürfnisse werden zugunsten der Kirche und zugunsten sozialen Engagements hintangestellt. Ein Kontrapunkt zum heutigen Leben.

Das allgemeine Bewusstsein ist anders gestrickt. Heute ist die Entscheidung für einen Orden für einen jungen Erwachsenen wesentlich schwieriger, als es für mich mit 21 Jahren war. Wobei ich dazu sagen muss, wenn mir jemand gesagt hätte, als ich 20 Jahre alt war, dass ich mit 22 ins Kloster eintrete, hätte ich gesagt, mir passiert alles, aber das mit Sicherheit nicht.

Wie können Sie so ein Leben einem jungen Menschen schmackhaft machen?

Man kann das nur mit Sinnstiftung machen. Die Sinnfrage ist heute sehr virulent und einfach da. Die Frage ist, wie finde ich die Sprache der jungen Menschen, damit diese die Möglichkeit der Sinnstiftung erkennen. Das betrifft nicht nur uns Orden, sondern die Kirche im Allgemeinen. Konservative Kreise befürchten, dass dadurch die Botschaft verwässert wird. Die Substanz ändert sich nicht, wenn die Sprache leichter zugänglich ist.

Was sind Ihre Ziele als Provinzial?

Wichtig ist, dass wir uns als Brüdergemeinschaft wirklich finden. Wir haben vier Jahre den Prozess der Fusion vorbereitet, wir haben unsere Struktur entwickelt. Aber es braucht dann noch einmal den Sprung zum Wir, zur Provinz Europa Mitte.

Dass es eine Gemeinschaft wird?

Ja. Jeder ertappt sich und sagt, in Bayern, in Österreich, jeder teilt das nach wie vor so ein. Da nehme ich mich selbst nicht aus. Wir halten nun über die Gesamtprovinz Brüdertage. Wir sind schon auf einem guten Weg.

Wir wollen den Menschen weiterhin ein Hilfsangebot machen können. In Deutschland steht das Gesundheitssystem ein bisschen Kopf.

Es ist schwierig, das derzeitige System weiterhin finanzieren zu können.

Mich stört, dass es da heißt, die Ärzte, die Apotheker oder die Krankenhäuser sind schuld. Es sind weder die Ärzte noch die Apotheker noch die Krankenhäuser. Wir können uns das System so nicht mehr leisten. Mir gefällt die politische Diskussion nicht.

Frater Rudolf Knopp

Knopp in der Ordenszentrale im Zweiten Wiener Gemeindebezirk, wo die Barmherzigen Brüder 1614 ein Spital gegründet haben.

Wie würden Sie sie formulieren?

Wir können uns den augenblicklichen Standard so nicht mehr leisten. Wir müssen zu Absenkungen der Erwartungshaltungen kommen. Dann zu sagen, die Pharmaindustrie oder andere verdienen zu viel, das sind Nebenkriegsschauplätze.

Warum können wir uns das Gesundheitssystem so nicht mehr leisten? Ist es ineffizient? Ist der medizinische Fortschritt teuer ?

Das sind personalintensive Unternehmen. Das macht es teuer. Hier kann man kaum etwas automatisieren. Auch die Altenheime sind sehr personalintensiv. Früher hatten wir in den Altenpflegeheimen einen Mix von Menschen, die noch fitter waren. Heute liegt das Eintrittsalter bei über 80. Wer heute kommt, kommt mehr oder minder als Pflegefall. Das bedeutet einen höheren Personalaufwand, was teuer ist. Die Medizin hat sich weiterentwickelt.

Zum Beispiel in der Krebsbehandlung.

Auch die Untersuchungen sind viel intensiver. Früher hat man halt geröntgt. Eine Computertomographie (CT) ist teurer als ein Röntgen, aber man hat auch ein wesentlich besseres Ergebnis. Wir wollen alle eine optimale Diagnostik für eine optimale Therapie. Ein Operationscomputer kostet heute 1,5 Millionen Euro. Das macht die Prostataoperation teurer.

Das kostenlose Gesundheitssystem ist eine soziale Errungenschaft, die von den Menschen geschätzt wird. Die Erwartungshaltung ist, dass es kostenlos bleibt. Wie kann man das System leistbar halten?

Der Status, den wir jetzt haben, wird sich ohne Veränderungen nicht halten lassen. Die Zuzahlungen werden steigen müssen, was ein Problem für die niedrigen Gehaltsgruppen wird. Wir müssen über unser System diskutieren. Augenblicklich haben wir ein System für alle. Die Frage ist, wer muss welchen Beitrag für unser Sozial- und Gesundheitssystem leisten? Hier stellt sich die Frage der Solidarität. Das ist eine politische Frage.

Jene, die mehr verdienen, müssen mehr bezahlen. Bedeutet das, dass man die Sozialversicherungsbeiträge erhöhen muss? 

Die Frage ist, welche Berufsgruppe ist wie belastbar? Das ist eine gesellschaftsethische wie auch eine politische Diskussion. Wir lösen das nicht, wenn wir auf die Apotheker, Ärzte und die Pharmaindustrie einschlagen. Es muss mehr in die Kassen einbezahlt werden und man muss auf die Verteilung der Ressourcen kritisch hinschauen. Muss immer gleich ein CT gemacht werden? Reicht nicht auch ein Röntgen? Das betrifft die Erwartungshaltung der Patienten. Jeder will das Maximum. Die Frage ist, ob es immer das Maximum sein muss, oder kann man auch anders eine adäquate Behandlung erreichen? Es muss wesentlich breiter diskutiert werden, als es augenblicklich gemacht wird. Das betrifft die Politik nicht allein, es braucht eine breite Diskussion mit Fakten, die über die Halbwahrheiten hinausgeht.

Ich erlebe, dass die Diskussionen sofort auf eine emotionale Ebene gehoben werden, alle sind sofort empört und aufgeregt. Wie viele Medikamente landen beispielsweise in den Mülltonnen? Nicht nur die Pharmaindustrie, sondern auch der Verbraucher muss sich selbstkritisch hinterfragen. Was nehme ich in Anspruch, wie gehe ich damit um?

Die Mentalität ist, das steht mir zu.

Wir müssen das differenziert diskutieren. Es gibt nicht nur die eine Stellschraube. Wir brauchen alltagstaugliche Systeme. Wir müssen das System neu denken. Es steht finanziell und von den personellen Ressourcen an. Es muss aber nicht schlechter werden.

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